Peter Sloterdijk und das deutsche Feuilleton : Krieg der Hirne

Peter Sloterdijk schlägt zu - und das deutsche Feuilleton gerät heftig ins Flattern. Eine kleine Dokumentation.

Norbert Thomma
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Illustration: Birgit Lang

10. Juni

Es ist ein Opus. Der für Philosophie und Ästhetik zuständige Peter Sloterdijk (Hochschule Karlsruhe) reitet im Galopp durch die Geistesgeschichte und trifft für die „FAZ“ dabei u. a. Rousseau, Marx, Lenin, Proudhon, Brecht, Robin Hood und Putin. Ganz nebenbei träumt er in seinem Artikel von einer Revolution „zur Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit“. Denn die produktiven Bürger, so Sloterdijk, würden mit dem Bezahlen von Steuern durch die „Staats- Kleptokratie“ ausgebeutet.


11. Juni

Von Sloterdijk zum „Steuerrebellen“ aufgestachelt, geht Kai Müller in einer Glosse für den Tagesspiegel zum Finanzamt und will Geld zurück. Ohne Erfolg.


24. Juni

Helmut Mayer erinnert in der „FAZ“, dass es vor genau zehn Jahren schon einmal Zoff gab: zwischen Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk, jener „wie immer rhetorisch im höchsten Gang“. In Mayers Gedächtnis blieben Begriffe wie „Tugenddiktatur, Kultur des Verdachts …“


26. Juni

In der „taz“ giftet Rudolf Walther über Sloterdijks Ideen: „Das ist nur eine Übersetzung des FDP-Slogans ,Mehr Freiheit - weniger Staat’ aus dem Slang der Partei der Besserverdienenden ins medienphilosophische Gebrabbel.“


Juli

Sloterdijk verkauft eine modifizierte Version seines „FAZ“-Artikels an das politische Männermagazin „Cicero“.


12. Juli

Im Interview mit der „WamS“ paraphrasiert sich Sloterdijk: „Man muss aus dem dumpfen Geld, das Steuer heißt, kluges Geld machen – Geld, das seinen Weg selber sucht und kennt – zu dem Empfänger, bei dem es die beste Wirkung hervorbringt.“ Dann wird der Philosoph zum Orakel: „Man weiß nie wirklich, woran man mit dem deutschen Feuilleton ist.“


24. September

Wochen, ja Monate später ist es dann an der „Zeit“: Autor ist Axel Honneth, Philosoph, Habermas-Schüler. In seinem Stück treten u. a. auf: Foucault, die 68er-Bewegung, Georges Sorel, die Griechen, Ernst Nolte, Bataille, Hayek, Nietzsche. Honneth attestiert Sloterdijk „Verachtung“ für den Wohlfahrtsstaat und spottet über „die elende Lage der herrschenden Klassen“. Es frage sich angesichts von S., „ob unsere demokratische Kultur nicht inzwischen einen Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatschtheit erreicht hat …“ usw usf.


25. September

„Von der Klugheit des John Maynard Keynes“, murrt Jürgen Kaube in der „FAZ“, „sind beide Sloterdijk und Honneth] weit entfernt.“ Deshalb „wird der Streit zu nichts führen“. Ist dies das Ende der Debatte?


26. September

Nein, denn: Sloterdijk diagnostiziert in der „FAZ“ bei Axel Honneth „mehr Dumpfheit als Schärfe“, kurzum: „Unser Professor hat in Bezug auf meine Arbeit einen Lektüre-Rückstand von, freundlich geschätzt, 6 000 bis 8 000 Seiten.“


29. September

Eine Expedition ins Tierreich wagt Johan Schloemann in der „SZ“: „Sloterdijk insgesamt anzugreifen, das ähnelt dem Vorhaben, von einer besonders intelligenten Qualle zu verlangen, sie möge endlich klare Kante zeigen.“


21. Oktober

Mit Karl Heinz Bohrer, Professor emeritus für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Ästhetik, meldet sich in der „FAZ“ ein Opfer „des allmählich verkommenden Sozialstaats“. Das Personal seines Artikels u. a.: Habermas, St. Just, Heine, Hegel, Egalité & Liberté, Nietzsche. Bohrer steht Soloterdijk zur Seite, denn er mag keine hohen Steuern auf seinen „wohlverdienten finanziellen Zugewinn“ in Gestalt von „Auszeichnungen oder für Kulturpreise“ mehr bezahlen.


