Zeitung Heute : Personalgelder und Honorare fehlen

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Oranienburg. Die Situation der Stiftung Brandenburgische KZ-Gedenkstätten könnte verzwickter kaum sein. Einerseits beschloss der Bundestag für die Sanierung von Bauten auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Sachsenhausen ein Sonderprogramm in Höhe von rund 9,7 Millionen Euro. Anderseits fehlt Geld für die Bezahlung von Aufsichtskräften, Museumsführern und Wissenschaftlern. „Wir können endlich den Verfall der authentischen Orte des Sterbens und Leidens stoppen, aber sie vielleicht nicht mehr in der gebührenden Weise unseren Besuchern zeigen“, sagte Stiftungsdirektor Günter Morsch gestern in Oranienburg. Der von Bund und Land getragene Haushalt sei drastisch reduziert worden. „Nun ist die Substanz unserer Arbeit bedroht“, klagte Morsch. Zur Anfang der neunziger Jahre gegründeten Stiftung gehören die Gedenkstätten Sachsenhausen, Ravensbrück, Brandenburg/Havel und das Museum über den Todesmarsch der Häftlinge in Below.

Derzeit zählt sie 60 feste Angestellte. Allein seit 1995 seien zwölf wissenschaftliche Stelle ersatzlos gestrichen worden. ABM, Lotto-Mittel, EU-Zuschüsse und private Spenden könnten laut Morsch das Defizit nicht ausgleichen. Genaue Zahlen nannte er jedoch nicht. Die Wunschliste sei viel zu lang. Dafür wartete er mit einem drastischen Beispiel aus. Die in den vergangenen Jahren eröffneten Ausstellungen, darunter das anfangs umstrittene Museum über das sowjetische Speziallager 1945-1950, würden mit Kameras überwacht. Es sei jedoch schwierig, die Bildschirme ständig mit Personal zu besetzen. Auch die Honorare für Führungen und die Mittel für dringend notwendige Sonderausstellung müssten in diesem Jahr um 20 bis 25 Prozent gekürzt werden.

„Vor allem im Ausland gibt es darauf heftige Reaktionen“, erklärte der Stiftungsdirektor. „ Überlebende der Lager oder deren Hinterbliebenen haben fast 1000 Protestbriefe an Ministerpräsident Stolpe geschrieben.“ Deshalb wünsche er sich von den Kulturministerien eine eben solche Weisheit wie sie der Bundestag beim Beschluss des großen Investitionsprogramms bewiesen habe. Sachsenhausen werde immer mehr zur „KZ-Gedenkstätte der Bundeshauptstadt“ und ergänze das Jüdische Museum, die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ und das geplante Holocaust-Mahnmal.

Mit dem Geld werden bis 2005 vor allem vier Vorhaben verwirklicht: Umbau der ehemaligen Waffenmeisterei zu einem Besucherzentrum, Wiederherstellung des originalen Zugangs zum KZ über die historische Lagerstraße, Neugestaltung der Vernichtungsstation „Z“ und des Krematoriums zum zentralen Gedenkort sowie Rekonstruktion der „Geometrie des totalen Terrors“ im Lagerinneren. Der zu DDR-Zeiten favorisierte Park- und Gartencharakter weicht den originalen Umrissen der Häftlingsbaracken.

Für das nächste Jahr plant die Stiftung die Eröffnung einer bislang beispiellosen Ausstellung über medizinische Versuche in den Krankenrevierbaracken. Hier soll besonders der Opfer unter den Sinti und Roma gedacht werden. Außerdem ist im Turm A, von dem der Wachposten mit seinem Maschinengewehr fast das gesamte Lager beherrschen konnte, eine Dokumentation über die Täter im KZ geplant.Auch die Gedenkstätte des Frauen-KZ Ravensbrück in Fürstenberg klagt über starke finanzielle Einschnitte beim Personal. „Unsere zum 60. Jahrestag der Zerstörung des böhmischen Dorfes Lidice durch die SS geplante Sonderausstellung ist ungewiss“, erklärte die Leiterin Sigrid Jacobeit. Alle männlichen Bewohner ab 14 Jahren waren damals in einer von Hitler angewiesenen Vergeltungsaktion ermordet und die etwa 200 Frauen des Dorfes nach Ravensbrück deportiert worden.

Überlebende sollten zum Jahrestag im September eigentlich nach Deutschland eingeladen werden. Die am 10. April vorgesehene Eröffnung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in umgebauten Häusern der ehemaligen SS-Aufseherinnen in Ravensbrück reißt ebenfalls ein Loch in die dünne Personaldecke. Es gab kein Geld für zusätzliche Stellen. „Dabei ist gerade die Betreuung von jugendlichen Besuchern aus dem In- und Ausland so wichtig“, meinte Jacobeit. In den Umbau der insgesamt acht Häuser haben Bund, Land, das Deutsche Jugendherbergswerk und die Gedenkstättenstiftung rund 6,65 Millionen Euro investiert. 90 Betten stehen künftig den Gästen zur Verfügung.

Viel Geld kostet auch die Suche nach der günstigsten Variante für die geplante Umgehungsstraße von Fürstenberg. „Sie soll auf keinem Fall über das frühere KZ- Gelände führen“, erklärte die Gedenkstättenleiterin. Doch die genauen Grenzen des Frauen-KZ und des Jugend-KZ Uckermark seien nach wie vor nicht bekannt. Umfangreiche archäologische Grabungen und eine intensive Prüfung aller in den Wäldern gefundenen Ziegel und anderer Steine sollen Klarheit bringen. „Am liebsten wäre uns natürlich eine westliche statt der favorisierten östlichen Umfahrung der Stadt“, sagte Sigrid Jacobeit. „Dann wären alle Probleme von vornherein ausgeschlossen." Geld fehlt auch für die Direktorenstelle in der Gedenkstätte des einstigen Zuchthauses Brandenburg. Sie ist seit Jahresanfang unbesetzt. Claus-Dieter Steyer

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