Phantom von Heilbronn : Zweifel am DNS-Test

Das im Zusammenhang mit rund 40 schweren Straftaten gesuchte „Phantom von Heilbronn“ hat es womöglich nie gegeben. Die Wattestäbchen zur DNS-Spurensicherung waren offenbar verunreinigt. Wie verlässlich sind DNS-Tests?

Jost Müller-Neuhof Hartmut Wewetzer

Die gefährlichste Frau in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik hatte keinen Namen, kein Alter und kein Gesicht. Sie war im Polizeijargon die „UWP“, die unbekannte weibliche Person, die einbrach, stahl und mordete, meist in Deutschland, auch in Österreich und Frankreich. Die Akte des „Phantoms von Heilbronn“ kann bald geschlossen werden, das Phantom gibt es wohl nicht, aber zu den Akten wandert der Fall damit nicht. Er gilt schon jetzt als eine der größten Polizeipannen und bezeugt den bisher fatalsten Ermittlungsfehler im Zusammenhang mit der als Revolution der Kriminalistik gefeierten DNS-Erkennungstechnik: Die DNS-Spuren des „Phantoms“ stammen wahrscheinlich von einer Frau, die die Wattestäbchen, mit denen die Ermittler ihre Proben nahmen, hergestellt oder abgepackt hat. Es war eine „Verunreinigung“ mit fremder DNS, wie es in der Kriminalistensprache heißt.

Auf die falsche Fährte gerieten die Fahnder im April 2007. Unbekannte hatten einer Polizistin auf einem Heilbronner Parkplatz in den Kopf geschossen und ihren Kollegen schwer verletzt. Die Untersuchung der Tatortspuren führte die Ermittler zu den Asservaten einer Reihe anderer ungelöster Fälle aus den letzten Jahren. Der genetische Fingerabdruck der „UWP“ klebte an Teetassen, Keksresten, Küchenschubladen und Heroinspritzen. Sollte die Frau mit den Taten zu tun gehabt haben, so muss sie nicht nur rücksichtslos und kaltblütig gewesen sein, sondern auch über eine erstaunliche Bandbreite krimineller Komplizen verfügt haben. Es war nicht nur der Kopfschuss in Heilbronn, die mutmaßliche Serieneinbrecherin musste auch dabei gewesen sein, wenn Mordopfer beseitigt wurden, Brüder sich stritten oder Teenager irgendwo einstiegen.

Dass all dies einer Frau zuzurechnen war, jenem Geschlecht, das in der Gewaltkriminalität eher selten auffällt, ließ die Ergebnisse doppelt befremdlich erscheinen, aber auch doppelt faszinierend. Zudem hatten die Ermittler die wissenschaftlich bestätigten Aussagen einer heutzutage nahezu perfekten Kriminaltechnik auf ihrer Seite. Die statistische Irrtumswahrscheinlichkeit bei der Feststellung des Identifizierungsmusters mit genetischem Material liegt bei eins zu 1,1 Billionen. Die DNS-Analyse ist damit anderen technischen Ermittlungsmethoden wie Blutgruppenbestimmung, Fingerabdruck oder Stimmanalyse überlegen – sie ist „wahrer“, als es Geständnisse oft sind.

Trotzdem: Auch eine DNS-Probe ist nur eine Spur. Sie sagt zunächst nur aus, dass eine am Tatort genommene Probe von einer bestimmten Person stammt. Für eine Verurteilung reicht das in aller Regel nicht, es müssen weitere Indizien hinzutreten. Auch können DNS-Spuren selbst zum Problem werden. Die aktuelle Technik ist hoch empfindlich, Kleinstspuren genügen. Die wesentliche Arbeit im Labor sei zu klären, „was überhaupt ins Reagenzglas gehört“, meint der Serologe Hermann Schmitter vom Bundeskriminalamt. Michael Tsokos, Leiter der Charité-Rechtsmedizin, ist jetzt nicht überrascht. „Es war mir und anderen Kollegen schon länger klar, dass da eine Verunreinigung der Wattestäbchen vorliegt“, sagt er. „Seit mindestens einem halben Jahr wird das unter Rechtsmedizinern diskutiert.“ Es sei unmöglich, dass ein weiblicher Serienkiller an sechs Tatorten und bei etlichen weiteren Delikten Erbgutspuren hinterlasse, aber keine Hinweise wie Fasern oder Fingerabdrücke. „Es gibt keinen Fall, bei dem nur die DNS da ist“, sagt Tsokos. Die Möglichkeit, dass ein Täter die Spuren absichtlich gelegt haben könnte, sei „null“. Wer fremde Spuren streue, hinterlasse auch eigene.

Nach Ansicht des Berliner Rechtsmediziners müssen die Wattestäbchen irgendwo auf dem Weg zwischen Herstellung und Auslieferung vermutlich unwissentlich mit DNS verunreinigt worden sein. Normalerweise seien die Wattestäbchen weitgehend frei von Erbinformation. Trotzdem komme es gelegentlich bei Ermittlungen zu ungewollter Kontamination mit DNS, die nichts mit einem Verbrechen zu tun habe. Aus diesem Grund seien die DNS-Profile aller Personen, die an einer Ermittlung beteiligt sind, in „Ausschlusstabellen“ registriert. „Der Qualitätsstandard beim Ermitteln genetischer Fingerabdrücke muss sehr hoch sein, diese Arbeit sollte nicht an private Labors vergeben werden“, warnt Tsokos. Trotzdem ist er überzeugt, dass der genetische Fingerabdruck ein sehr wichtiges und verlässliches kriminalistisches Handwerkszeug ist und bleiben wird. „Gerichtsurteile müssen deshalb nicht überdacht werden. Aber wir dürfen die DNS-Spur nicht überschätzen und sollten bereit sein, Methoden zu überdenken und selbstkritisch zu bleiben.“

So kritisch wie der Bundestag, dessen Rechtsausschuss sich vor wenigen Tagen mit den Folgen der DNS-Profile für den Strafprozess befasst hat. Der Bundesrat hat einen Entwurf vorgelegt, auch Verfahren aufzurollen, die mit rechtskräftigen Freisprüchen endeten – bisher ein rechtsstaatliches Tabu, dass aber dank der überragenden neuen Technik eingeschränkt werden soll. Die Bundesregierung hat ihr Wohlwollen bekundet. Die Experten zeigten sich jedoch skeptisch, ob der Beweiswert wirklich so überragend ist, dass er den Tabubruch rechtfertigt. In der Gerichtspraxis sei die DNS ein Beweis wie andere auch, er führe nicht immer zu sicheren Erkenntnissen – gerade das „Phantom von Heilbronn“ gebe Rätsel auf.

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