Zeitung Heute : Pilger in fremde Klangwelten

MAERZ MUSIK Der Komponist Mark Andre schwingt sich in spirituelle Sphären auf – seine Trilogie „... auf ...“ erklingt nun erstmals vollständig

CARSTEN NIEMANN

Möglicherweise war es ausgerechnet die Begegnung mit Beethoven, die Mark Andre zur Neuen Musik brachte. Beim Klavierspielen, erzählt der 1964 geborene Franzose und heutige Wahlberliner, da seien ihm als Jugendlichem jedenfalls immer die tiefen Basstriller in den Sonaten des Bonner Meisters aufgefallen, weil sich in ihnen interessante Übergänge von Klang und Geräusch auftaten. Kein Wunder, dass sich der klangsensible junge Mann bald darauf für ein Studium der Komposition am Conservatoire National Supérieure de Musique de Paris entscheidet. Doch so richtig glücklich wird er hier nicht. Dem im Elsass aufgewachsenen Protestanten ist die Pariser Mentalität fremd. Und am Konservatorium, wo jene affirmativ-selbstbewusste Haltung vorherrscht, welche die französische Kulturnation bis heute prägt, wird ihm seine Faszination für das Zerbrechliche und Brüchige gar als Schwäche ausgelegt. Wie eine Befreiung ist es für ihn, als er schließlich in der Bibliothek des Instituts „Ausklang“ entdeckt: das Klavierkonzert des vielleicht einflussreichsten deutschen Neutöners Helmut Lachenmann. Lesend vertieft sich Andre in die Partitur. „Ich habe sicher erst einmal nur 60 Prozent verstanden“, sagt der bescheiden auftretende Künstler, „aber ich war augenblicklich tief berührt.“

Was ihn ergreift, ist Lachenmanns Bekenntnis zur „Schutzlosigkeit“: eine Schutzlosigkeit, die sich nicht nur in seinem Interesse an einzelnen gehauchten, verwehenden oder geräuschhaft verstandenden Klängen manifestiert, sondern ein grundsätzliches Selbstverständnis als Künstler beschreibt. Gleichzeitig fasziniert Andre die „gedankliche Strenge“, mit der Lachenmann seine oft so fragilen Klänge auswählt und anordnet. Mark Andre macht sich auf den Weg nach Stuttgart und wird von Lachenmann als Kompositionsschüler angenommen. „Es war ein absoluter Glücksfall“, schwärmt er. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelt sich bald eine Freundschaft – wobei er sich mit dem Pfarrerssohn nicht nur über die Philosophie der Klänge oder Adornos dialektische Methode austauschen kann, sondern auch ausgiebig mit ihm über Glauben und Transzendenz diskutiert. Anders als Lachenmann bezieht sich Andre in seinen Kompositionen, die von nun an mit stetig wachsendem Interesse wahrgenommen werden, oft ausdrücklich auf religiöse Botschaften und Überlieferungen: So spielt etwa der Titel des Musiktheaterprojekt „... 22,13 ...“, das ihm 2004 bei der Münchner Biennale für junges Musiktheater zum Durchbruch verhalf, auf die Apokalypse des Johannes an.

Bei der zwischen 2005 und 2007 entstandenen Orchestertrilogie „... auf ...“, die nun im Rahmen des MaerzMusik-Festivals erstmals vollständig zu hören sein wird, ließ sich Andre dagegen von der Auferstehung Christi inspirieren. Dass es sich um ein pathetisch tönendes Glaubensbekenntnis handelt, braucht dabei niemand zu befürchten. Die titelgebende Silbe „auf“ bezeichne schließlich auch auf einer allgemeineren Ebene Phänomene des Übergangs, erklärt der Komponist. Wenn Mark Andre mit den Übergängen zwischen harmonischen, unharmonischen und geräuschhaften Klängen spielt oder wenn er mithilfe von elektroakustischen Faltungen reale Klänge in virtuelle Klangräume projiziert, dann reflektiert er damit auch über Übergänge zwischen Religion und Atheismus, Glauben und Neuer Musik. Weniger Missionar als Pilger in fremde Klangwelten, genügt es dem in seiner Szene hoch gehandelten Mark Andre bereits, wenn Musiker die Töne und Geräusche, die er von ihnen verlangt, als notwendig und nicht als Deformation ihres eigenen Instrumentalklangs betrachten. Und glücklich macht es ihn, wenn sie sich dabei zu eigenen lebendigen Assoziationen inspirieren lassen, so wie etwa der Hornist des SWR-Sinfonieorchesters, der „... auf ...“ eine „After-Panic-Musik“ taufte. „Vielen Dank“, sagt Mark Andre am Ende unserer Begegnung denn auch ganz ernsthaft und ein vielleicht sogar ein bisschen hintersinnig, „für die Aufmerksamkeit.“ CARSTEN NIEMANN

Philharmonie

28.3., 20 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben