Peter Kraus : „In Berlin waren die Mädels kesser“

Er hielt sich Groupies mit seiner Gitarre vom Leib, „die 50er waren nicht prüde“. Peter Kraus über randalierende Rocker und warum er zum Wasserski Aspirin brauchte.

Interview: Esther Kogelboom
Peter Kraus.
Peter Kraus.Foto: dapd

Herr Kraus, kürzlich wurden die Rapper Sido und Bushido angezeigt – wegen Schwarzangelns im Tegeler See.

Rapper, die angeln? Lächerlich!

Sie waren doch selbst so ein Kindskopf: 1962 hat man Sie zu einer Geldstrafe verurteilt, weil Sie auf dem Wolfgangsee mit einem Gewehr auf Haubentaucher geschossen haben.

Ob ich getroffen habe, ist bis heute nicht bewiesen. Ich hatte mein Motorboot auf dem See, ein befreundeter Hotelbesitzer eine Flinte, zusammen sind wir mit dem Boot hinausgefahren. Angeblich sind die Kugeln dem Förster am gegenüberliegenden Seeufer um die Ohren gepfiffen, das kann ja gar nicht sein. Meine Freunde und ich waren Kinder und wollten auch welche bleiben.

Dabei haben Sie bereits mit 14 Jahren gearbeitet: Mit dem Film „Das fliegende Klassenzimmer“ wurden Sie bekannt.

Eine Sensation, weil es kaum Kinderfilme gab. Heute spielen in jeder Fernsehserie Rotzlöffel mit, die plärren und schreien. Wo sind eigentlich die wohlerzogenen Kinder geblieben? Ich habe noch Herzchen zum Muttertag gebastelt und ...

... als Teenager sogar Mädchen mit Ihrer Mutter verglichen: „Die sieht nicht so schön aus wie Mutti.“

Ist doch normal, wenn man seine Mutter besonders schön findet. Die Freundin meines Sohnes ist ein Ebenbild meiner Frau. Ich find es toll, wenn der Mike denselben Geschmack hat.

Wie man Frauen anbaggert, haben Sie im Münchner Café Ihres Vaters gelernt. Ein Spruch, der zog?

„Ich bin der Juniorchef.“ So konnte ich die Angebetete auf einen Espresso einladen. Wir mussten erfinderisch sein, wir hatten nichts, um damit zu protzen. Basteln hat geholfen.

Mit Basteln kriegt man eine Frau rum?

Ich habe meine Frau mit einer Kette überrascht, die ich aus Muscheln zusammengeklebt habe. So kamen die Pfiffigen zum Zuge. Ging natürlich noch besser, wenn man gut reden konnte: Mein bester Freund war ein Italiener, Sergio. Der hatte den besten Schmäh. Hat den Mädchen was von Italien erzählt, seiner Sehnsucht und dass er heim will. Irgendwann lag er weinend mit dem Kopf in ihrem Schoß, da wusste ich: Okay, der geht mit der ins Bett, wir sehen uns morgen wieder. Ich machte Karriere als Sänger. Seitdem musste ich mich gegen Anmachen wehren.

Junge Frauen beklagen gegenwärtig in langen Artikeln, dass Männer Schluffis seien, die sich nicht mehr trauen, sie zu küssen.

Die Geschlechter sind gleicher geworden. Damals konnte man die Mädchen mit allem Möglichen beeindrucken. Ich kann mich beispielsweise überhaupt nicht entsinnen, dass eine Frau einen Führerschein hatte. Wenn du gesagt hast: „Ich bring dich da hin“, dann warst du der König.

Es hätte Sie abgeschreckt, wenn die Frau ein eigenes Auto gehabt hätte?

Schon möglich. Die Frau war das zu beschützende Wesen, das Schmuckstück, das man erobert, hegt und pflegt. Allerdings wurde das schwieriger, je weiter man nach Norden kam. Ich habe Filme in Berlin gedreht, hier waren die Mädels wesentlich kesser. Die haben manchmal getan, als sei ich Luft, während sie mich in München anhimmelten.

Die 50er Jahre gelten als sehr prüde.

