Pfingsten – ein Fest : Christen als Störfaktor

Die Stadt ist voller Menschen. Pfingsten, das große Reisefest. Das schöne Wetter lockt hinaus. Obwohl viel Christen mit dem Feiertag etwas fremdeln, verzeichnen die Kirchen derzeit Zulauf.

Gerd Appenzeller

 Und anders als Weihnachten und Ostern steht Pfingsten für keinen jener Eckpunkte des Kirchenjahres, die für Familienfeste prädestiniert sind. Pfingsten ist ein Fest, mit dem viele Christen etwas fremdeln. Dabei markiert es in den Berichten des Neuen Testamentes jenes Geschehen, auf das sich die Kirche gründet, wie wir sie heute kennen. Die Apostelgeschichte des Lukas beschreibt, wie die Menschen, vom Heiligen Geist erfüllt, zu predigen begannen. Das Markusevangelium benennt das Pfingstwunder als Auftrag an die Christen, ihre Botschaft allen Völkern zu bringen.

Alte Geschichten, mag man denken. Dennoch: Dass es in Deutschland nach 2000 Jahren noch eine Volkskirche gibt, dass die Zahl jener sogar wieder steigt, die sich aktiv in Gemeinden engagieren oder, gerade in Berlin, ihre Kinder auf christlich orientierte Schule schicken, grenzt an ein Wunder. Immerhin haben die Nationalsozialisten über die „Deutsche Kirche“ versucht, den Glauben seines Sinnes zu berauben und die Religion völkisch auszurichten. Der SED, die dazu nicht nur 12, sondern 40 Jahre Zeit hatte, ist es fast gelungen, die Kirchen als gemeinsames kulturelles und geistig-religiöses Erbe auszulöschen.

Als gelte es, das erneute bürgerliche Engagement in den Kirchen schleunigst einzuhegen, sind fast zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer gerade in Berlin in der rot-roten Landesregierung und ihrem Umfeld Kräfte aktiv, die christliche Bekenntnisse aus der Öffentlichkeit herausdrängen wollen. Fast meint man, die Marx‘sche These von der Religion als Opium des Volkes sei in der Linkspartei und auch in der SPD noch so virulent, dass ihre Anhänger sich im Sinne falsch verstandener Volksgesundheit verpflichtet fühlen, die unter Rauschverdacht stehende Religion durch nüchterne Ethik zu ersetzen. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD im Abgeordnetenhaus, Christian Gaebler, wies den Tagesspiegel-Bericht zurück, wonach seine Partei Ethik als verbindliches Fach auch auf die Grundschulen ausweiten und damit Religion auch hier aus dem verpflichtenden Stundenplan herausdrängen wolle. Er schränkt das Dementi jedoch gleich wieder verräterisch ein. Derzeit plane seine Partei das nicht. Was im Klartext heißt: Sie hat es selbstverständlich vor.

Das ist nichts anderes als die Methode DDR: Man macht ein Fach fakultativ und erreicht damit in einer ohnedies immer mehr belastenden Schule, ganz ohne offenen Zwang, dass die Kinder es nicht mehr belegen. Die Eltern spüren natürlich diese subkutane Abneigung der Politik gegen die Kirchen. Sie reagieren durch Gründung immer neuer konfessioneller Schulen, deren Ausweitung wiederum der Staat zu verhindern sucht. Etwa, indem er diesen Schulen die Zuwendungen kürzt oder durch die Streichung der steuerlichen Absetzbarkeit des Schulgeldes. Dahinter stand im Bundesfinanzministerium zwar eine eher technische Überlegung, aber die Wirkung ist doch Privatschul-feindlich.

Dass dieser Boom der kirchlichen Schulen nun nicht etwa im christlich geprägten deutschen Süden, sondern im atheistischen Berlin ausgebrochen ist, sollte die rot-rote Koalition eigentlich nachdenklich machen. Sie empfindet Christen offenbar als Störfaktor – und vergisst, dass der Störfaktor ein Wahlrecht hat.

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