Zeitung Heute : Personalisierte psychiatrische Behandlung Auf dem Weg zu einer individuellen Versorgung

Florian Holsboer

Im Gegensatz zu den Kollegen anderer Fachrichtungen kann sich der Psychiater bei der Diagnostik nicht auf objektive Laborbefunde stützen. Der Hauptnachteil, der sich aus dieser Situation ergibt, ist die häufig unbefriedigende Ergebnisqualität der psychopharmakologischen Behandlung, selbst wenn sie durch Psychotherapie unterstützt wird. Bisher hat die pharmazeutische Industrie die Strategie verfolgt, antidepressiv wirkende Medikamente zu entwickeln, die möglichst bei allen Patienten mit der Diagnose „Depression“ eingesetzt werden können. Die vorhandenen Medikamente wirken auch immerhin bei 70 Prozent der Patienten, haben aber viele Nebenwirkungen, und es dauert oft lange bis zum Wirkungseintritt. Die Ära der „Blockbuster“, des einen Medikaments für Alle, ist daher zu Ende – das gilt auch für Antidepressiva.

Die Zukunft ist die Personalisierte Medizin. Wir wissen, dass bei Patienten, die unter einer bestimmten psychiatrischen Diagnose zusammengefasst werden, ganz unterschiedliche krankheitsverursachende Mechanismen bestehen. Die Therapie der Zukunft zielt daher auf den individuell vorliegenden Mechanismus. Beispielsweise haben alle psychischen Erkrankungen eine starke genetische Komponente. Gentests können uns also helfen, die an Depression Erkrankten in Untergruppen aufzuteilen. Dies allein reicht aber nicht für den gezielten Einsatz spezifisch wirkender Medikamente, denn es sind ganz geringe Veränderungen in sehr vielen einzelnen Genen, die unser Erkrankungsrisiko bestimmen.

Die Wechselwirkung zwischen Genvariationen und äußeren Einflüssen wie Stress, Trauma oder Ernährung ist dafür verantwortlich, ob wir gesund bleiben oder erkranken. Neben den Gentests sind daher Biomarker, die durch Hormontests oder Messung der Hirnstromtätigkeit eine biochemische Momentaufnahme von unserem biologischen System liefern, unverzichtbar. Die Gen-Umwelt-Interaktion bestimmt, ob wir auf ein bestimmtes Medikament gut ansprechen oder nicht und ob wir Nebenwirkungen erwarten müssen. In der Krebsforschung sind Gentests und Biomarker für zahlreiche Erkrankungen bereits etabliert. Dies wird in der Psychiatrie nicht anders werden.

Es gibt Beispiele, die optimistisch stimmen. Die größte Hürde, die ein Antidepressivum nach der Einnahme überwinden muss, ist die Bluthirnschranke. Sie besteht aus Eiweißmolekülen, die verhindern, dass ein chemisches Molekül aus der Blutbahn in das Hirngewebe eindringt. Ihr Bauplan ist durch unsere Gene festgelegt. Je nach den individuellen Varianten kann die Bluthirnschranke von einem bestimmten Medikament leichter oder schwerer überwunden werden. Ein Gentest erlaubt es, diese Varianten zu bestimmen. Dadurch kann der Arzt abschätzen, ob er die Dosis eines Medikaments erhöhen oder auf ein anderes Medikament wechseln muss. Dieser Gentest, der schon sehr weit entwickelt ist, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Personalisierte Medizin in der Psychiatrie keine Utopie mehr ist. Florian Holsboer

Der Autor ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München

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