Zeitung Heute : Pergamonmuseum: Berliner Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse für den Umbau

Michael Zajonz

Wie ungewohnt uns Pathos, ja Monumentalität in der Architektur geworden sind, darüber belehrt in Berlin eine Fahrt mit der S-Bahn: Kein Neubau - das Jüdische Museum einmal ausgenommen - fordert so die Aufmerksamkeit heraus, wie Axel Schultes Bundeskanzleramt. Barocke Würdeformeln, der klassische Kanon der Hocharchitektur - Symmetrie, Rhythmus, kolossaler Maßstab - irritieren, sobald sie unter den Bedingungen der Moderne neu buchstabiert werden.

Wie monumental darf ein Repräsentationsbau sein, ohne unsere Gewissheit über seine Funktionalität und ästhetische Wirkung zu unterlaufen? Die Frage, die Schultes und seine Partnerin Charlotte Frank im Spreebogen zeitgenössisch zu beantworten suchen, hätte auch über dem Wettbewerb zum Umbau des Pergamonmuseums stehen können. Die Jury unter der Leitung Jürgen Sawades hat am 24. Mai ihre Antwort gegeben: Nicht Schultes, sondern Oswald Mathias Ungers komplettiert das Set der Masterplaner auf der Insel (Tagesspiegel vom 26. 5.) . Acht Büros, allesamt bekannte Namen, waren am Ende noch im Rennen. Ihre Entwürfe präsentiert derzeit eine Ausstellung im Nordflügel des umzubauenden Hauses.

Zwei Säulenheilige der Berliner Architekturgeschichte, Alfred Messel und Ludwig Hoffmann, errichteten ab 1907 den durch bloße Größe dominanten Bau. Kolossale dorische Säulen und Pilaster im seinerzeit bevorzugten Muschelkalk manifestieren den bis zur Eröffnung 1930 längst obsolet gewordenen Allmachtsanspruch wilhelminischer Museumspolitik. Nachfolgende Sparsamkeit führte zum Verzicht auf funktional entbehrliche Teile, wie die den Ehrenhof abschließende Kolonnade oder der Portikus vor dem Altarsaal.

Zentrale Aufgabe des Wettbewerbs war neben dem Gewinn von Ausstellungsfläche für ägyptische Architekturteile und die "Archäologische Promenade" eine neue Erschließung von Antikensammlung, Vorderasiatischem und Islamischem Museum. Die Überdachung des Ehrenhofs war möglich. Alle Preisträger (neben Ungers: Diener & Diener aus Basel sowie Hans Kollhoff) haben gezeigt, dass der Platzbedarf der Sammlungen auch ohne diese befriedigt werden kann. Der Traum einer Berliner Pyramide zur Belichtung des völlig abgesenkten Hofes gehört dank Ungers ebenfalls zu den Akten. Überhaupt: Seine prämierte Entwurfsvariante zeigt räumliche und formale Zurückhaltung, wie sie beim Altmeister aus Köln in den letzten Jahren nicht immer zu sehen war.

Insgesamt fällt die Homogenität dieser Entwürfe auf. Sollte es den engagierten Vorträgen eines Kolloquiums zur Bau- und Präsentationsgeschichte des Hauses zu verdanken sein, dass mehrere Büros artig eine Version mit überdachtem und eine mit abgesenktem Ehrenhof abgaben? Ausflüge aus den Reservaten preußischer Nüchternheit erlauben sich die Berliner Kollhoff und Schultes sowie Wiel Arets aus Maastricht, der mit seinen gangwayartigen Gebilden auf der Ebene der beiden Hauptgeschosse die eigene Unabhängigkeit vom Rationalismus hiesiger Prägung unterstreicht.

Hans Kollhoffs kühn über den Kupfergraben gespannte Paraphrase der Neuen Nationalgalerie lässt Mies wie Schinkel gleichermaßen tanzen, schert sich um den Altbau aber nur bedingt. Von dialektischer Doppelbödigkeit hingegen zeugt ein Bonmot von Schultes und Frank. Der Problematik einer neuen Schauseite schlagen sie mit einer Nicht- und einer Superfassade ein Schnippchen: Vor die elegant zum Kupfergraben hin abfallende "Glasblase" der Hofüberdachung stellen sie die unernst ernste Klonierung eines dritten Messel-Hoffmann-Giebels als pathetische Kulisse; denn, so Schultes, ein Angehen gegen Messels Monumentalismus sei ästhetisch "immer ein Zuwenig und ein Zuviel".

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