PIANO-POPJoe Jackson : Euphorische Skepsis

Jörg W er

Joe Jackson am Engelbecken, am Landwehrkanal, am Alexanderplatz: „Joe’s Guide to Berlin“ gehört zur netten DVD-Dreingabe von Jacksons aktuellem Album „Rain“. Noch fremdelt der 53-jährige Brite mit seiner Wahlheimat. Anfang 2007 ist er von New York hergezogen. Die Ambivalenz äußert sich in einem präzisen Gespür für die Oasen der Schönheit in einer „huge, ugly metropolis“. Und man glaubt die mit vorsichtiger Euphorie gemischte Skepsis auch in den zehn neuen Songs hören zu können, obwohl manche von ihnen lange vor seinem Umzug geschrieben wurden. Wiedervereint mit den alten Weggefährten Graham Maby am Bass und Dave Houghton am Schlagzeug, spielt er diesen sofort erkennbaren Pianopop, der lange in der Versenkung verschwunden war. So lange, dass man denkt: Joe Jackson klingt ja voll wie Ben Folds. Dabei klang Ben Folds vor 15 Jahren bloß wie Joe Jackson nochmal eine Dekade früher.

Noch hält das neue Material dem Vergleich mit Klassikern wie „Steppin’ out“ oder „Is she really going out with him“ nicht stand. Aber Jackson war damals, zwischen 1979 und 1983, neben Elvis Costello und Paul Weller vermutlich der beste Songwriter Englands. Das anfänglich virtusoe Jonglieren mit nostalgischen Stilelementen geriet in einem langjährigen Ermüdungsprozess zur künstlerischen Sackgasse, aus der sich Jackson nicht ohne Erfolg als Komponist von Filmmusik und klassischen Werken zu befreien suchte. Dennoch hat man erst jetzt den Eindruck, hier könnte ein vom Weg Abgekommener wieder zu sich selbst finden. Vielleicht ist Berlin ja der richtige Ort für ein großes Spätwerk von Joe Jackson. Jörg Wunder

Schiller Theater, Di 11.3.,

20 Uhr, 41-49 € BD678

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