Zeitung Heute : Pfalz: Ungeniert dem Laster hingeben

Susanne Kittelberger

Das Heimweh traf mich aus heiterem Himmel. Vor der Gedächtniskirche. Und ich wünschte mich plötzlich weit weg. Nicht irgendwohin, nur um dieser Szenerie zwischen Junkies und Yuppies, Schultheiss und Schampus zu entfliehen. Nein, ich wollte dahin, wo es eben diese unglaublich leckere, ganz besonders köstliche, dem Fremden allerdings meist etwas ungewöhnlich, um nicht zu sagen sogar unappetitlich anmutende, regionale Spezialität gibt - in die Pfalz. Denn - kaum zu glauben - inmitten des aufgebauten Budenzaubers, zwischen den obligatorischen Thüringern, Schaschliks und dem Döner-Kebab, den Waffeln, Crêpes und Germknödeln, hatte ich etwas Vertrautes gefunden: Saumagen mit Sauerkraut und Bauernbrot. Dazu Pfälzer Riesling, wenn auch im Pfandbecher.

Seit Jahren geistert er durch die Medien. Naserümpfend und kopfschüttelnd wurde in der internationalen Presse regelmäßig über die geschmacklichen Entgleisungen eines beleibten und damals noch populären Oggersheimers berichtet, der es sich nicht nehmen ließ, unter dem Vorwand volksnaher Heimatverbundenheit, meist in Begleitung hochrangiger Politprominenz, einschlägige Etablissements an der Pfälzer Weinstraße aufzusuchen, um sich ungeniert seinem Laster hinzugeben. "Pervers", meinten die einen. "Einfach geschmacklos", wunderten sich die anderen. "Wie kann man nur? Und dann noch in aller Öffentlichkeit."

Man kann. Ja, man sollte sogar. Und selbst die ärgsten Zweifler, vorausgesetzt sie gehören nicht zur eingefleischten Spezies der Vegetarier, werden sich für diese Delikatesse pfälzischer Traditionsküche erwärmen, wenn sie denn erst einmal Gelegenheit haben in den Genuss des Leibgerichtes unseres besagten Feinschmeckers zu kommen. Es bedarf erfahrungsgemäß einiger Überzeugungsarbeit, um das bei den Noch-Nichteingeweihten unmittelbar aufflammende Gefühl eines gewissen Widerwillens, das sich beim Wort "Saumagen" unwillkürlich und sehr bildhaft einzustellen scheint, durch die Bereitschaft wenigstens einmal zu kosten zu ersetzen. Doch hat man die um das lange und viel geschmähte "Kanzlersteak" kursierenden Vorurteile, die in der Regel ohnehin auf Unwissenheit basieren, erst einmal entkräftet, und ist das Misstrauen beim Anblick eines appetitlich angerichteten Vespertellers endlich der Lust auf Deftig-Herzhaftes gewichen, darf es ein Scheibchen mehr sein.

Ist es die räumliche Distanz, das Alter oder sagen wir, die nötige Reife, die dazu führen, dass man mit den Jahren, fern der Heimat, Symptome eines gewissen Lokalpatriotismus entwickelt? Schwer zu sagen. Und doch antworte ich heute auf die Frage, woher ich komme, nicht ohne Stolz: Aus der Pfalz! Und um genau zu sein: Aus Wachenheim. Ganz richtig! Aus der Stadt, in der der beste und aus diesem Grunde mittlerweile auch berühmteste Saumagen produziert wird. In Handarbeit, nach alter Tradition und original Pfälzer Rezept, versteht sich. Beim Mischen der Zutaten, beim Füllen und Garen darf man Klaus Hambel, dem Herrscher über die Wurstküche in der Wachenheimer Hintergasse freitags nach Vereinbarung auch zuschauen. Er hat die kleine Metzgerei von seinem Vater übernommen und den Familienbetrieb weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Wer etwas auf sich hält, der bezieht seine Pfälzer Wurstspezialitäten von ihm. Die Speisekarten der regionalen Gastronomie werben ohnehin mit Hambels Bratwürsten und Leberknödeln und wenn Tante Helga aus Bremen zu Besuch kommt, wird sie mit Lukullischem aus der Hintergässler Wurstmanufaktur verwöhnt. Auch die nach Berlin importierten Carepakete erfreuen sich, nach erfolgreich verlaufenen ersten Testessen, zunehmender Beliebtheit.

Während der kühlen Jahreszeit kann man bei Hambels auch per Post bestellen. Kein Problem, wie man von einem bekannten Berliner Radiosender eines schönen Morgens erfahren konnte. Die nämlich hatten den 70. Geburtstag unseres in Ungnade gefallenen Exkanzlers zum Anlass genommen, um Klaus Hambel, als dessen Hoflieferant, zum Interview zu bitten. In Live-Übertragung. So hatten die Hauptstädter Gelegenheit sich auszumalen, was geschehen wäre, wenn der neue Kanzler der alte geblieben wäre: Die Berliner Gastroszene wäre um ein kulinarisches Highlight bereichert worden, was dann in der Menüfolge ausgewählter Gourmettempel, verfeinert mit Pfifferlingen oder Kastanien, als Carpaccio oder getrüffelt, unter dem vielversprechenden Etikett "Panse de Cochon de Palatinat" zu verzeichnen gewesen wäre. Man wagt kaum, sich die Konsequenzen auszumalen, weder in gastronomischer noch in politischer Hinsicht.

