Zeitung Heute : Pflege im Heim

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Ellen Schaper, 65, erzählt, wie ihre

Mutter pflegebedürftig wurde:

Ich habe nie daran gezweifelt, dass es richtig war, meine Mutter in Pflege zu geben. Und dennoch bin ich die Schuldgefühle nicht mehr losgeworden. Als meine Eltern 70 wurden, hatte ich meinem Vater mal vorgeschlagen, sein Haus zu verkaufen und in eine Wohnung in unserer Nähe zu ziehen. Es ging um 400 Kilometer, aber mein Vater war bitterböse auf mich, dass ich ihm zumuten würde, sein Haus zu verlassen. Als er zehn Jahre später im Krankenhaus lag, hat er sich dafür entschuldigt.

Damals war ich häufig bei meinen Eltern, weil meine Mutter nach einer Operation ziemlich verwirrt war. Sie wusste nicht mehr, wo und wer sie war. Mit einer Krankenschwester habe ich sie zu Hause wieder aufgepäppelt, und eine Zeitlang ging alles ganz gut. Bis meine Mutter anfing, meinen Vater zu beschuldigen, er habe eine Freundin und solche Dinge. Ich glaube, sie hatte damals einfach unglaubliche Angst, weil sie nicht mehr verstand, was um sie herum vor sich ging.

Mein Vater ist darüber zusammengebrochen und wachte eines Morgens nicht mehr auf. Er hatte eine Packung Schlaftabletten geschluckt. Der Arzt, der ihn rettete, sagte, ich müsse meine Mutter in ein Pflegeheim geben, nur dann ließe er meinen Vater wieder nach Hause. Ich fand ein Heim in der Nähe, war aber ziemlich sicher, dass meine Mutter nicht freiwillig dort hin gehen würde. Sie war meine Mutter, und ich musste nun mit allen Tricks arbeiten, das fällt einem sehr, sehr schwer. Ich musste vor Gericht gehen, um die Betreuung zu beantragen. Und dann? Wie sollte ich meine Mutter gegen ihren Willen in das Heim bringen? Dabei hilft einem keiner. Man sieht nur die vorwurfsvollen Blicke. Ich habe meinen Mann angerufen, weil ich wusste, das schaff ich nicht alleine. Wir haben meiner Mutter gesagt, dass wir den Opa im Krankenhaus besuchen. Als sie in der Türe des Heims stand, fing sie aber wie verrückt an zu schreien. Das zu machen, das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Am nächsten Tag hatte sie sich beruhigt und wir konnten meinen Vater aus dem Krankenhaus holen. In dieser Nacht ist er gestorben.

Ich habe überlegt, ob ich meine Mutter zu uns nach Hause holen soll. Aber der Arzt riet mir ab. Wir haben sie dann in ein Pflegeheim in unserer Nähe gebracht. Vorher wollte ich ihr aber noch mal ihr Haus zeigen, weil ich dachte, dass sie sich vielleicht davon verabschieden wollte. Sie ist durch das Haus gegangen, und dann hat sie gesagt: „So, jetzt müssen wir wieder nach Hause, jetzt gibt es Abendessen.“ Sie hat einfach nichts mehr erkannt. Mich hat das sehr traurig gemacht. Bei uns im Pflegeheim hat sie noch fünf Jahre gelebt. Es gab Phasen, in denen sie sehr aggressiv war, und in denen sie mir ganz fremd wurde. Da war ich froh, dass ich abends nach Hause konnte, um Abstand zu bekommen. Sonst wird man innerlich böse. Zum Schluss wurde sie dann ganz lieb, wie ein Kind. Das war wichtig, denn es versöhnt einen.

Aufgezeichnet von Kerstin Kohlenberg

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