23. Oktober

Auch Marius Meller springt Sloterdijk bei. Im Tagesspiegel lobt er dessen „reflexiven Humor“, Steuern seien „kollektivpsychologisch Halsabschneiderei“.


24. Oktober

Stephan Speicher in der „SZ“ zu Sloterdijks Thesen: „Merkwürdiger Befund.“


Ende Oktober

Die Bundestagswahl ist vorbei, diesmal schreibt Sloterdijk „exklusiv“ (so „Cicero“) in „Cicero“, sein Aufsatz wird von der Zeitschrift als „Manifest“ und „Plädoyer für Freiheitswind“ angepriesen; es treten u. a. auf: Kohl, Sarrazin (dieser flutete inzwischen über die Zeitschrift „Lettre“ einen zweiten Debattenstrom), Louis Philippe, Merkel, Gottfried Benn, Bismarck, Hegel, Xerxes & Darius, Marx, Proudhon, Ricardo, Westerwelle. Sloterdijk leidet mit Sarrazin und sieht „die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden“ steigen.


26. Oktober

Schöner als Bohrer (s. a. 21.10.) „könnte kein Manager das Boni-System verteidigen“, ruft Dirk Pilz in der „Berliner Zeitung“; Sloterdijk nennt er einen „philosophischen Hochstapler“.

„Wer zwischen Lohn und Leistung nicht sauber unterscheiden kann und beide unbesehen gleichsetzt, kann nicht kompetent über Verteilungsprobleme reden“, schleudert Werner Vontobel in der „SZ“ gen Sloterdijk, „er kennt offenbar die Begriffe nicht“. 20 Prozent der Deutschen würden „weit über 80 Prozent aller Nettoeinkommen“ beziehen und damit adäquat rsp. gerecht mit Steuern belastet.

Die „FAZ“ verteidigt Sloterdijk wie ein Hundehalter: Der will doch nur spielen! Wörtlich: „Seine Einlassungen, wiewohl politisch-ökonomischen Gehalts, möchten ja keinesfalls politisch-ökonomisch überprüft werden können.“

Im „Spiegel“ spricht der interviewte Sloterdijk selbst: „Als Zeitdiagnostiker ist es mein Beruf, in den Eingeweiden des Zeitgeistes zu lesen … Ich habe nie etwas anderes als die SPD wählen können, aus familiären und persönlichen Gründen, nicht unbedingt aus philosophischen.“ Nebenbei beklagt er fehlenden Schneid bei Jürgen Habermas, er habe diesem bereits „ein halbes Dutzend förmliche Duell-Einladungen übermittelt, aber er hat sich immer entzogen“.


27.Oktober

Die „taz“ schlägt eine gepfefferte Linke: „Besonders lächerlich ist, dass die Stammtischparolen gegen ,Unproduktive’ und ,Transfermassennehmer’ ausgerechnet von lebenslang auf Staatskosten durchgefütterten Beamten wie Sloterdijk und Arnulf Baring stammen, die ihre Pensionen parasitär aus Töpfen saugen, in die sie – im Unterschied zu den Rentenbeziehern – keinen Cent einbezahlt haben.“


2. November

Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) greift im „Spiegel“ ein: „…wenn nicht Sloterdijk in bereits geübter Manier zurückgerudert und sich als gutgetarnter Sozialdemokrat geoutet hätte, als Steuerfreund, der alles nicht so meinte und völlig verblüffend mal wieder unglaublich missverstanden wurde … Honneth a. 24.9.] hingegen dämonisiert sein Gegenüber und versteigt sich sogar zu einer Verschwörungstheorie, raunt über dubiose Jünger und einen lange geplanten neoliberalen Coup.“


3. November

Nun reicht es der „FAZ“ aber langsam, wenn auch noch Precht, „hervorgetreten weniger als Philosoph denn als Bestsellerautor zu überpsychologisierten Sujets“, sich einmischt. Die „FAZ“-Glosse meint: „Natürlich kann man sich fragen, was es bedeutet, wenn Sloterdijks philologische Aufbrezelungen als Philosophie wahrgenommen werden.“


