Zeitung Heute : Peru: Unzerstörbare Fundamente

Claudia Diemar

Jeden Morgen steckt Juanita ihre drei kleinen Töchter in die grellbunte Tracht und geht mit ihnen und den beiden weißen Alpakas vom Weiler Poroy auf dem Schienenstrang der Eisenbahn die knapp fünf Kilometer nach Cusco. An der Ecke zur schmalen Gasse Hatunrumiyoc, was soviel wie "großer Stein" bedeutet, beziehen sie unter dem mit schönster andalusischer Mudéjar-Schnitzerei geschmückten Balkon des erzbischöflichen Palastes ihren üblichen Posten. Juanita lebt mit ihren Kindern von den Trinkgeldern, die Touristen für ein Foto der pittoresken Gruppe spendieren.

Im Preis inbegriffen ist ein kurzer Gang zu jenem immensen zwölfeckigen Stein, der sich in die ohnehin gigantischen Fundamente der Gasse fügt. Nirgends in Cusco zeigt sich die beeinduckende architektonische Dualität der Stadt so emblematisch wie in dieser mit einem alten Inka-Namen bezeichneten Gasse.

Cusco, nur eine Flugstunde von Lima entfernt, ist längst kein touristischer Geheimtipp mehr. Die Stadt ist obligatorischer Ausgangspunkt zu den nur rund 130 Eisenbahnkilometer entfernten Ruinen Machu Picchu. Noch näher liegen die Inka-Bauten von Sacsayhuamán, Qenko, Puca Pucara und Tambo Machay sowie das den Inkas heilige Tal des Río Urubamba.

Die Luft ist dünn in Südamerikas ältester durchgehend bewohnter Stadt. Auf rund 3300 Metern geht dem Reisenden schon auf der Gangway bei der Ankunft leicht die Puste aus. Wie überall im ganzen Land wird man auch hier von riesigen Reklametafeln für Coca-Cola, Pepsi und der einheimischen Brauseversion Inka-Cola begrüßt, als seien die Limonadenfabriken die Sponsoren des ehemaligen Inkareiches.

Vor genau einem halben Jahrtausend war Cusco die glanzvolle Metropole des Inkareiches, das damals seine größte Blüte erlebte. Etwa 200 000 Menschen bevölkern zu dieser Zeit "Qosco", was soviel bedeutet wie "der Nabel der Welt". Paläste und Tempel aus solidem Granit wetteifern miteinander in monumentaler Größe. Als der spanische Conquistador Francisco Pizarro 1533 in die Stadt einmarschiert, nennt er Cusco die "fantastischste Stadt in der Neuen Welt" und besorgt umgehend deren Ausplünderung. Drei Jahre später wird die Stadt beim alles entscheidenden Kampf der Spanier gegen den letzten Inkafürsten ein Raub der Flammen. Ihr Wiederaufbau geschieht nach den Regeln der neuen Herren. Prunkvolle Kirchen und koloniale Stadthäuser entstehen. Der einstige Zentralplatz der Königsresidenz nennt sich nun "Waffenplatz". Er ist nur noch halb so groß wie einst und dennoch monumental. Die Plaza de Armas mit ihrem von Eiffel geschaffenen imposanten Plätscherbrunnen, den Blumenrabatten und Rasendreiecken ist noch heute der Mittelpunkt der Stadt und ihr öffentlicher Salon. Bei den Inkas war der Platz mit weißem Sand belegt, der mit Goldkörnen und Edelsteinen gespickt war. Doch am Ende der Kolonialzeit ist Cusco ein vergessenes Provinznest mit nurmehr einem Fünftel der ursprünglichen Einwohnerzahl. Die Renaissance der Stadt geschieht erst, als der Engländer Hiram Bingham im Jahr 1911 die einstige Inka-Residenz Machu Picchu entdeckt und 1928 eine Eisenbahnlinie von Cusco nach Aguas Calientes am Fuße der Ruinen gebaut wird.

Cusco, das heute wieder zirka 350 000 Einwohner zählt, eine Universität und eine Kunsthochschule hat, lebt zu einem guten Teil vom Tourismus. In blitzsauberen Gassen und Straßen, in denen sich weitaus weniger Bettler zeigen als in jeder mitteleuropäischen Fußgängerzone, reihen sich Kunstgewerbeläden, Garküchen und Bars aneinander. Mehr als ein halbes Dutzend Museen hat die hübsche Altstadt zu bieten.

