Zeitung Heute : Per Ordre du Mufti

Seit Scheich Al Thani seinen Vater mit einem unblutigen Putsch vom Thron stieß, hat er seinen Landsleuten eine Blitzreise in die Zukunft verordnet. Katar war immer klein und reich, nun will es auch noch wichtig werden.

Katar baut auf.
Katar baut auf.Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Über dem offenen Feuer knistern die Kaffeebohnen. Die rote Glut spiegelt sich in den Gesichtern, Rauch beißt in die Augen, von ferne meckern ein paar Ziegen. „Sing, Jassir, sing“, ruft es aus dem Inneren des Zelts. Und Jassir singt. Rau und tief ertönt die Stimme des alten Beduinen. Er singt: „Nimm Kaffee, misch Gewürz hinein und reiche ihn den Männern hoch zu Ross.“ Es ist ein altes Kriegslied aus der Wüste, wo die Zeremonie des Kaffeemachens seit alters her Männersache ist. So auch an diesem Abend in Katar.

Eine Autostunde vor den Toren der Hauptstadt liegt die Farm, auf der Jassir sein Lied anstimmt. Der Syrer und 27 ägyptische Fellachen bestellen die Felder, züchten Rosen und hüten hier die Schafe. Besitzer des 60 Hektar großen Anwesens ist Mohammed Attiya. Seine Familie ist der zweitmächtigste Clan von Katar, direkt nach den Al Thanis, aus dem Staatschef und Premierminister stammen. „Hier ich bin ein anderer Mensch“, sagt er, der mit 15 Geschwistern in der Provinz Al Rayyan aufwuchs. Genüsslich zieht er an einer Zigarette, die er sich nur anstecke, wie er sagt, wenn er sich ganz und gar wohlfühle.

In der katarischen Hauptstadt bewohnt Mohammed Attiya mit seiner Frau und sieben Kindern eine Residenz direkt gegenüber der neuen Wahhab-Zentralmoschee, die mehr als 30 000 Beter fasst. Bekannt gemacht aber hat ihn in Doha seine Majlis, ein Salon der offenen Tür, wo Abend für Abend einflussreiche Herren auf bequemen Polstern bei Kaffee, Tee, Datteln und Gebäck zusammensitzen, um zu plaudern – über das nächste Kamelrennen, die letzte Auslandsreise oder die jüngsten Geschäfte. Ringsherum an den Wänden hängen Schwarz-Weißfotos aus dem Katar der 50er Jahre. Sie zeigen geduckte Häuser, Eselskarren, einen stolzen Falkner mit seinem Jagdvogel sowie eine Klasse Schulkinder, eng gepfercht auf groben Holzbänken, mit der Karte von Europa im Rücken.

Die Woche über dirigiert Mohammed Attiya in Doha seine drei Baufirmen, seine sechs Supermärkte sowie sein Lifestyle-Magazin „Die Perle“. Zwischendurch lässt er sich auch in seinem Büro im Arbeitsministerium blicken, wo er offiziell als Berater des Ministers fungiert. Und an den Wochenenden zieht es den 45-Jährigen hinaus aufs Land ins Beduinenzelt: auf dem Boden sitzen, rauchen, den Nachthimmel mustern und an der freien Luft schlafen.

Wie viele Kataris trägt Mohammed Attiya zwei Seelen in seiner Brust. Die Sehnsucht nach dem einfachen, beschaulichen Leben seiner Jugend und die Faszination des rasanten, neuen Katars, das dank Gas und Öl auf sagenhaftem Reichtum sitzt und 2022 als erstes muslimisches Land eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten wird. Vor einer Dekade bestand die Skyline an der Corniche von Doha aus einem einzigen Gebäude, dem Sheraton-Hotel. Heute wirkt dessen pyramidenartige Silhouette schon fast verloren vor dem Panorama der neuen Wolkenkratzer, die der Stadt ein modernes und dynamisches Gesicht geben. Praktisch alles stammt aus den vergangenen 15 Jahren, seit Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani seinen Vater mit einem unblutigen Putsch vom Thron stieß und seinen Landsleuten eine Blitzreise an die Spitze der Zukunft verordnete.

