Zeitung Heute : Pflege zu Hause

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Irmgard Flamm, 60, pflegte ihre Mutter

von 1996 bis 1998:

Wir haben uns nicht lange überlegt, ob wir meine Mutter zu uns nach Hause nehmen. Für mich war das eine Selbstverständlichkeit. Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder mich ins Heim geben, wenn ich alt und krank bin. Vor allem aber habe ich es für meinen Vater getan. Er hätte es von mir erwartet. Meine Mutter war schon lange ein Pflegefall, als er Anfang der 90er Jahre bei einer Routineoperation plötzlich verstarb. In der ersten Zeit nach seinem Tod haben meine Schwägerin und ich gemeinsam nach ihr gesehen. Aber das ging nicht lange gut. Meine Mutter war seit dem frühen Tod ihrer Zwillinge schon Jahrzehnte manisch-depressiv, und in ihren depressiven Phasen war sie schon immer verwirrt, im Alter wurde das schlimmer. Manchmal hat sie uns gar nicht erkannt. Man konnte sie über Nacht nicht allein in diesem riesigen Haus lassen, und weil mein Bruder und seine Frau dieses Haus sowieso erben sollten, sind sie dort eingezogen. Die Oma bekam dort nur noch ein Zimmer. Aber das ging auch nicht gut. Sie hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zu meiner Schwägerin, und für diese war sie jetzt einfach eine alte Frau, nicht mehr ganz richtig im Kopf. Ich konnte diesen Kleinkrieg nicht mitansehen. Es war doch meine Mutter! Also habe ich sie zu uns geholt. Was das für mein Leben bedeutete, wusste ich natürlich nicht. Einmal am Tag kam ein Pflegedienst, um sie zu waschen. Den hat zu einem großen Teil die Pflegeversicherung bezahlt. Was wir dazu tun mussten, weiß ich nicht mehr, ein paar hundert Mark im Monat vielleicht. Der Pflegedienst war sehr wichtig. Ihm gegenüber hat sich meine Mutter zusammengerissen.

Zu mir war sie oft garstig. Was wir ihr antun! Und warum wir sie hier einsperren würden! Aber man konnte sie am Ende doch gar nicht mehr allein lassen. Ich war eigentlich fast immer bei ihr, ich habe in ihrem Zimmer gebügelt, gelesen, wir haben zusammen ferngesehen. In ihren lichten Momenten wirkte sie glücklich wie ein kleines Kind. Aber man wusste einfach nicht mehr, was in ihr vorgeht. Einmal hat sie sich Besuchern gegenüber beschwert: „Das müsst ihr euch mal vorstellen, macht sich in meinem Zimmer einfach die Haare.“ Mich hat das sehr verletzt. Es hat mir auch weh getan, wenn meine Kinder am Telefon fragten, was ich eigentlich den ganzen Tag mache.

Meine Mutter hat meinen Alltag völlig geprägt. Ich bin einkaufen gegangen, wenn sie schlief, habe gekocht, wenn die Pfleger bei ihr waren. Wenn wir abends ausgegangen sind, hatte ich ein schlechtes Gewissen, obwohl mein Sohn dann oft auf sie aufgepasst hat. Einmal, als mein Mann und ich nach einem längeren Ausflug nach Hause kamen, saß sie zitternd vor Angst und mit fiebrigem Kopf im Bett. Sie dachte, wir hätten sie einfach verlassen. Kurz danach ist sie gestorben. Aber ich kann nicht sagen, dass ich erleichtert gewesen wäre. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich jetzt wieder ein eigenes Leben führe.

Aufgezeichnet von Stefanie Flamm

BIOGRAFIE

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