Na ja, sagt man so.

Sie finden das nicht?

Prüde, weil man damals nicht über seine Abenteuer geplaudert hat. Wenn ich an unsere Film-Starlets denke, frage ich mich, ob das heute noch passiert, was damals so ablief. Einmal habe ich einen Film am Wörthersee gedreht, wir übernachteten alle im selben Hotel. Geschichten könnte ich erzählen …

Wir sind ganz Ohr.

Nein, will ich nicht. Prüde war das jedoch nicht! Auch die Medien haben sich dafür nicht interessiert. Manchmal rief mich der Michael Graeter an …

… ein Münchner Klatschjournalist und Vorbild für Baby Schimmerlos in der Dietl-Serie „Kir Royal“ …

… und sagte: „Ganz schön zackzack gestern.“ Er hat mich nur angerufen, um zu zeigen, dass er was weiß, geschrieben hat er das in seinen Artikeln nie.

Die Frauen schwiegen, um ihren Ruf nicht zu gefährden – und die Männer verließen sich darauf?

Das war der große Unterschied zu heute: Man bezeichnete eine Frau, die ein bisschen herumgeflirtet hat, schnell als Schlampe. Mit dem hat die was, mit dem auch, und wenn sie mit einem Film keinen Erfolg hatte, konnte sie es noch als Mannequin in Mailand versuchen. War der Ruf ruiniert, ging es zu den Italienern. Es haben sich auch einige umgebracht. Sich hochzuschlafen war nicht leicht.

In Ihren Memoiren deuten Sie an, dass Sie Ihre Unschuld mit 17 Jahren auf einer Orgie verloren haben.

Das haben die Playboys im Café meines Vaters organisiert. Von meinen Eltern wusste ich nichts über Sexualität. Ich habe in Biologie-Büchern geblättert. Ich dachte, ein Crashkurs hilft am besten. Wir haben den harten Mann raushängen lassen, ohne zu wissen, wo vorn und hinten ist.

1956 stiegen Sie zum Teenie-Idol auf. Wie hielten Sie die Mädchen auf Abstand?

Das musste ich selber machen, mit meinen eigenen Ellbogen, Bodyguards gab es noch nicht. Ich bin mit der Gitarre voraus als Prellbock ins Hotel, da sind viele Instrumente zu Bruch gegangen.

Sie sind viel in Italien und Frankreich aufgetreten.

Mein Manager war frankophil. Er wollte, dass ich in Monte Carlo lebe, ich nicht.

Warum nicht?

Ich bin ein Landmensch. So viele Häuser auf einem Fleck, das gefiel mir nicht. Mein Manager riet mir, Französisch zu lernen. Nimm eine süße Französin, hat er gesagt. Tja, dann habe ich ein Mädel nach München mitgenommen und bekam sie für drei Wochen nicht aus dem Haus. Rausgeschmissen habe ich sie nicht, so harmlos war ich, nur das französische Gelaber konnte ich nicht mehr hören.

Wo sind Sie hin?

In München habe ich bei einem Freund auf der Couch in seinem Apartment geschlafen und jeden Tag angerufen: „Bin auf Tournee, ich komm bald zurück, nein, aber nicht heute, du kannst ruhig heimfahren.“ Irgendwann fuhr sie zurück.

Bei so viel Anbetung – die Jungs müssen Sie gehasst haben.

Mit Sicherheit. Es kursieren etliche Geschichten, dass ich verprügelt worden sei. Ist nie passiert.

Sie hätten sich wehren können, Sie haben ja geboxt.

Ich habe immer an mein Gesicht gedacht. Wenn die Nase gebrochen ist, dann ist es aus mit der Karriere. Eine Schlägerei wollte ich deshalb nie.

Gehört eine gebrochene Nase nicht zum Image von Rock ’n’ Roll?

Nein, und ich war ja kein Klischee-Rock ’n’ Roller. Ich bin nur ein Mensch, der diese Musik liebt. Deshalb muss ich keine Sachen aus dem Fenster werfen und mich unmanierlich benehmen.

Einmal haben Sie ein Hotelzimmer in Wien verwüstet, weil die Ihnen keinen Rabatt geben wollten.

