Zeitung Heute : Philippinen: "Wer weit reist, trägt immer ein Stück Risiko im Gepäck" (Interview)

Haben Sie als Kenner südostasiatischer Volksg

Der Biologe, Völkerkundler und Filmemacher Thomas Schultze-Westrum, 63, der seit mehr als 40 Jahren in Südostasien arbeitet, glaubt, dass Touristen gegen Geiselnahme und andere Bedrohungen in abgelegenen und deshalb besonders exotisch anmutenden Regionen besser geschützt werden könnten. Die Einwohner bereister Regionen sollten in Planung und Geschäft mit einbezogen werden. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Roland Mischke.

Haben Sie als Kenner südostasiatischer Volksgruppen mit einem terroristischen Akt wie dem von Sipadan gerechnet?

Nicht unmittelbar, doch war die Gefahr für Resorts, die so exponiert liegen wie Sipadan, durchaus erkennbar. Dass bis dahin kein Überfall von Piraten oder Terroristen erfolgt war, das durfte doch nicht davon abhalten, Vorsorge zu treffen. Ich meine damit nicht nur Warnungen, vielmehr gezielte Beiträge zum Abbau von Spannungen in Reisegebieten und deren Umfeld.

Trotzdem verkündet das Auswärtige Amt, dass Urlaubsreisen in die Region "grundsätzlich kein außergewöhnliches Risiko" darstellten.

Die offiziellen Reiseempfehlungen, aber auch die der Tourismusbranche, bedürfen einer wesentlichen Revision. Der Reisende braucht Hinführung zu den besonderen Verhältnissen in der Fremde, die für ihn ein Sicherheitsrisiko sein können. Mehr Vorausschau ist nötig und auch ein Blick über Staatsgrenzen hinweg.

Bei der Diskussion um die Entführung wird vor allem die Sorge laut, dass Sipadan die Probe aufs Exempel sein könnte. Werden Übergriffe drastisch zunehmen?

So etwas prophezeit man nicht gern, aber ich befürchte, es wird weitere Sipadans geben.

Empfinden die Einheimischen die Investitionen der Tourismusindustrie als massiven Eingriff in ihre Rechte?

Damit sprechen Sie ein zentrales Problem an: Wo auswärtige Investoren - aus dem Land selbst oder aus dem Ausland - Hotels und andere touristische Einrichtungen ohne angemessene Beteiligung der Einheimischen betreiben, kommt es immer wieder zu Spannungen, auch zu offener Feindseligkeit. Ich denke hier an Dorfgemeinschaften außerhalb der Städte. Selbst wenn das Bauland "rechtmäßig" erworben wurde, bleiben traditionelle Rechte, Bindungen und Anschauungen bestehen. Sie sind tief verwurzelt und stärker, als wir uns das vorstellen können.

Obgleich die Menschen dort im Tourismus auch verdienen.

Jobs und kleine begleitende Erwerbsquellen sind zu wenig. Die gesamte Dorfgemeinschaft beziehungsweise die traditionellen Landbesitzer sollten langfristige Partner der Touristikunternehmen mit fairem Gewinnanteil und Mitsprache sein. Denken Sie an die exotische Landschaft, an die Strände und Korallenriffe. Diese Werte gehören zum traditionellen Territorium der Dörfer, sie werden nicht in Zahlen erfasst wie das Gelände, auf dem eine Hotelanlage steht. Wer aber käme von weither angereist, nur um den Komfort zu genießen? Wir wollen doch die Natur erleben! Und dafür müssen auch die Einheimischen honoriert werden. Damit entsteht ein Ausgleich, Spannungen werden vermieden - und die Dorfleute beschützen ihre Naturwerte, damit die Einnahmen weiter fließen.

Nun kamen aber die Entführer von außen, von den Philippinen, nach Sipadan. Denen ging es doch um anderes?

So viel anderes nicht. Auch auf den Philippinen gibt es Touristen-Resorts, die wie Gettos von der Bevölkerung abgeschirmt sind. Das sind Spannungsherde. Konflikte, Unzufriedenheit, Aggressionen entwickeln sich. Die Ausbeutung der Naturressourcen durch Auswärtige ist auch auf der Rebelleninsel Jolo ein Problem. Das kam in einer der Forderungen der Geiselnehmer zum Ausdruck: Die Fischgründe um die Insel sollen nicht weiter von außen ausgebeutet werden.

