Ein überraschendes Treffen im Tiergarten.

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Phänomen B-Parade : Viel Nichts statt Lärm

Glatze, schwarzes Hemd, Turnschuhe. Eric Nussbaum sieht aus wie Westbam, der Berliner Star-DJ, nur deutlich jünger. Im Schatten einer Buche, keine 100 Meter vom Großen Stern, schlägt er auf einer Holzbank die Beine übereinander und dreht sich eine Zigarette. Eric Nussbaum wird sie die nächste halbe Stunde in der Hand halten und damit rumfuchteln, ohne sie anzuzünden. So viel hat er zu erzählen. Er sagt, er habe Fehler gemacht. Der größte war wohl, dass er glaubte, eine Parade mit dieser Vorgeschichte noch retten zu können. Nussbaum ist erst seit zwei Jahren dabei, die Zeit davor fasst er in einem Satz zusammen: „Willen gab es, aber das reicht eben nicht immer.“ Leider habe die B-Parade inzwischen einen derart miesen Ruf, dass allein ihr Name Sponsoren abschrecke. Dieses Jahr hatten sie mehrere Getränkehersteller und einen Kondomfabrikanten in Aussicht, viel mehr leider nicht. Auch mit dem Lärmschutz habe es Probleme gegeben, an einer Stelle im Tiergarten seien die Testwerte um wenige Dezibel zu laut gewesen. Aber das hätte man regeln können, zum Beispiel mit einer mobilen Schallschutzwand vom Fraunhofer-Institut. Vor allem waren die Macher stolz auf ihr Sicherheitskonzept, das selbst von Behördenseite gelobt wurde.

Eric Nussbaum ist in Saarbrücken aufgewachsen, 1994 zog er nach Berlin, leistete Zivildienst in Spandau. Und er liebte Techno, auch auf der Loveparade lief er jedes Jahr mit. Eine Musikveranstaltung hat er noch nie organisiert. Dafür aber vieles andere. In Tempelhof und Spandau hat er die Ikea-Häuser mitaufgebaut. Er war zuständig für die Planung der Wege, die jeder Kunde bis zur Kasse zu laufen hat. „Aktivitätsverantwortlicher“, hieß sein Job in der Branche.

In den letzten Wochen habe er extrem viel Häme abbekommen, sagt Nussbaum. Das schmerze. Manche unterstellen ihm, dass er sich in Wahrheit von den Anwohnern bezahlen lasse, damit er jedes Jahr aufs neue einen Umzug verhindere. Das sei allerdings auch ein berlinspezifisches Problem, findet Nussbaum. Weil hier so viel von dem eigenen Namen abhänge – und dem Rang in der sogenannten Szene. „Da ist Berlin weit provinzieller als Saarbrücken.“ Er sagt das so überzeugt und aufrichtig, dass man gar nicht anders kann, als diesen Mann sympathisch zu finden. Mehr noch. Man möchte sich sofort seinem Team anschließen und eine große Techno-Parade planen.

Vielleicht ist die B-Parade auch charakteristisch für Berlin. So charakteristisch, wie es keine andere Veranstaltung je sein könnte. In einer Stadt, der weder Flughafenausbau noch S-Bahn-Verkehr, weder Straßensanierung noch Fußball gelingt, würde jede termingerecht durchgeführte Parade wie ein Fremdkörper wirken. Womöglich symbolisiert dieser Umzugsversuch den Charme des Unperfekten – des wirklich Wollens, aber nicht so richtig Könnens. Vielleicht ist die B-Parade genau die Party, die Berlin verdient.

Bleibt die Frage nach der Zukunft. Man muss sie ihm stellen. Gibt es schon Pläne für 2013, Herr Nussbaum? Er lächelt. Ja, die gebe es. Und sogar schon Sponsoren. Gerade habe ihn einer auf dem Handy angerufen. Bloß B-Parade werde diese Veranstaltung wohl eher nicht heißen.

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