Das Zeitalter der Globalisierung scheint auch vor der Pfalz, ihren Traditionen und des Pfälzers Leibgericht nicht Halt zu machen. Da ist es irgendwie beruhigend, dass man den Saumagen noch nicht via Internet, per E-Mail ordern kann, was dann doch etwas befremdlich wäre. Aber wer weiß, die Elwetrittchen, Fabelwesen à la Wolpertinger und Pfälzer Nationalvogel flattern auch schon im Netz umher und wer glaubt, im world.wide.web führe die Eingabe des Suchwortes "Saumagen" zu keinem Ergebnis, der wird angesichts der mehr als einem Dutzend Seiten eines Besseren belehrt. Hier wird zum Beispiel der 1. Internationale Saumagenwettbewerb 2000 ausgeschrieben. Der findet Anfang November in Landau und nicht in Wachenheim statt. Wegen des Heimvorteils fiele das sicher unter die Kategorie des unlauteren Wettbewerbs. Schade, denn das kleine Städtchen an der Weinstraße hat noch mehr zu bieten und die schönste Jahreszeit, der Herbst und mit ihm die Weinlese, haben längst begonnen.

Bei einem Besuch sollte die Besichtigung der Sektkellerei Schloss Wachenheim im barocken Steinhauserschen Hof auf jeden Fall auf dem Programm stehen. Mit Stolz wird hier von der Sekttaufe des Luftschiffes Graf Zeppelin und des heute noch unter der Bezeichnung "Zeppelin-Taufmarke" hergestellten Rieslingsektes berichtet. Bei der abschließenden Sektprobe lässt sich das neu erworbene Wissen über die umliegenden Weinlagen, die verschiedenen Rebsorten und deren Ausbau, Theoretisches zur Méthode champenoise, zum fachmännischen Rütteln, Vereisen und Degorgieren ganz entspannt und praxisnah goutieren. Wem das nicht genügt, denn ein kleines Metallschildchen an dem von Benediktinerabt und Sekterfinder Dom Perignon bewachten Brunnen im Schlosshof weist darauf hin, dass hier leider "kein Wein, kein Trinkwasser und kein Sekt" sprudeln, der wird andern Ortes auf seine Kosten kommen.

Bei einer Weinprobe in der Winzergenossenschaft Wachtenburg-Luginsland oder in einem der schmucken Winzerhöfe der umliegenden Weingüter hat man Gelegenheit tiefer in die Materie vorzudringen. Ist manchem der Wachenheimer "Gerümpel", "Königswingert" oder "Mandelgarten" dann doch etwas zu Kopf gestiegen, empfiehlt sich im Anschluss ein Rundgang entlang der in großen Teilen noch intakten Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert und durch den historischen Stadtkern.

Doch wohin man auch geht, das ganze Städtchen atmet das säuerlich-herbe Aroma von neuem Wein und feuchtem Herbstlaub. Aus jedem Hoftor, Kellerschacht und Gassengulli strömt der Duft frisch gekelterter Trauben. Der Dunst des trüben Rebsaftes scheint aus jeder Mauerpore zu dringen und begleitet den Spaziergänger bis über die Stadtgrenzen hinaus, wo er in das bunte Farbenmeer der Weingärten eintaucht.

Von dem einst charakteristischen Flickenteppich der vielen kleinen und größeren Weinbergsparzellen, dem Ergebnis der über Generationen hinweg erbrechtlich geltenden Realteilung, ist im Zuge der Flurbereinigung nichts übriggeblieben. Die "Villa Rustica", eine Art Freilichtmuseum, die man auf den mittlerweile befestigten und schnurgeraden Landwirtschaftswegen in Richtung Rheinebene erreicht, legt Zeugnis von der Jahrtausende alten Tradition des Weinanbaus und dem Reichtum römischer Rebzüchter ab. Eine sportlichere Variante ist die Besteigung des im Westen gelegenen, von Wingertterrassen und schmalen Stufenaufgängen durchmusterten Burgberges und der weithin sichtbaren Ruine der Wachtenburg. Die im 12. Jahrhundert von den Kaisern und Pfalzgrafen der Salier und Staufer angelegte Festung, deren Mauerreste sich bis ins Burgtal zum Burggrafenhaus hinab ziehen, ist das Wahrzeichen der Stadt.

Wer den steilen Aufstieg durch idyllische Bauern- und Weingärten, vorbei an Fachwerkhäusern und von Sandsteinbögen überwölbten Hofeingängen nicht scheut, wird oben angekommen mit einem herrlichen Blick über die Rheinebene, bei klarem Wetter bis hin zum Schwarzwald, belohnt, der bei einem Schoppen Wein und einem Pärchen original Hambelscher Bratwürste aus der Burgschänke noch mal so schön ist.

Die Burgschänke wird Ende Oktober auch zum konspirativen Treffpunkt einer recht sonderbaren Gesellschaft. Der Anlass der alljährlichen Zusammenkunft muss jeden Nichtpfälzer mit ungläubigem Staunen erfüllen, ihm ein verständnisloses Kopfschütteln oder mitleidiges Schulterzucken entlocken. Nicht so den Trittcheologen. Nach erfolgreicher Absolvierung einer theoretischen Einführung in die Trittcheologie unter der erfahrenen Leitung von Dieter Merkel, findet in den Weinbergen auf und rund um den Burgberg die alljährliche Elwetrittchejagd statt, der ein stärkendes Festessen in der Burgschänke vorausgeht. Mehr wird nicht verraten. Noch kann man sich - Sachfremde und Neulinge sind immer willkommen - zur Teilnahme anmelden und die Gelegenheit nutzen, um den Ernst dieser hochwissenschaftlichen Exkursion in die geheimnisvolle Welt der Pfälzer Sagen und Bräuche mit ein paar genussreichen Tagen in der Pfalz ganz unwissenschaftlich zu kombinieren, um dann an Geist und Körper gestärkt in die heimische Metropole zurückzukehren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben