Zeitung Heute : Pfeife und silberne Schläfen

Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Ein Berliner, sagt die Redaktion, Heinz Drache war doch ein Berliner, nicht wahr? Oder nur der Darsteller eines Berliner Hauptkommissars im Fernsehen? Er war, sagt die Biographie, ein Essener – und möglicherweise lag es an dieser Herkunft, dass der Schauspieler nie regionale Wurzeln verriet, egal, was er spielte. Viele, wer weiß, werden ihn spätestens seit dem „Halstuch“ für einen Engländer mit Synchronstimme gehalten haben. Heinz Drache, dem die größtmögliche Annäherung eines Deutschen an den britischen Gentleman gelang, ist am Mittwochabend im Alter von 79 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. In Berlin.

Zum Berliner wurde er im Lauf der Jahre, in seinem eigentlichen Leben als Theaterschauspieler. Denn zum Fernsehen und zum Kino kam er erst, als er bereits am Theater erfolgreich war, und er kehrte zum Theater zurück, als sein Rollentypus von den Schimanskis aus dem Weg geschossen und geflucht worden war. Entdeckt von Gustaf Gründgens als Nachwuchsschauspieler im Berliner Klub „Die Möwe“, musste er sich nicht lange mit Nebenrollen abgeben, spielte in Stücken von Goetz, Wilde, Shaw, trat in Hörspielen auf und lieferte erste Synchronarbeiten ab als sonore Stimme von Richard Widmark und Frank Sinatra. Sein erster Kinofilm, Geza von Bolvarys „Einmal kehr’ ich wieder“, 1954 gedreht mit Elma Karlowa, ist heute weitgehend vergessen, doch er ebnete Drache den Weg ins große Filmgeschäft, wo er viele Genres durchquerte, vor allem die so genannten „Sittenfilme“ wie „Die Straße“ – und 1961 zum ersten Mal mit einem Stoff von Edgar Wallace in Kontakt kam: „Der Rächer“ hieß der Film von Kurt Ulrich, in dem er den Detektiv Michael Brixan spielte, nur ein Jahr vor der endgültigen Festlegung auf den Typus des Pfeife rauchenden Scotland-Yard-Manns, den er später ebenso kompetent verkörperte wie sein ewiger Gegenspieler Klaus Kinski den Irren.

Das „Halstuch“, der legendäre Sechsteiler nach einem Buch von Francis Durbridge, war der entscheidende Schritt. Mit Einschaltqouten bis zu 89 Prozent verfolgte Drache als Inspektor Yates den Mörder durch ein aberwitziges Netz von falschen Fährten, so überzeugend, dass er diese Arbeit in insgesamt acht Folgen der Edgar-Wallace-Serie fortsetzte, im „Hexer“, im „Zinker“ und im „Indischen Tuch“, oft als Pendant zu Joachim Fuchsberger, dem Smarteren und Vielseitigeren, der ihm vom Typ so ähnlich war. Mitte der Siebziger lief die Welle aus, der „Hund von Blackwood Castle“ 1967 blieb Draches letzte Kinoproduktion. Die spätere Wiederbelebung des Gentleman-Detektivs in der Rolle des Berliner „Tatort“-Kommissars Bülow war ein Missverständnis: Der Typus hatte sich verbraucht, und es fehlte an Drehbüchern, die ihm neues Leben hätten einhauchen können. Drache selbst zog die Konsequenzen und verabschiedete sich 1989 nach sechs mäßig erfolgreichen Folgen von der Rolle.

Theater: Für einen Gründgens-Adepten das Lebenselixier. Doch Drache entkam auch auf den Brettern nicht der Festlegung auf einen bestimmten Typ: Meist war er der gut aussehende, galante Ehemann, der „Ideale Gatte“, der einen Seitensprung zwar stets denkbar erscheinen ließ, aber nur so lange, bis die Türen knallten und die Verwicklungen in den Aberwitz drifteten, frivol, zweideutig, nie eindeutig. Boulevardtheater ohne großen literarischen Anspruch war das meist, gespielt gegen den Zeitgeist der großen Regisseure, und so fiel es kaum auf, dass Drache auch oft selbst die Regie übernahm, routiniert, uneitel – die Kritiker saßen ohnehin längst in der Schaubühne.

In den 90er Jahren zog er sich auch vom Theater zurück. „Zuletzt wollte man, dass ich für den ausgefallenen Harald Juhnke die Regie übernahm. Aber ich merkte, dass die Schauspieler nicht richtig spielen konnten und auch nicht bereit waren, sich ein paar Tipps geben zu lassen.“ Damit war das Thema für ihn erledigt, und fortan sahen ihn nur noch die Fernsehzuschauer in Gastrollen, wie im ZDF-Mehrteiler „Sturmzeit“.

Ein altmodischer Mensch. Mit seiner Frau Rosemarie war Heinz Drache seit 1957 verheiratet, ohne dass er jemals Anlass zu einer grellen Schlagzeile geboten hätte – das Rollenfach des Gentlemans mit den silbernen Schläfen war ihm offenbar auch privat gut vertraut.

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