An der südöstlichen Flanke der Plaza de Armas findet sich eine eherne Entschuldigung. Zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas hat man hier 1992 eine Bronzeplatte angebracht, die Ruhm und Ehre den "anonymen Opfern der Invasion und den Helden des Widerstands unter den Andenbewohnern" angedeihen lässt.

Die gewaltigen Fundamente der alten Bauwerke erwiesen sich als unzerstörbar. Deshalb sind noch heute in Cusco die architektonischen Meisterleistungen der Inkas überall präsent. Kein noch so schweres Erdbeben hat diesen gigantischen Mauern nennenswerten Schaden zufügen können. Ihre millimetergenau eingepassten, tonnenschweren Steinblöcke bilden das überall sichtbare Fundament der kolonialen Bauten. Santo Domingo etwa erhebt sich auf den soliden Ruinen des ehemaligen Inka-Sonnentempels. Wie überall dokumentierten die Spanier die neue Kulturhoheit vor allem mit dem Bau von Kirchen. Cusco ist reich an Kirchen, und das einzige Gold, das nicht außer Landes geschafft wurde, ziert deren in geradezu aberwitzigem Prunk ausgestatteten Altäre. Die Kathedrale, außen in schönster spanischer Renaissance gestaltet, präsentiert sich im Inneren als ein Sammelsurium von Stilarten. Kein Wunder, schließlich wurde mehr als 100 Jahre an der Hauptkirche gebaut.

Höhepunkt des Kirchenrundgangs ist das aus der "Cusco-Schule" stammende letzte Abendmahl Marco Zapatas, auf dem die Jünger sich an gebratenem Meersschwein, Andenkäse und Maisbier laben. Cuy, knusprig gebratenes Meerschweinchen, gehört ebenso wie Alpaka-Fleisch und roh mariniertem Fisch aus den nahen Seen zu den Spezialitäten, die in den vielen Restaurants um die Plaza de Armas serviert werden.

Zu den gleichfalls eindrucksvollen Bauwerken der Spanier gehört auch das Kloster San Antonio Abad, in dem heute das Fünf-Sterne-Hotel Monasterio der zahlungskräftigen Kundschaft behagliche Unterkunft bietet. Es versorgt sogar die von der dünnen Luft angegriffenen Gäste im Notfall mit reinem Sauerstoff.

Probates Vorsorgemittel gegen die Höhenkrankheit ist auch der Coca Tee. Diese überaus milde Droge wird überall in den Cafés und Pubs für Pfennige serviert. Neben solch traditionellem Trank stärkt man sich in Cusco vor allem an dem überall in Peru geschätzten lokalen "Cusqueña"-Bier sowie an Pisco Sour, einem Cocktail aus Eischnee; Limettensaft und Tresterschnaps.

Trotz oder gerade wegen der dünnen Luft, die bekanntlich die Produktion roter Blutkörperchen fördert und daher durchaus vitalisierend wirken kann, hat Cusco ein ungewöhnlich reges Nachtleben. Sonnabendabends ist in den Szenebars wie dem "Cross Keys", dem "Kamikase" oder bei "Mama Africa" kaum ein Durchkommen mehr, und in den einschlägigen Diskos wie dem "Exess" oder "Up Town" herrscht bis zum Sonnenaufgang drangvolle Enge.

Ausschlafen dürfen am nächsten Morgen dennoch nur wenige. Denn nachdem in den diversen Kirchen die Messe gelesen wurde, führt Cusco, das sich mit dem Motto "Prestige, Eleganz und Tradition" schmückt, sein allwöchentliches Glanzstück auf: die Parade. Jeden Sonntag den Gott werden lässt, marschieren stundenlang sämtliche Abteilungen aus Heer und Polizei zu Marschmusik um die Plaza de Armas. In schöner Operettenmanier wird alles aufgeboten, was an goldbetressten Uniformen, Orden, Schnüren und Galasäbeln zu finden ist. Höhepunkt der Zeremonie ist das Hissen der grellbunten Stadtflagge, deren Regenbogenmuster als Hommage an alte Inka-Zeiten zu verstehen ist.

Auch Juanita hat mit ihren Kindern dem Spektakel zugesehen. Nun zählt sie ihre Einnahmen, stiftet dem mit Perücke und Goldröckchen dekorierten Christus in der Kirche El Triunfo noch eine Kerze und macht sich auf den Heimweg. Morgen ist auch noch ein Tag.

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