Auch auf der diplomatischen Weltbühne hat sich Katar inzwischen einen Namen gemacht. In der Arabischen Liga gibt der Däumling im Persischen Golf inzwischen mit den Ton an. Beim vergangenen Arabischen Gipfel im März 2010 im libyschen Sirte spottete Gastgeber Muammar Gaddafi noch öffentlich über den Bauch des fülligen Emirs von Katar. Breit grinsend posierte der libysche Despot damals zusammen mit Ägyptens Hosni Mubarak und Jemens Ali Abdullah Saleh in der ersten Reihe des Gruppenfotos. Diese Woche beim Gipfel in Bagdad wird wohl Emir Hamad Al Thani ganz vorne stehen, auch weil die bisherigen regionalpolitischen Schwergewichte Ägypten, Saudi-Arabien, Irak und Syrien stark mit sich selbst beschäftigt sind. „Kissinger Arabiens“ nennen ihn seine Bewunderer und preisen ihn als Mittler zwischen Orient und Okzident. Andere befürchten allerdings, dass Katars gekröntes Haupt in der falschen diplomatischen Gewichtsklasse boxt und bald zu Boden gehen könnte. „Katar kann nur führen, wenn Saudi-Arabien zustimmt, nicht jedoch auf eigene Rechnung“, sagt Salman Shaikh von Brookings Doha, einem Ableger des Washingtoner Politikforschungsinstituts Brookings. „Und es könnte seine Kräfte überdehnen.“

Viele Jahre war Katar primär auf Ausgleich und Vermittlung bei Krisen in der Region bedacht. Erst seit dem Arabischen Frühling hat es sich zu einem aktiven politischen Akteur gewandelt. Das Emirat gehörte zu den energischsten Unterstützern eines internationalen Eingreifens in Libyen gegen Gaddafi. Es ließ den Rebellen 400 Millionen Dollar zukommen, schickte Waffen und Mirage-Jets in die Schlacht. Jemens Machthaber Ali Abdullah Saleh forderte die Führung in Doha schon Wochen nach Beginn der Proteste öffentlich zum Rücktritt auf. Heute wirbt Doha am lautesten für eine militärische Intervention gegen Syriens Präsidenten Bashar al Assad. Katar sei ein „kleines Land, das zur Hälfte vom US-Militär besetzt ist“, giftete der Botschafter von Damaskus vor dem UN-Weltsicherheitsrat zurück.

Katar hat weder ein Parlament noch Parteien, weder eine Zivilgesellschaft noch eine unabhängige Justiz. Opposition gibt es praktisch nicht, allerdings auch keine politischen Häftlinge. Vielleicht wird 2013 zum ersten Mal ein Parlament gewählt, vielleicht auch nicht. Und wie beim Nachbarn Saudi-Arabien ist der wahhabitische Islam Staatsreligion, auch wenn dessen Klerus wenig zu melden hat. Katars Frauen sitzen am Steuer, und es gibt keine Sittenpolizei. Mehr noch: Katar ist stolz auf seine Widersprüche. Es beherbergt die amerikanische Luftwaffenbasis Al Udeid genauso wie den konservativen Meisterdenker der Muslimbrüder, den 85-jährigen Ägypter Yusuf Al Qaradawi. Das von I. M. Pei gebaute Museum für Islamische Kunst ist in der arabischen Welt konkurrenzlos, was Architektur und Ausstellungsstücke angeht. Auf dem Gelände der „Qatar- Foundation“ betreiben renommierte Universitäten aus Europa und den USA ihre Filialen. Junge Frauen und Männer studieren zusammen, ohne dass islamistisches Kulturkampfgeschrei ertönt. Auch im Sport herrscht Weltniveau. Die Tennis-Elite spielt auf, 450-PS-Speedboote rasen durch die Lagune vor der Hauptstadt, um WM-Punkte zu sammeln, und in drei Jahren ist die Handball-Weltmeisterschaft zu Gast.

