Zeitung Heute : „Pi“ gleich Hochleistungsmathematik unter einem Dach

Mehr Platz, mehr Licht, mehr Technik: Berlin Mathematical School eröffnet neues Domizil auf dem Campus der Freien Universität

Christa Beckmann

Die vergangenen neun Monate haben Christof Schütte Nerven gekostet: „Wir mussten manches wissenschaftliche Arbeitsgespräch vertagen – bis die Bauarbeiter ihre Frühstückspause gemacht haben“, sagt der Mathematikprofessor, „ansonsten hätten wir uns nicht verstanden.“ Ohrenbetäubender Lärm, Staub und Provisorien: Die „Geburt“ des neuen Domizils der Berlin Mathematical School auf dem Gelände der Freien Universität ist eine Geduldsprobe gewesen. Gestern war von den Strapazen nichts mehr zu spüren. Mit einem großen Sommerfest feierte die Graduiertenschule die Neueröffnung ihres Dahlemer Standortes im komplett sanierten Mathematik-Gebäude in der Arnimallee 6. Die Berlin Mathematical School, kurz BMS genannt, ist eine gemeinsame Einrichtung von Freier Universität, Humboldt- und Technischer Universität, die seit 2006 im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder gefördert wird.

Lichter, schöner, komfortabler sei alles geworden, lobt Geschäftsstellenleiterin Bettina Felsner. „Kaum etwas ist so geblieben, wie es war.“ Der düstere Eingangsbereich ist inzwischen einem sonnendurchfluteten Foyer mit Aluminium-Glas-Fassade gewichen, der Fußboden neu verlegt und die Außenfassade gestrichen. Im Erdgeschoss verbindet ein heller Aufenthaltsbereich mit Tresen und Teeküche das Entree mit dem baumbestandenen Innenhof, in dem eine große Terrasse mit Holzbelag zum Studieren im Freien einlädt. „Wir haben endlich Flächen, wo sich die Studenten treffen können“, sagt Mathematiker Schütte. „Und ansprechend gestaltete Besprechungsräume, in denen wir auch Vertreter aus Industrie und Wirtschaft empfangen können.“

Der neue Standort der BMS verspricht zudem kürzere Wege. Unter dem Dach in der Arnimallee 6 sind nun auch alle Arbeitsgruppen des Forschungszentrums Matheon vereint, die bisher auf drei Standorte verteilt waren. Das Forschungszentrum Matheon wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit fast sechs Millionen Euro pro Jahr finanziert und von den drei großen Berliner Universitäten, dem Konrad-Zuse-Zentrum und dem Weierstraß-Institut getragen. Hier wird Mathematik für Schlüsseltechnologien wie Medizintechnik und Molekularbiologie entwickelt.

In dem Gebäude in Dahlem werden etwa 80 Wissenschaftler nebst Studenten forschen. Ein komplett modernisiertes Daten- und Stromnetz erlaubt Arbeiten in Hochgeschwindigkeit. Das vormals 100 Megabit pro Sekunde schnelle Datennetz mit nur einem Netzwerkanschluss pro Mitarbeiter wurde durch ein modernes Netzwerk mit vier Anschlüssen pro Mitarbeiter ausgetauscht. Auf diese Weise ist es möglich, Datenmengen von zum Teil 10 Gigabit pro Sekunde zu übertragen. Dies entspricht der Übertragung einer kompletten DVD in 3,5 Sekunden. Zum Vergleich: Mit einem aktuellen DSL-16 000-Internetanschluss benötigt man unter optimalen Bedingungen für die Übertragung einer DVD ungefähr 37 Minuten.

Und die erhöhte Geschwindigkeit wird dringend benötigt: Die moderne Mathematik arbeitet schon lange nicht mehr vorrangig mit Papier und Bleistift, sondern mit Hochleistungsrechnern, modernsten Visualisierungsplattformen und 3D-Scannern und -Druckern. Nun kann diese moderne Infrastruktur von allen Arbeitsgruppen gemeinsam genutzt und weiter ausgebaut werden. Und das, sagt Schütte, ist „wichtig für unsere Konkurrenzfähigkeit auf internationalem Niveau“.

Hinter diesen Mauern wird Mathematik großgeschrieben, das ist schon von Weitem für jeden ersichtlich. Wie ein Wandfries ziert die unendliche Ziffernfolge der Kreiszahl Pi die Fassade. Und „Pi“ haben die Wissenschaftler das Gebäude denn auch getauft. Ein bezeichnender Name, wie Universitätspräsident Dieter Lenzen findet: „Die mathematische Konstante ist ein Synonym für die konstante Vernetzung und Zusammenarbeit der exzellenten Wissenschaft in Berlin. Ich freue mich, dass die Mitglieder der Graduiertenschule und des Exzellenzzentrums Matheon nun auch einen gemeinsamen Ort der Wissenschaft an der Freien Universität Berlin haben.“ Christa Beckmann

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