Da war ich besoffen. Es war die Silvesternacht 1959, glaube ich. Da bin ich in der Früh um neun ins Hotel zurückgekommen, musste um zehn zum Flughafen und habe in meinem Rausch nicht verstanden, dass die mir nichts erstatten, obwohl ich das Bett nicht benutzt habe. Ich habe das Bett zerwühlt wie nach einer dreitägigen Orgie.

Die Zuschauerreihen der Waldbühne sind bei einem Ihrer Konzerte 1959 zertrümmert worden. Das haben außer Ihnen nur die Rolling Stones geschafft.

War aber nicht von mir provoziert. Es gab Gruppen von jungen Burschen, so Moped-Klubs, die Ärger machten. Wahrscheinlich die Jungs, wo ich in Lebensgröße an der Wand der Freundin klebte.

Wie viele Teile waren Sie beim Starschnitt?

Auf alle Fälle zu wenig, denn ich war sieben Zentimeter zu klein! Nicht die 1,84 Meter, die ich wirklich groß bin. Die Kids haben sich wirklich aufgeregt. „Wir haben das nachgemessen, das stimmt nicht.“ In der „Bravo“ haben sie mich auch nachcoloriert. Mal hatte ich schwarze, dann blonde Haare, einmal braune, ein andermal hellblaue Augen. Heute läuft es andersherum. Künstler erfinden sich in der Realität ständig neu.

Sie klingen nicht begeistert davon.

Cliff Richards ist Cliff Richards, Celentano ist Celentano. Niemand sagt, der braucht jetzt Stachelhaare, damit er wieder in wird. Wir waren mit den Stimmen individueller, nach ein paar Zeilen hat uns jeder erkannt. Beim Dieter Bohlen werden alle auf einen Leisten geklemmt – und zum Schluss singen alle gleich.

Spielten damals Drogen eine Rolle?

Die 50er Jahre waren keine Drogenzeit. Wir haben ganz harmlos Alkohol getrunken. Einmal war ich kurz abhängig von Underberg, das war’s.

Bier oder Cocktails?

Ich hab nie Cocktails gemocht. In meinem ersten Haus, das war mein großer Traum, habe ich mir zwar eine Bar eingerichtet, mir vorgestellt, abends den Mädels einen Drink zu mixen, mit Shaker und allem Drum und Dran. Bin aber nie dazu gekommen, hat zu viel Zeit gekostet. Gin Tonic, und Schluss aus! Im Playboy-Club in München war es Anfang der 60er Jahre angesagt, seine eigene Flasche zu haben, in einem Kästchen hinter der Bar. Da bin ich reingekommen mit der Angebeteten und habe zum Barkeeper gesagt: Bring mir meine Flasche Whiskey oder Gin! Udo Jürgens, Gunter Sachs, die waren da alle. Als Mädchen ging man lieber nicht allein hinein ...

Die Frauen waren Freiwild?

Es wäre unschicklich gewesen. Frauen kamen mit einem Anstands-Wauwau – einem, der ihren Freund spielt. Es gab in München einen dicklichen Griechen, mit dem sind die gekommen. Weil der sie beschützte. Der kannte alle Typen in der Bar und passte auf, mit wem die Frauen tanzten oder tranken. Der gehörte wie der Sergio zu einer Clique, die in München bekannt war. Vielleicht ist das heute im P1 so, ich weiß es nicht. Mich juckt das nicht mehr. Da müssen Sie den Lothar Matthäus fragen. Der schleppt doch die Hasen aus dem P1 ab.

Sie lachen.

Ja. Weil die alle gleich aussehen. Überhaupt sind sich heute alle ähnlicher. Mit ihren ausrasierten Augenbrauen, spitz zulaufend, mit nur einem Strich hier. Wenn das mit den Operationen überhandnimmt, wird’s ja noch schlimmer.

Sie haben doch auch was machen lassen!

Nur die Schlupflider. Vor 15 Jahren.

Wolfgang Joop fordert, Menschen über 60 Jahren sollte der freie Zugang zu allen Drogen erlaubt sein.

