Zeitung Heute : Pflege für die Würde

Was passieren muss, damit Alte und Schwerstkranke in Heimen sicher leben können

Cordula Eubel

Ein Pfleger hat zehn Schwerstkranke getötet. Die Deutsche-Hospiz-Stiftung fordert jetzt einen radikalen Systemwechsel im Gesundheitswesen. Wie soll der aussehen?

Für Eugen Brysch sind die getöteten Schwerstkranken in Sonthofen im Allgäu kein Einzelfall. „So etwas ist immer wieder vorgekommen“, sagt der Vorstand der Deutschen Hospiz-Stiftung. Ein 25-jähriger Pfleger hatte nach seiner Verhaftung in der vergangenen Woche gestanden, sechs Frauen und vier Männer im Alter von 60 bis 89 Jahren mit Injektionen getötet zu haben. Als Motiv gab er an, er habe das Leid der „dahinsiechenden“ Menschen nicht mehr ertragen und sie erlösen wollen. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob es noch mehr Opfer gegeben haben könnte.

Brysch wundert sich, warum Richter und Politiker von diesem Fall so überrascht sind. „Einen möglichen Täter erkennt man nicht erst dann, wenn er in den Medikamentenschrank greift. Es gibt auch vorher Indizien“, sagt der Vorsitzende der Patientenschutz-Organisation dem Tagesspiegel. „Die Alarmglocken müssen schon viel früher klingeln.“ Brysch verweist auf nationale und internationale Studien.

Danach gibt es mehr männliche als weibliche Täter. Zu Tätern werden Menschen, die mit Schwerstkranken zu tun haben, etwa mit altersverwirrten Personen, die wenig kommunikationsfähig sind. Opfer sind häufig Personen, die kaum Angehörige haben – oder deren Familie sich nur selten um sie kümmert. Ein Alarmsignal sei, wenn sich ein Pfleger im Team immer mehr zurückziehe, außerdem über die Patienten nur noch in „schnoddriger Sprache“ rede: also über „Zimmer 10“ statt über „Frau Meyer“, erklärt Brysch.

Der Chef der Deutschen Hospiz-Stiftung fordert, die Ausbildung des Pflegepersonals gerade für die Betreuung von Schwerstkranken zu verbessern. „Das Personal ist häufig völlig überfordert“, sagt er. Eine regelmäßige Supervision – eine Art Beratung durch erfahrene Personen von außen – in den Einrichtungen sei leider bisher „unüblich“. An einigen Hochschulen wird bei der Ausbildung von Medizinern bereits mehr Gewicht auf die so genannte Palliativmedizin gelegt – also auf die Behandlung und Pflege von Patienten, die an einer nicht heilbaren Krankheit leiden. Das Ziel dabei ist, ein weitestgehend beschwerdefreies, würdevolles Weiterleben bis zum Tod zu ermöglichen. Die Linderung der Symptome steht in diesem Stadiumi daher eher im Fokus als eine Heilung und Gesundung des Patienten.

Brysch setzt sich außerdem für eine Basisversorgung für alle ein. „Spitzenmedizin ist nur noch für eine kleine Minderheit bezahlbar“, beklagt er. Schwerstkranke Menschen sollten ein persönliches Tagesbudget von 260 Euro am Tag erhalten, um selbst die medizinischen und pflegerischen Leistungen nachfragen zu können, die sie benötigen. Nicht jeder Krebskranke wolle am Lebensende noch eine teure Chemotherapie fortführen. Stattdessen müsse dann auch die Begleitung der Schwerstkranken bezahlt werden, forderte Brysch.

Handlungsbedarf sieht er auch bei der Versorgung Demenzkranker. „Da ist die Politik auf halbem Wege steckengeblieben“, klagt er. „Wir brauchen einen besseren Pflegeschlüssel“, sagte Brysch.

Ärztevertreter warnen nach den Geschehnissen in Sonthofen vor einer möglicherweise aufbrandenden Debatte darüber, das Verbot der aktiven Sterbehilfe aufzuheben. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Klinikärzteverbands Marburger Bund, sagt, dass Ärzte manchmal überlastet seien. Einen schwerkranken Patienten deswegen zu töten, komme für die Mediziner aber überhaupt nicht in Frage. Montgomery: „Wir wollen keine Lizenz zum Töten.“

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