7. November

Auftritt von u. a. Christa Wolf, Marx, Christoph Hein, Markus Wolf, Bärbel Bohley bei Harald Jähner in der „Berliner Zeitung“; er unkt: „Utopischen Aufwand leisten sich paradoxerweise allenfalls die Konservativen, wie jüngst der Philosoph Sloterdijk. Der schaffte es, die neoliberale Kritik am Steuerstaat mit einem revolutionären Traum zu befeuern.“


10. November

Boris Groys, Philosophie-Professor der New York University, ist im Gegensatz zu Sloterdijk ganz zufrieden, dass der Staat Steuern auch von den Wohlhabenden einstreicht, denn sonst, fürchtet er in der „SZ“: „Die Armen würden sich das Geld einfach revolutionär nehmen und das Problem der Ungleichheit wäre sofort gelöst.“

Medizinische Diagnose von Stephan Hebel in der „FR“: Sloterdijks Artikel „krankte an ein paar intellektuellen Kurzschluss-Handlungen“.


11. November

Es setzt Peitschenhiebe („schlicht keine Ahnung“) gegen „Gumbrecht und Bohrer, Sloterdijks willige Helfer“ durch Christian Schlüter in der „FR“; auch, einmal in Schwung, gegen Richard David Precht, „eine Art intellektueller Witwentröster für verlorene Seelen“.


12. November

Es erscheinen in der Einlassung von Franz Sommerfeld u. a. Kohl, von der Leyen, Hans-Werner Sinn, Heinz Buschkowsky, Dahrendorf, Bohrer. Sloterdijk habe völlig recht, denn „die Beschäftigung mit den tatsächlichen Verhältnissen ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung“. Und, so „FR“ u. a.: „Auch der freundliche Feuilletonist Richard David Precht irrt.“

Im „Freitag“ berichtet der Philosoph Arnd Pollmann, welch kuriosen Wandel die sog. Sloterdijk-Honneth-Debatte genommen hat; ein Kollege sei in der USA mehrmals gefragt worden: „Gibt’s was Neues in der Sloterdijk-Honecker-Debatte?“


15. November

„Traurig“ ist Chefredakteur Thomas Schmid („WamS“) über die Kritik an Sloterdijk, für ihn ein Tausendsassa („unverkennbare Lust am Gedankenspiel“, „überraschender Zaubertrick“). Steuern weg und freiwillig spenden? Ja, der Sozialstaat könne nicht „das letze Wort der Geschichte“ sein, ihm „wohnt ein … demotivierender Zug inne“.


18. November

Nicht nur Sloterdijk („ein Gedankenspiel in Narrenpose, ein clownesker Konjuktiv“) geht Harald Jähner in der „Berliner Zeitung“ auf den Keks, sondern nun auch der „Zeit“-Literaturkritiker Ulrich Greiner, da dieser sich beim Thema Armut und Reichtum für „mildtätiges Herabblicken“ und „hilfesuchendes Emporblicken“ erwärme.

„Sloterdijks Provokation, die Immer-noch-besser-Verdienenden sollten, statt zu jammern, ihren Beitrag zur Bildungsrepublik und zum sozialen Frieden als Spende statt als Steuern leisten, war ja kein ,Vorschlag’, sondern eine paradoxe Intervention zur Entschärfung der Klassenkampfgefahr.“ Also schrieb in der „taz“ Mathias Greffrath.


20. November

Auf „zeit.de“ bescheinigt Tanja Dückers „dem Karlsruher Enfant terrible“, es verbreite „abwegige Thesen“ und wolle „zurück ins 19. Jahrhundert – vor Bismarcks wegweisende Sozialgesetze“. Überhaupt: Von Hartz IV und Kinderarmut, klagt Dückers, rede niemand.


26. November

Der „Freitag“ spricht, seiner medialen Bedeutung entsprechend, ein Machtwort: „Die Sloterdijk-Debatte wird hiermit beendet.“ Und Deutschlands Feuilletons fallen alsbald in einen tiefen Winterschlaf.

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