Die Öl- und Gasreserven Katars, so hat jüngst ein Gutachten kalkuliert, sind nach heutigen Weltmarktpreisen 7,3 Billionen Euro wert. Der Bodenschatz gehört 230 000 Kataris, die umsorgt werden von 1,5 Millionen Gastarbeitern aus aller Welt. Eine Drittel-Gesellschaft nennen westliche Diplomaten das Emirat. Weil es drei Gruppen von Menschen gibt. Die kleinste sind die Einheimischen. Sie zahlen keine Steuern, bleiben meist unter sich und gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Zur mittleren Gruppe gehören gut qualifizierte Ausländer. Sie führen die Firmen, wickeln die Geschäfte ab und halten die Wirtschaft am Laufen. Die meisten leben schon Jahre im Land, ohne je ein katarisches Privathaus von innen gesehen zu haben. Die weitaus größte Bevölkerungsgruppe sind die zehntausenden Haushaltshilfen und hunderttausenden Bauarbeiter, Taxifahrer und Kellner, untergebracht in Siedlungen und Lagern vor der Stadt, zu sechst leben sie in engen Zimmern. Die Männer dürfen an Feiertagen nicht in die Shopping-Malls und schuften für magere Löhne.

Trotzdem ist in Katar bisher alles eine Nummer kleiner und weniger mondän als in Dubai. Im kreisrunden Innenhafen der künstlich aufgeschütteten Halbinsel „Qatar Pearl“ am Nordrand von Doha dümpeln lediglich drei prächtige Yachten. Unentwegt wienern Filipinos die teuren Steinfliesen in den Shopping-Passagen, umwabert von der üblichen seichten Musik. Viele Luxusappartements mit Blick auf das azurblaue Meer sind leer, genauso wie die prächtigen Showrooms von Maserati, Ferrari und Rolls Royce. Bei Rolls Royce wird ein gebrauchter Wagen vom Typ Ghost feilgeboten. 900 Kilometer hat sein Besitzer ihn gefahren. Nun will er ihn für 280 000 Euro verkaufen. Ein gebrauchter Ferrari GTO ist bereits für 180 000 Euro zu haben.

„Katars Führung träumt davon, das Luxemburg des Orients zu werden“, urteilt ein ausländischer Beobachter, „doch anders als Luxemburg leben sie in einer ziemlich wilden Gegend.“ Und Abdulhameed Alansari, pensionierter Professor für Islam und Mitglied beim „Gulf Research Center“, sagt, dass Katar in der großen Welt der Politik „ein Zwerg“ sei: „Wenn wir keinen Einfluss suchen, werden wir keinen haben.“ Katar habe so wenig Einwohner, es könne für seine Sicherheit nicht auf Militär setzen. Das „Katar-Rätsel“, von dem viele Beobachter reden, ist für ihn keins. Sein Land folge keinem diplomatischen Masterplan, habe keine kohärente ideologische, religiöse oder kulturelle Agenda. „Wir wollen uns einfach nur unentbehrlich machen, überall mitmischen und möglichst sichtbar bleiben“, sagt Alansari. „Das ist unser bester Schutz.“

Derweil ist über Mohammed Attiyas Beduinenzelt die Dunkelheit hereingebrochen. Im Schein des Feuers wird das Essen aufgetragen, gegrillte Hühnchen und Hammelfleisch, Leber und Innereien, Reis mit Safran und Rosinen. Bald sitzen alle stumm im Kreis und essen zufrieden von dem üppig gefüllten Tablett. Der Mond steht kaltweiß am Himmel, der Muezzin vom Dorfminarett ist verstummt. Mohammed Attiya hüllt sich in einen Mantel aus Kamelfell gegen die heranschleichende Kälte. „Zelt, Feuer, Tiere, das war früher unser Leben“, sagt er schließlich. „Ich vermisse es sehr.“

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