Warum hat man die Dynamik, die in diesem Geiseldrama zum Ausdruck kommt, derart unterschätzt?

Weil die Dorfebene, die ländliche Bevölkerung, in der diese Dynamik abläuft, den Politikern entrückt ist, sowohl im Land selbst als auch in der Betrachtung von außen. Politik wird in der Stadt gemacht, häufig über die Köpfe der ländlichen Bevölkerung hinweg. Auch für unsere Politiker ist der Zugang zu den Entführern nur über den Regierungsapparat in der Hauptstadt möglich, nicht direkt. Das trifft für die gesamte so genannte Dritte Welt zu. Wie grundlegend falsch die Beurteilung von Struktur und Dynamik im Dorf ist, lässt sich an vielen Fehlschlägen in der Entwicklungshilfe ablesen. Dazu gehören auch Tourismusprojekte.

Was soll der Tourismus tun?

Was gezielt gefördert werden sollte, ist eine besondere Art des Tourismus, der Agro- und Ökotourismus. Wirklicher Ökotourismus, im Gegensatz zum Naturtourismus, ist ein sanfter Tourismus mit dem Ziel, zum Schutz der Natur beizutragen, aber auch den Einheimischen maximalen Anteil am Einkommen zu gewähren und Begegnungen zu vermitteln. Dass dieser Ökotourismus ein Instrument zum Abbau von Spannungen zwischen Bevölkerung und Fremden darstellt und Ökotouristen weit weniger gefährdet sind, ist doch einleuchtend: Die Bevölkerung kann in diesem Fall sogar zu einem Schutzschild für Touristen werden, selbst gegen schwer bewaffnete Rebellen oder potenzielle Entführer. Diese würden zögern, die wirtschaftlichen Interessen der Dorfleute zu gefährden und sie damit zu ihren Gegnern zu machen.

Wie muss der Ökotourismus strategisch vorgehen?

Wer als Reiseveranstalter in einem Dorf Ökotourismus etablieren will, muss sich mit dem Dorfrat, den Ältesten, sehr geduldig abklären, viel zuhören und viel verstehen lernen, damit es zu einer harmonischen Zusammenarbeit über längere Zeit kommen kann. Zur weiteren Entwicklung gehören auch Ausbildung von Einheimischen, damit sie Führer und Manager werden und das Personal von dorfeigenen Touristenunterkünften stellen können. Dazu gehören auch Anweisungen auf beiden Seiten über die Form des Umgangs miteinander, um kulturelle Unterschiede möglichst konfliktlos zu überbrücken.

Gibt es bereits funktionierenden Ökotourismus?

Erfreulicherweise bereits in zahlreichen Ländern, allerdings muss er überall noch wesentlich gefördert werden, denn es sollen ja möglichst die Dorfgemeinschaften als Träger fungieren - und denen fehlt schlichtweg das nötige Kapital. Hier ist Hilfe von außen nötig. Aber es ist auch Vorsicht geboten: Vieles, was unter Ökotourismus läuft, ist lediglich Naturtourismus, ohne die volle Beteiligung der Einheimischen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für richtigen Ökotourismus?

Ökotourismus kann so weit gehen, dass die touristischen Einrichtungen zu hundert Prozent in der Hand von Dorfgemeinschaften liegen. In West-Papua, der östlichsten Provinz Indonesiens, befindet sich ein solches Projekt im Aufbau. Mehrere Dörfer haben sich hier zusammen geschlossen, um gemeinsam Tourismus zu entwickeln und zu betreiben. Dazu gehören Tauchen, Schnorcheln, Vogelbeobachtung oder Urwald-Trekking. Die deutsche Botschaft in Djakarta und die Frankfurter Tropenwaldstiftung Oro Verde unterstützen dieses Projekt bereits finanziell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Besucher dieser Region West-Papuas ein Sicherheitsrisiko eingehen. Allerdings weist das Auswärtige Amt auf ein erhöhtes Risiko für Reisende hin, was begründet wird mit den Bestrebungen nach politischer Unabhängigkeit in West-Papua. Dagegen kann auch ein noch so friedfertiger Tourismus nichts ausrichten. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Wer heute in fremde Länder reist, trägt als Gepäck immer auch ein Stück Risiko mit sich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!