Zeitung Heute : Personal-Management: Ohne Extra-Preis kein Fleiß

Christof Schössler

Für die meisten Arbeitgeber steht fest: Die Arbeitsmoral befindet sich im rapiden Sinkflug. Das Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft bestätigt die Einschätzung und sagt: Satte 54 Prozent aller Beschäftigten tun im Job gerade mal das, was ausdrücklich von ihnen verlangt wird. Der Beruf sei "so wichtig auch wieder nicht." Alarmstufe Rot auch bei Deutschlands Managern. Der mental ins Außerdienstliche emigrierte Mitarbeiter gehört dort zur fixen Größe. "Weit verbreitete Unlust sowie sturer Dienst nach Vorschrift ist nicht mehr nur ein fragwürdiges Privileg ausschließlich für Beamtenschaft und Öffentlichen Dienst", sagt auch Eugen Sondermann, Geschäftsführer der Düsseldorfer Personal- und Unternehmensberatung DTK. Der Diplom-Psychologe: "Innerbetrieblicher Vorruhestand breitet sich in vielen Betrieben wie eine ansteckende Krankheit aus." Und zwar in der Belegschaft ebenso, wie im Management.

So weit, so schlecht. Doch was tun? Eine Zauberformel soll den bösen Fluch bannen: "Mitarbeiter-Incentives". Auf deren Ausrichtung spezialisierte Agenturen erleben derzeit einen ungeahnten Boom. Mehr als ein Fingerzeig auf schwer wiegende Motivations-Probleme oder doch nur eine Zeitgeist-Erscheinung?

Incentives, zu deutsch Anreize, sollen, so ihr ursprünglicher Auftrag, selbst schwerste Fälle betrieblichen Phlegmas nachhaltig in pulsierende Aktivität verwandeln helfen. Personalchefs hoffen darauf, mit Hilfe des Motivationsinstruments unmotivierte Erbsenzähler ruckzuck in arbeitswütige Verkaufsmaschinen zu verwandeln und treulose Jobhopper in wahre Musterexemplare an Loyalität. Das klingt ebenso einfach wie plausibel.

Doch Experte Sondermann warnt, vor allem vor blindem Aktionismus ohne Konzept. Der Berater mahnt: "Für betriebliche Incentive-Programme ist extrem viel Fingerspitzengefühl notwendig." Dazu gehört seiner Überzeugung und seiner Erfahrung nach vor allem die Erkenntnis, dass nicht alle Abteilungen und Mitarbeiter in ein Schema zu pressen sind. Und was ist überhaupt Motivation? Wirtschaftslexika verstehen darunter "das Erzeugen, Erhalten und Steigern der Verhaltensbereitschaft durch Vorgesetzte oder Anreize". Der Weltkriegs-General und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower dachte im gleichen Zusammenhang etwas burschikoser: "Motivation ist die Fähigkeit, einen Menschen dazu zu bringen, das zu tun, was man will, wann man es will und wie man es will - weil er selbst es will." Das Ziel heißt in beiden Fällen Leistungssteigerung. Aber wie?

In vielen Unternehmen wird das Füllhorn materieller Vergünstigungen relativ gedankenlos über vermeintlich belohnenswerte Mitarbeiter regelrecht ausgekübelt. Die Annahme: Alle Menschen begeistern sich mit gleichem Enthusiasmus für Fernreisen, noble Kugelschreiber oder ein Weinseminar beim Edelwinzer. Oder für motivierende Survival-Camps in den kahlen Höhen des Hunsrücks. Diplom-Psychologe Eugen Sondermann unterstellt Incentive-Programmen in vielen Fällen sogar einen reinen Feigenblatt-Charakter. Entlarvendes Motto: "Irgendwas müssen wir ja machen."

Ein sensibles Thema: die Steuern. Vater Staat hält bei Incentives seine ausgestreckte Hand auf. "Ein Punkt, der bei der Gestaltung von Motivations-Projekten häufig übersehen wird", berichtet Sondermann und gibt zu denken, dass sich alle Freude über den Trip nach Hawaii ins Gegenteil verkehrt, wenn dem Mitarbeiter bewusst wird, dass er die vermeintliche Belohnung komplett versteuern muss. "Wer hier nicht aufpasst, der erntet an Stelle der erhofften Motivation erst recht die totale Frustration."

