Zeitung Heute : Peter Diepold: Pädagoge und Informatiker

Sven Oliver Lohmann

"Hallo, ist da Berlin?" ruft die Stimme eines unsichtbaren Mannes in den mit Studenten, Hochschullehrern und Besuchern voll besetzten Saal. Die Kreidetafel des Hörsaals ist hoch unter die Decke geschoben worden. Ihren Platz nimmt ein Videobild ein. Daneben wird eine Internet-Seite projiziert. Berlin hört. Es ist die Abschiedsvorlesung von Professor Peter Diepold, Lehrstuhlinhaber für Pädagogik und Informatik an der Humboldt-Universität. Auch Erlangen hört. Die Vorlesung ist Teil eines Modellversuchs und wird zeitgleich mit Bild und Ton in einen Hörsaal nach Bayern übertragen.

Peter Diepold war der erste Professor auf dem ersten Lehrstuhl für Pädagogik und Informatik in Deutschland. Die Professur wurde 1993 an der Humboldt-Universität eingerichtet. Von Beginn an wurden dort Lehrveranstaltungen auch für Lehramtsstudenten angeboten und Projekte entwickelt, die das Internet für die pädagogische Arbeit erschließen sollen. Peter Diepolds Name ist vor allem mit dem Deutschen Bildungsserver verbunden. Auf dem Server wurden von 1994 an verschiedene Dienste angeboten: neben einem Material-Dienst für Fachlehrer und Adressensammlungen zu Institutionen und Personen im Bildungsbereich auch das SchulWeb. In ihm sind alle deutschen Schulen verzeichnet, die Zugang zum Internet haben. Dort wird der Suchende auch fündig, wenn er Modellprojekte für den Unterricht im Internet sucht. "Die Lehrer müssen Antworten auf die Frage bekommen, wofür sie denn eigentlich das Internet in ihrem Fachunterricht brauchen", sagt Diepold.

Von Hause aus Theologe

Pädagogik und Internet ist eine ungewöhnliche Fächerkombination für jemanden, der nicht nur Wirtschaftswissenschaften, sondern auch Theologie studiert hat, dort promovierte und acht Jahre als Leiter des Theologischen Stifts in Göttingen arbeitete. Schon während seines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums in den USA kam Diepold mit der Pädagogik in Berührung. Er arbeitete nebenberuflich als Lehrer an einem Mädchenpensionat. In Göttingen befasste sich Diepold dann intensiv mit der Hochschuldidaktik. Den beruflichen Abschied von der Theologie vollzog er aber nie vollständig: "Meine geistlichen Rechte habe ich mir beibehalten lassen. Ich darf predigen, das Abendmahl austeilen und taufen."

Als der Ruf an die Humboldt-Universität kam, wechselte Diepold nach Berlin. "Mich hat gereizt, ein Fach aufzubauen, das es noch nicht gab." In der Informationsgesellschaft wird es wichtiger denn je zu lernen, wo man welche Daten finden kann, wie man Daten von Informationen unterscheidet und wie Informationen zu Wissen werden. "Schüler müssen lernen, was der objektive Gehalt von Informationen, was der subjektive ist und welch kommerziellen, politischen oder weltanschaulichen Interessen dahinter stehen", sagt Diepold. Dies ist besonders wichtig, da beim Internet die "Einbahnstraße des guten alten Fernsehens" aufgehoben ist. Die Schüler müssten also nicht nur Fähigkeiten im Umgang mit Daten, sondern auch zur Suche und zur Verteilung von Informationen erwerben.

Hinzu kommt, dass die Schüler vermehrt durch das Internet kommunizieren und dabei auf die Körpersprache oder den stimmlichen Tonfall verzichten müssen. Diepold fordert deshalb wieder einen Deutschunterricht, der verstärkt Wert legt auf die sprachliche Ausdrucksfähigkeit der Schüler.

Peter Diepold verlässt die Humboldt-Universität zwei Jahre vor seinem 65. Geburtstag. Wegen der Haushaltslage ist es noch ungewiss, wann der Lehrstuhl neu besetzt wird. Diepold: "Es wäre sehr schade, wenn die Humboldt-Universität und das Land Berlin ihren Vorsprung auf diesem Gebiet verlieren würden."

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