Zeitung Heute : Pflegefälle

Sybille Cramer

Jedes Wort bearbeitet den Mangel. Die Gefühle sind herrenlos, die Perlenketten zerrissen, die Teppiche abgetreten. Lebt man, so stirbt man eines Tages. Das Weinen und Lachen wird gelernt wie später der Beruf der Rezitatorin, den die Großmutter ihr vermacht. Der Geliebte verbrennt ihre Fußsohlen mit der Zigarette, das ist selbstverständlich. Zum Schrei reißt der ausgestopfte Adler auf dem Schreibtisch des Bruders den Schnabel auf. Auf die "Geschichte vom alten Kind" lässt Jenny Erpenbeck jetzt Erzählungen folgen, die das Thema ihres Erstlings aus dem Jahre 1999 erneuern: weibliches Dasein als lebenslängliches Provisorium. Die Halbwüchsige, die ihr Schicksal in einem Kinderheim ablieferte, macht nun weiblichen Behelfsfiguren Platz. Sie sind an ihr Lager gefesselt, Pflegefälle, verstoßenen Geliebte, Gespenster in der Haut ihrer Mütter. Sie stecken in zähen Abhängigkeitsverhältnissen fest, streichen um das verlorene Zuhause, aus dem sie verjagt wurden, versinken in tödliche Lethargie und richten, sofern sie die Energie aufbringen, ihre ganze Tatkraft auf den "Dreckfaktor des Lebens".

Die methodischen Absurdität ist das viel gerühmte Markenzeichen der Prosa Jenny Erpenbecks. Mit den zehn Erzählungen, darunter zwei Erstveröffentlichungen, die jetzt folgen, beweist die Autorin noch einmal ihr beträchtliches Talent im engen Ausdrucksspektrum tonlosen Unglücks. Zugleich stellt sich unübersehbar der Eindruck einer erzählerischen Notlage ein. Zum Pferdefuß ihres Erzählens wird eben jene kunstreiche Einfachheit, die ihrem Debüt den Erfolg sicherte. Dieselben Bilder eines umsichtig gelöschten Leben sprengen das Format, das sie für sämtliche Erzählungen wählt. An der todesähnlichen Hingabe, mit der die Figuren auf ihr Leben verzichten, tritt der natürliche Charakter des Unnatürlichen hervor, der den absurden Weltzustand kennzeichnet. Verloren ging offenbar die Heimat nicht allein der Gefühle, sondern ein größerer, unermesslicher, irrealer Raum, eine Heimat des Denkens, eine Idee. Die gestörten inneren Gewichtverhältnisse der Texte kosten Erpenbecks Erzählungen einen guten Teil ihrer Glaubwürdigkeit.

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