Nicht nur deshalb hält Management-Trainer und Buchautor Reinhard K. Sprenger die aktuelle Incentive-Praxis für kompletten Humbug. Er kritisiert: "Damit werden Mitarbeiter ähnlich wie Junkies an regelmäßig wiederkehrendes Dope gewöhnt. Und zwar so lange, bis Prämien den Status einer puren Selbstverständlichkeit erreicht haben." Von einem Ansporn zu mehr Leistung indes könne dann kaum noch die Rede sein. Denn die Ansprüche steigen. Genügte als Lockmittel für eine Extra-Portion Fleiß vor einigen Jahren noch das Fitness stählende Trimmrad für daheim, gibt Sprenger zu bedenken, müsse es heute schon der authentische Trip zur Tour de France sein. Ein Nudelessen mit Edel-Biker Jan Ullrich natürlich inklusive. Neuester Schrei: das Krimiwochenende im Luxushotel, bei dem die Mitspieler für drei Tage in die Haut einer Romanfigur schlüpfen, um vor Ort einen imaginären Mordfall zu klären.

Mittlerweile schlagen Agenturen sogar "Negativ-Incentives" vor. Fahrradtouren zum Beispiel durch den novemberverregneten Harz für besonders umsatzschwache Verkäufer. Sinn und Zweck: Anreiz zu Leistungssteigerung, verbunden mit der Aussicht auf zehn schönere Tage Mallorca im nächsten Jahr. Immer schneller. Immer weiter. Immer grotesker. Immer besser?

Eher nicht. "Wichtig ist in erster Linie der konzeptionelle Hintergrund, die Einbindung der Incentives in einen übergeordneten Kontext", sagt Peter Klooß, Chef der Kölner Event- und Incentive-Agentur "Master Service". Der Experte argumentiert: "Schließlich sollen die Leute nicht der Prämien wegen arbeiten, sondern in erster Linie, weil sie ihren Job gerne machen." Hier gelte es den Hebel anzusetzen. Denn immer noch bestimme das Ziel die Maßnahmen. Und nicht die Maßnahmen das Ziel. Klooß weiß: "Incentives haben kurze Beine." Wer nicht gehörig aufpasse, lande in einem wahren Teufelskreis. Ein Kreislauf, in dem dauerhaft nur um den Preis permanenter Neu-Motivierung motiviert werden kann.

Die betriebliche Belohnung, dem Mitarbeiter einmal unerwartet und als verdienter Dank gewährt, wandelt sich so zu einer Art Bestechung, zu einer Vorleistung für hoffentlich auch künftig gute Arbeit. Klooß: "Nicht selten taucht bei besonders abenteuerlichen Incentives im besonders exklusiven Ambiente die Frage mancher Mitarbeiter auf: Was muss das Unternehmen an mir verdienen (und mir anteilig vorenthalten), wenn es solche Summen für Incentives ausgeben kann?" Im schlechtesten Fall ist die Wirkung demotivierend: Dann nämlich, wenn sich bei den Mitarbeitern der Verdacht regt, am Unternehmens-Ergebnis nicht angemessen teilzuhaben.

Master-Service-Chef Klooß bringt noch eine ganz andere Sichtweise ins Spiel: "Was ist eigentlich mit dem Teil der Mitarbeiter, der leer ausgeht?" Untersuchungen zeigen: In jedem zweiten Unternehmen, das Wettbewerbe veranstaltet, erhält nur jeder zehnte das ersehnte Ticket zum Wochenendtrip oder den dicken Scheck mit der erhofften Gratifikation. Der Kölner Experte: Belohnungen für besondere Leistungen müssen von der Mehrheit der Mitarbeiter als gerecht eingeschätzt werden. "Einschließlich derjenigen, die sie nicht erhalten." Doch das ist selten.

Hinzu kommt noch etwas ganz anderes.Eine aktuelle Emnid-Umfrage unter Mitarbeitern der Deutschen Bank zeigt: Für rund 80 Prozent der Angestellten ist Spaß an der Arbeit, das Gefühl, im Job gebraucht zu werden, ein funktionierender Kommunikationsfluss im Unternehmen wichtiger, als Prämien in klingender Münze.

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