Zeitung Heute : Pfiffig dienen - Eine sinnvolle Nutzung für die spätere Berufskarriere

Walter Schmidt

Ein beliebter Brauch von Wehrdienstleistenden ist seit jeher, von eigens angefertigten Maßbändern jeden überstandenen Dienst-Tag abzuschnippeln. Auch "Zivis" hoffen nicht selten das Ende ihrer Fron beim Fahrbaren Mittagstisch oder im Altenheim herbei. Doch derlei Dienstschieberei ist nicht nur öde, sie kann beim Eintritt ins Berufsleben auch von Nachteil sein - etwa wenn der Personalchef vom Bewerber wissen will: "Wie haben Sie eigentlich die Zeit beim Barras für Ihr Fortkommen genutzt?"

Nicht alle sind so weitsichtig wie der 21-jährige Sven Janssen aus Mendig bei Koblenz. Der gelernte Organisations-Programmierer hatte "von Berufskollegen gehört, dass ich beim Bund berufsnah eingesetzt werden kann". Ein Gespräch mit dem so genannten "Einplaner" beim Koblenzer Kreiswehrersatzamt, und alles war geritzt: Janssen wird nach der Grundausbildung acht Monate lang "als EDV-Mann" beim Heeres-Unterstützungskommando arbeiten.

Längst nicht alle jungen Männer wissen, dass sie "beim Bund" nicht nur das Ölen von Gewehren oder als Zivi das sanfte Schieben eines Rollstuhls lernen können. Als Soldat den LKW-Führerschein zu erwerben, das können sich manche noch vorstellen. Aber einen Kurs in Zeitmanagement belegen? Oder gar Spanisch lernen? Dabei gibt die Bundeswehr jährlich über 200 Millionen Mark dafür aus, um ihr Personal auf Zeit fortzubilden. In 37 Dienststellen kümmert sich der Berufsförderungsdienst (BFD) darum, Zeitsoldaten und Wehrdienstleistende beruflich fit fürs zivile Leben zu machen. Die Angebote reichen von Kursen zu Existenzgründung und computergestütztem Marketing über das Bewerber-Training bis zur Schulung in Rechner-Programmen wie "MS-Excel 2000". Für Kurse des BFD, bei Handwerkskammer oder Volkshochschule stehen jedem Soldaten 1300 Mark zu; das gilt auch für Zivildienstleistende. Klug ist, wer dies zu nutzen weiß. Kerstin Piltz, die Sprecherin der Wehrbereichsverwaltung IV in Wiesbaden kennt Personalchefs, "die auf die Bemerkung eines Bewerbers, bei der Bundeswehr sei es öde gewesen, gezielt nach der persönlichen Initiative fragen". Lernfaulheit kann so zum Problem werden.

Ob jemand seinen Dienst als Soldat oder Zivi ableistet, spielt kaum eine Rolle. Etwa gleich viele junge Männer entscheiden sich für eines von beiden. Stellvertretend für eine ganze Reihe stichprobenartig befragter Personalchefs und Firmensprecher sagt Michael Lamberty von der Lufthansa in Frankfurt: "Wir haben keine Präferenzen". Stets aber frage sein Unternehmen danach, "was der Bewerber während seiner Dienstzeit gemacht hat und welche Erfahrungen und Kenntnisse er daraus mitbringt".

Doch nur eine Minderheit der jungen Männer reizen die Möglichkeiten zur Fortbildung. "Die Resonanz auf unser Angebot ist nicht so gewaltig", sagt Marianne Himmel, die Leiterin des Dezernats Berufsförderung im Wehrbereich IV. "Die Wehrdienstleistenden sagen sich: Was soll ich in den zehn Monaten schon groß machen? Die meinen, sie werden hier nur durchgeschleust und lassen alles, was man ihnen sagt, durchs linke Ohr rein und rechts wieder raus". An Personalchefs mit bohrenden Fragen denke in diesem Alter kaum einer. Fortbildungswillige Soldaten müssen gut begründen können, warum sie diesen oder jenen Kurs belegen wollen. "Den Gabelstapler-Kurs für den künftigen Betriebswirt finanzieren wir nicht", sagt Himmel. Der BFD müsse seine Mittel sinnvoll ausgeben.

Noch wichtiger als zwei oder drei Gewinn bringende Kurse ist die pfiffige Wahl des Einsatzortes. In den Kreiswehrersatzämtern Koblenz und Regensburg testet die Bundeswehr derzeit WESIS 2. Das neue "Wehrersatzinformationssystem" soll schon bei der Musterung dabei helfen, dass Neigungen und Talente des künftigen Soldaten erkannt und nach der Grundausbildung an sinnvoller Stelle verwendet werden. "Es gibt zwar den berühmten Koch, den wir als Kfz-Mechaniker einsetzen", sagt Toni Hutsteiner, der in Koblenz das Auskunft- und Beratungszentrum der Bundeswehr leitet. "Doch dann will der Koch das so und nicht auch noch als Soldat Zwiebeln schälen".

Ihre Wünsche sollten junge Männer dem künftigen Dienstgeber so früh und genau wie möglich mitteilen. Dann sind laut Husteiner "80 bis 90 Prozent davon erfüllbar". Vergleichbar dem Organisationsprogrammierer Sven Jannsen können künftige Bau-Ingenieure bei den Pionieren unterkommen oder Rundfunkleute beim Soldatensender Radio Andernach. Besonders Gewitzte lassen sich ihre Dienstzeit als Berufs- oder Studienpraktikum anerkennen - was freilich voraussetzt, dass der spätere Arbeitgeber oder die Hochschule mitspielt. Oft genügt ein Anruf, um dies festzustellen.

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