Zeitung Heute : Peymann räumt auf

Am Samstag versteigert er die legendäre BE-Kantine

Christine-Felice Röhrs

Zerrissen ist das Herz schon lang. Sechs Jahre. Die Wunde ist eigentlich bereits vernarbt, und sie hatten lange nicht daran gedacht. Aber jetzt kommt er wieder daher, mit einem Hammer in der Hand und wird darauf herumhauen.

Das Herz hatte eine komische Form. Es sah aus wie Tische und Stühle. Es hieß Kantine. Oder Helenes Kantine. Helenes Kantine im Schiffbauerdammtheater, Berliner Ensemble, eingerichtet 1954, von der Chefin persönlich, Helene Weigel, Frau vom Brecht, hochverehrte Theatermacherin mit großem Herzen und rollendem R. Und diese Möbel stehen jetzt also in einem weißen Container auf dem Hof, 74 Stühle, 20 Tische – und am Samstag, 17 Uhr, sollen sie versteigert werden. Der Hausherr, Claus Peymann, macht es selbst, mit dem unbarmherzigen Auktionatorhammer. Das Herz des Hauses – verscherbelt!, schimpfen die einen. Das Herz ist die Bühne, sagen sachlich die anderen, und man weiß nicht so recht, wohin in diesem Streit. Auf die Seite der sehr Vernünftigen oder auf die der sehr Empörten?

Angefangen hat alles 1999. Claus Peymann hatte sich als Intendant angekündigt, aus Wien kommend, vom großen, eleganten Burgtheater – und ließ die kleine Berliner Schrottkiste erst mal renovieren. Die Kantine sah damals so aus: recht dunkel, schwarzer Terrazzostein auf dem Boden, Holzpaneele an den Wänden, darüber Bilder über Bilder – und ziemlich abgestoßene Möbel. Helene – 1971 gestorben – war eben schon lange nicht mehr da. In einem Interview hatte sie über die nach eigenen Zeichnungen angefertigten Holztische mal gesagt: „Ich musste immer darum kämpfen, dass sie sie mir sauber halten. Der Eindruck entsteht natürlich durch die blanken Tische.“

Hat Peymann vielleicht nur die Geister loswerden wollen? Brecht, Weigel, Heiner Müller – Theatergiganten haben in dieser Kantine gefeiert, gewütet, gearbeitet. Es heißt, dass alle Entscheidungen eigentlich immer hier gefällt wurden. Ein Großer, der gegen andere ankämpft? Der Kantinentod, ein Ehrgeizspiel?

Die Reaktion jedenfalls war eine Welle von Galle. „… hässlichster Ort Berlins, nichts anderes als Walt Disney“, spuckte Christoph Schlingensief in der „Frankfurter Rundschau“. Im Tagesspiegel war von „Sakrileg“ die Rede, in der „Berliner Zeitung“ von „Tempelschändung“. Trotzdem. Helenes Möbel wurden in die Provinz geschafft, ins Theaterlagerhaus, wo sie sechs Jahre lang verstaubten.

Nun ist das Lager vor kurzem aufgelöst worden. Und deshalb gab’s in der vergangenen Woche zu jeder Theaterkarte einen Zettel: „Peymann räumt auf. Aus Fundus und Schatzkammern gelangen zur Versteigerung – erstens: Das Mobiliar der legendären BE-Kantine“. Dann weitere Posten, Kostüme, Requisiten. Zum Schluss: „!meistbietend und gegen bar!“

Ein sonniger Tag, kurz vor der Versteigerung. In der Kantine ist es kühl. Jeder darf hier rein. Er muss nur auf die Rückseite des Theaters, am Pförtner vorbei, quer über den Hof und eine Kellertreppe runter. Man weiß nicht recht, wieso Schlingensief und Konsorten so giftig geworden sind. Shoppingcenterbistro? Ist doch ganz nett hier. Und immer noch schön theater-oll, irgendwie. An den Tischen platzt immerhin die Beschichtung ab. Die indirekte Beleuchtung und die Pseudolederbänke an den Wänden sind etwas 90er-Jahre-Lounge-gesichtslos, aber wenigstens passen die Stühle nicht zusammen. Man könnte damit leben.

Doch der Widerstand hockt überall. Man muss hier nur ein bisschen sitzen, dann kommen die Meinungen schon von selbst. „Sie kennen das Original ja nicht“, sagt Werner Riemann. Riemann ist jetzt 72 Jahre alt. Seine Kantinenerinnerungen reichen weit zurück. Im Januar 1956 hat er am Theater angefangen, als Komparse, heute führt er Besucher herum. Riemann hat sogar den Brecht noch erlebt, wenn auch nur für sieben Monate. Er erzählt, wie Helene Weigel hier unten Buchbasare organisierte, Kinderfeste, Weihnachtsfeten. Es gab illegale Auftritte von West-Kabarettisten, Vorsprechen und Nachfeiern; im Bildband „Bilder eines Lebens“ über den Intendanten Heiner Müller sieht man die Leute später saufen in Helenes Kantine, rauchen, tanzen… Carmen-Maja Antoni fegt herein, Schauspielerin, seit 30 Jahren am Haus, kleine Frau, tiefe Stimme. Sie bestellt einen Roibosch-Tee, „um die Kantine geht’s?“ Sie stellt sich auf, weist in die Runde, über die jetzt glatten, weißen holzpaneellosen Wände und betont jedes Wort: „So sieht es auch bei Grieneisen aus“; sie meint Berlins größte Bestattungsfirma. „Nur ohne Möbel“, sagt sie. „Und in der Mitte der Sarg.“

Draußen auf dem Hof schließt Uwe Arsand, Technikchef, den Container auf, die Dramaturgin Jutta Ferbers ist auch da und Sprecherin Gaby Hofmann. Arsand holt einen Tisch und Stühle heraus. Der Tisch: viereckig, massiv, zerschrammte Beine, keine besonderen Kennzeichen. Die Stühle: schlichte Drahtgestelle mit Korbgeflecht. Nostalgiker, die ja immer etwas zum Anfassen brauchen, um Verbindung mit der Vergangenheit aufnehmen zu können, würden diese Stühle bestimmt gerne streicheln: Wer da alles drauf saß, drauf aß. Unwiederbringlich. Aber die drei auf dem Hof sind keine Nostalgiker. Sie sagen, sie brauchen keine Kantinenmöbel als Erinnerung, sie haben ein ganzes Theater. Sie übertreffen sich in Beschwichtigungen. Arsand: „Die alte Direktion hat ja auch schon versteigert“. Hofmann: „Wir sind ja kein Museum, Theater ist ein lebendiger Ort.“ Und Ferbers: „Ein Theater muss in 50 Jahren ja auch mal wegwerfen, wir platzen aus allen Nähten.“ Sie gehört zum Tross, den Peymann ’99 mitgebracht hat. Es ist immer leichter, Geschichte zu ignorieren, die man nicht erlebt hat.

Zwei Interessenten haben sich schon gemeldet, die gerne alles nehmen würden. Gastronomen. Es heißt, sie brauchen eine neue Einrichtung, wollen aber nicht viel bezahlen. Helenes Möbel als Trödel? Ganz ohne historische Verantwortung? Sie könnten in einer Eckkneipe enden, wo der Malocher seinen Feierabendrausch ausschläft mit der Stirne auf Helenes einst poliertem Holz! Weigel und Brecht würde das vielleicht sogar gefallen haben.

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