PFERDE-EPOS „Gefährten“ : Zwischen den Fronten

Foto: WDS
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Es beginnt wie „So grün war mein Tal“ und es endet wie „Vom Winde verweht“. Und dazwischen zieht Steven Spielberg alle Register seines Familienkinos: Humor, Tragik, Abenteuer, Emotionen und große Bilder, angebunden an die Geschichte eines Pferdes vor und während des Ersten Weltkriegs.

Im ländlichen Devon kauft der Bauer Ted Narracott (Peter Mullan) den jungen Hengst Joey, nur um seinen Verpächter Lyons (David Thewlis) zu ärgern. Mutter Narracott (Emily Watson) ist sauer. Denn Joey ist ein halbes Vollblut und für die Farmarbeit ungeeignet. Doch Teds Sohn Albert trainiert das Pferd, bringt es dazu, einen Pflug durch ein steiniges Feld zu ziehen und rettet damit die Farm.

Doch dann bricht der Krieg aus und alle Pferde werden für die Armee beschlagnahmt. Zwar verspricht Captain Nichols (Tom Huddleston), das Pferd heil zurückzubringen, doch bereits beim ersten Kavallerieangriff fällt der Captain – und Joeys Odyssee beginnt. Für einen belgischen Bauern ist er ein Geschenk Gottes, für die deutsche Artillerie nur ein Arbeitstier. Für Spielberg ist der Gaul eine Metapher für das Leiden jeder Kreatur im Krieg, egal ob Mensch oder Tier. Das wird am Höhepunkt des Films klar, wenn Joey im Niemandsland zwischen den Schützengräben durch eine Hölle aus Stacheldraht, Blut, Eisen, Explosionen rast.

Es ist das alte Spielberg-Spiel, das er in Filmen wie „Die Farbe Lila“ und „Das Reich der Sonne“ perfektioniert hat: Er manipuliert den Zuschauer mit seinen Bildern – man merkt es und ärgert sich darüber. Aber wer bei „E. T.“ keine Träne verdrückt hat, wer nach „Der Soldat James Ryan“ nicht dringend eine US-Flagge im Garten hissen wollte, der ist ein gottverdammter Roboter. Das will man doch im Kino sehen: große Bilder, große Gefühle. Wie Spielberg mitten in der Erzählung die Stimmung von gemütlich zu aufregend umschaltet, wie er einen mit den Themen Loyalität, Freundschaft, Hoffnung – selbst im Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs – durchschüttelt, das macht ihm keiner nach.

Selbst der größte Skeptiker, Michael Morpurgo, Autor der Romanvorlage, änderte seine anfängliche Meinung über die Verfilmung seines Kinderbuchs. Lediglich die siruphafte Musik stört diesmal sehr, zumal John Williams keine einprägsame Melodie gelingt. Steven Spielberg dagegen sitzt wieder fest im Sattel und führt durch einen richtig schön altmodischen Streifen in bester Hollywood-Tradition. Patentiertes Gefühlskino. Lutz Göllner

USA 2011, 147 Min., R: Steven Spielberg,

D: Jeremy Irvine, Peter Mullan, Emily Watson

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