Zeitung Heute : Perfekte Inszenierungen für 70plus

Wer im Tourismus Erfolg haben will, muss rechtzeitig Trends aufspüren. Berliner Einrichtungen helfen bei der Weiterbildung

Paul Janositz

August der Starke präsentiert heute persönlich den Dresdner Zwinger. Eine „Gräfin“, gekleidet wie es vor drei Jahrhunderten in der sächsischen Metropole üblich war, erzählt vom höfischen Leben im 18. Jahrhundert. Eine Touristengruppe folgt interessiert den Erklärungen und applaudiert am Ende begeistert.

„Stundenlanges Referieren von Fakten und Aufzählen von Jahreszahlen ist bei Städteführungen nicht mehr gefragt“, sagt Gabi Hartmann vom Deutschen Seminar für Tourismus (DSFT) in Berlin. Heute gehe es darum, „Städte zu inszenieren“. Die Präsentationen müssten anschaulich und sinnlich sein.

Wie man das am besten hinkriegt, das können Städteführer am DSFT lernen. Wer beispielsweise Seniorengruppen die Schönheit von Dorfkirchen oder Kathedralen nahe bringen will, kann Seminare zu den Themen „Schulung von Kirchenführern“ sowie „Attraktive Zielgruppe 70plus“ belegen. Mit letzterem Seminar manifestiert sich die Erkenntnis, dass Menschen vor dem achten Lebensjahrzehnt heute meist keine altersspezifische Betreuung wollen. Sie buchen vielmehr die üblichen Programme. Erst bei Teilnehmern, die den siebzigsten Geburtstag schon hinter sich haben, spielten Behinderungen etwa in der Mobilität oder bei Hören und Sehen, eine größere Rolle. Darauf sollten sich Touristik-Anbieter einstellen, sagt Hartmann, denn die Zahl alter Menschen wächst bekanntermaßen.

Beim DSFT versucht man, „die Trends im Tourismus aufzuspüren und bieten dann entsprechende Weiterbildungen an“, sagt Hartmann. Zielgruppe der DSFT-Kurse seien „alle Menschen, die im Tourismus arbeiten.“ Um das Angebot optimal nutzen zu können, sei es als Weiterbildungsteilnehmer zwar sinnvoll, bereits Erfahrungen in der Branche gesammelt zu haben. Doch auch Studenten einschlägiger Fachrichtungen können das Lehrangebot ihrer Hochschule gezielt durch praxisorientierte DSFT-Bausteine ergänzen.

Die Praxis zeigt nämlich, dass mittlerweile immer mehr Radler statt Karten Navigationssysteme wie GPS nutzen. „Eine Region, die sich damit auskennt, ist das Emsland“, erklärt die DSFT-Expertin. Deshalb finde der Kurs nicht wie normalerweise üblich in Berlin, sondern in dem niedersächsischen Landkreis statt. Auch beim Kirchenführerkurs Ende Juni wird in eine Gegend ausgewichen, die besonders reich an sakralen Bauten ist. „In Köln werden die Interessenten erfahren, ob sie eher bibelfest oder kenntnisreich in Baustilen sein müssen“, sagt Hartmann.

Etwa 1500 Teilnehmer besuchen die jährlich etwa 50 bis 60 DSFT-Kurse. Zertifikate gibt es nicht. In bestimmten Fällen können Prüfungen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin abgelegt werden, für die es dann die entsprechenden Bescheinigungen gibt.

Erst recht sind Zertifikate garantiert, wenn man die von der IHK angebotenen berufsbegleitenden Kurse erfolgreich besucht. Einer der Lehrgänge dort qualifiziert zum „Gästeführer“. Dabei werden Themen wie die geschichtliche Entwicklung Berlins, die geografischen, ökologischen oder ökonomischen Grundlagen, die Architektur, die Museumslandschaft oder das religiöse Leben behandelt. Auch Kommunikationstraining, Didaktik der Gästeführung und sowie rechtliche Grundlagen sind auf dem Lehrplan.

Zusätzliche Qualifikationen, Kenntnisse „exotischer“ Sprachen der kultureller Details verbesserten die Chancen für Gästeführer, meint Claus Labonté, Leiter des Bereichs Weiterbildung bei der IHK Berlin. Unter diesem Aspekt hätten Seiteneinsteiger, Architekten beispielsweise oder Technik-Experten, gute Chancen. Solche Spezialisten würden oft zur Einzelbetreuung von Gästen angefordert.

Wer gerne in die Ferne schweift, kann als „Internationaler Reiseleiter“ glücklich werden. Die nötigen Voraussetzungen soll der entsprechende IHK-Kurs liefern. Während Gästeführer meist nur kurz mit den Touristen zusammen sind, ist der Reiseleiter im Ausland für mehrere Tage oder sogar Wochen der Ansprechpartner. An ihn zuerst richten die Gäste besondere Wünsche oder Beschwerden. Nicht selten sind Konflikte zu lösen. Manchmal sind Ermunterungen oder Animationen notwendig. „Hohe körperliche und psychische Belastbarkeit“ nennt der IHK-Prospekt als Voraussetzung für diesen Job.

Gute Chancen sieht Labonté auch im Wellnessbereich. „Viele denken da erst mal nur an Kurbäder“, sagt der IHK-Spezialist. „Oder an die Hotel-Sauna.“ Es gehöre aber viel mehr dazu. Zentraler Punkt sei das „Wohlfühlen der Gäste“. Vieles kommt dabei zusammen: Ernährung, Kosmetik, Fitness, Medizin. Ein Wellness-Berater weiß über das vollwertige Frühstück ebenso Bescheid wie über geeignete Fitness-Geräte für sinnvollen Muskelaufbau. Und die richtige Creme für trockene Haut. Zumindest kennt er die richtigen Ansprechpartner für die diversen Angebote. Das nötige Know-how soll der IHK-Kurs Wellness-Berater vermitteln. Weil sich viele Teilnehmer der IHK-Kurse später selbstständig machen, lernen sie auch Vertragsrecht oder wie man ein Gewerbe anmeldet.

Das alles hat Hans Engberding längst hinter sich. Der ehemalige Gymnasiallehrer für Russisch hat vor fast 20 Jahren zunächst Sprachkurse in der Transsibirischen Eisenbahn veranstaltet. Dann spezialisierte er sich auf Sonderzug-Fahrten, etwa von Moskau nach Peking oder auf der Diamantenroute durch Südafrika und Namibia. Mittlerweile sind in seinem Berliner Unternehmen „Lernidee-Erlebnisreisen“ etwa 30 Mitarbeiter beschäftigt. Die meisten seien Quereinsteiger mit Studium, Philosophie beispielsweise. Ihre Weiterbildung wird gefördert.Bei Interesse am Sprachenlernen werden Kurse organisiert, besonders lehrreich sei es, bei Reisen der Konkurrenz mitzufahren. „Wir geben ein paar Tage frei und übernehmen die Kosten“, sagt Marketing-Chef Tobias Büttner.

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