Mir ist das gleich. Wenn jemand sein Glück darin findet, das zu tun, was Schickimickis möchten – bitte. Das ist eine eigene Spezies, da gehöre ich nicht dazu. Ich denke nicht, dass ich nicht gelebt habe, wenn ich nicht Kokain geschnupft habe.

Sie sehen auch nicht so aus, als müsste man Ihnen das Älterwerden erleichtern. Die Turnübungen in Ihrem Buch „Für immer jung“, machen Sie die wirklich jeden Tag?

Nein, um Gottes willen.

Auch nicht frühmorgens auf dem Trampolin?

Jetzt war’s saukalt in der Früh in Lugano. Wir hatten Minusgrade. Ich mach das lieber mittags.

Sie können keine Sekunde still sitzen – jetzt auch nicht. Brauchen Sie deswegen den See als Ruhepol vor der Haustür?

Das war immer mein Traum. Ein See ist einfach wahnsinnig schön. Ich setz mich ins Kanu, mache diese stupiden Bewegungen und kann total abschalten. Allerdings einfach so spazieren fahren, das geht nicht. Ich rase nach Italien rüber, verschnaufe kurz, dann pfffff wieder zurück.

Außerdem sind Sie begeisterter Wasserskifahrer.

Ich wollte Motorrad fahren, so richtig in Schräglagen. Da hab ich mir gedacht, auf dem Wasser kannst du das auch, das ist nicht so gefährlich und trotzdem ein irrsinniger Nervenkitzel. Wenn das Boot 55 Kilometer pro Stunde fährt, hat man in der Querfahrt bis zu 80 Sachen drauf.

Sie sind nicht mehr 20, Herr Kraus.

Wenn ich übertreibe, passiert es, dass ich die Arme nicht mehr strecken kann.

Schon mal böse ins Wasser gefallen?

Natürlich. Ich bin früher nicht ohne Aspirin gefahren, mich hat’s so geschmissen, ich hab immer Schädelweh gehabt danach.

Sie treiben Sport, achten auf Ihre Ernährung und ...

Ich mag halt keinen Bauch. Damit fühle ich mich unwohl. Wahrscheinlich wegen der engen Hosen. Da sehe ich jedes Gramm zu viel. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, eine gute Körperausstrahlung zu haben. Damit wirkt man wesentlich jünger, als wenn man daherschleicht und sich das Gesicht operieren lässt. Wenn dein Körper alt aussieht, kannst du mit dem gespanntesten Gesicht nicht punkten.

Sie leiden unter Jugendwahn.

Nein. Das kann man nicht sagen. Mir geht es nicht ums Aussehen, sondern um die Beweglichkeit. Ich kenn auch Leute, die dick sind und eine gute Körpersprache haben. Denken Sie an die Kleine, die letztes Jahr bei „Let’s Dance“ gewonnen hat, die Maite Kelly, die hat mir unheimlich gut gefallen.

Beneiden Sie die Jugend um etwas?

Ich würde all diese Extremsportarten gerne mitmachen. Eiswandklettern mit einem Pickel in der Hand. Dafür habe ich nicht mehr die Kraft in den Händen. Mit Sicherheit war ich einer der ersten deutschen Skatefahrer. Es gab 1964 diesen berühmten Film „Ein Mann und eine Frau“, und im Vorfilm ging es um eine amerikanische Jugendgang, die sind mit so Bretteln rumgefahren. Da hab ich mir aus Rollschuhen und einem Brett so ein Ding gebaut und bin in Lugano den Berg runter.

Und heil unten angekommen?

Ja, aber das war prekär. Später habe ich mal bergrunter einen VW-Bus überholt, in dem saßen Bekannte. Die haben ganz schön komisch geguckt.

Die elastischen Beine haben Sie noch.

Na ja, vor einem Monat bin ich beim Konzert von einer Bühne runtergesprungen. Da tanzten zwei Leute im Publikum, ich dachte, wäre doch ein Riesending, dem Mann jetzt die Frau wegzunehmen. Das wurde mir zum Verhängnis. Jetzt habe ich eine geprellte Ferse.

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