Zeitung Heute : Pilger Welle

Santiago de Compostela zählt zu den wichtigsten Wallfahrtsorten der Christenheit. Ein Rundgang mit dem Stararchitekten Peter Eisenman, der mit spektakulären Bauten noch mehr Besucher anlocken soll.

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Von Claudia Keller Die Fliege hat er diesmal zu Hause gelassen. „Sozialisten stehen nicht auf so etwas“, sagt Peter Eisenman und macht den obersten Knopf seines Hemdes auf. Der blaue Anzug, das blau-weiß gestreifte Hemd: Der Auftritt heute muss sitzen. Schon hunderte Male hat der New Yorker Stararchitekt seine Entwürfe präsentiert, erklärt und verteidigt, auf allen Kontinenten dieser Erde. Unzählige Vorträge hat er gehalten, es gibt kaum ein prominent besetztes Architekturpodium, auf dem er nicht vertreten ist. Aber Santiago de Compostela, eine der wichtigsten Pilgerstädte der Christenheit, das ist eine neue Dimension, auch für ihn. Es geht um 400 Millionen Euro und das größte Projekt, das er jemals gebaut hat.

Vor zwei Stunden ist Eisenman in der mittelalterlichen Stadt im Norden Spaniens gelandet. Der Platz vor seinem Hotel, die Plaza do Obradoiro, ist voller Menschen. Die meisten sind Pilger, auch für sie geht es um ein großes Projekt, um Glauben, Sinnsuche, Selbsterkenntnis. Digitalkameras blinken silbern in der Sonne. Wuchtige Modelle hängen um den Hals von Japanern und Amerikanern, dezente Geräte baumeln am Handgelenk von ergrauten deutschen Gymnasiallehrern und verträumten Liebespärchen aus Spanien, Frankreich und Italien. Reiseleiter führen Gruppen mit hoch erhobenen hölzernen Pilgerstöcken zum Eingang der Kathedrale an der Ostseite des Platzes, in der heilige Knochen liegen, es sollen die Gebeine des Apostels Jakob sein. Zwischen den Grüppchen lehnen Radler in durchgeschwitzten Nylonhosen und T-Shirts an ihren Mountainbikes und starren erschöpft auf die hohen Kathedraltürme.

Andere sitzen auf dem Platz neben ihren schweren Rucksäcken, trinken aus Wasserflaschen, kauen an alten Brötchen. Unter ihnen ist auch Veronika. Sie hat für einen Moment die dicken Wanderschuhe ausgezogen und massiert sich die Füße. Die 21-jährige Tschechin mit den langen blonden Haaren studiert in Brünn. Seit vier Wochen ist sie unterwegs, jeden Tag 30 Kilometer. Am Anfang dachte sie noch viel an zu Hause, an ihr Studium und ob sie wirklich Lehrerin werden soll. Sie konnte gar nichts essen, so viel ging ihr im Kopf rum. Trotzdem ist sie weitergegangen. Seltsam, sagt sie, woher diese Kraft kam. Pilgern ist anstrengend, wenn man aufbricht, weil man etwas sucht in seinem Innern und nicht die kunsthistorisch wertvollen Gemäuer am Wegesrand. Die kann man auch mit dem Bus abfahren. Veronika aber, die Katholikin, weiß, dass leiden muss, wer belohnt werden will.

Peter Eisenman ist auch eine Art Pilger. Er sucht nach neuen Ideen für die Architektur. Er will weg von den monumentalen Hurra-Palästen, mit denen Stararchitekten die Metropolen in den 90er Jahren bestückt haben. So könne man nach dem 11. September nicht mehr bauen, sagt er. Viele Menschen hätten sich in eine neue Innerlichkeit zurückgezogen, die Renaissance des Religiösen, darauf müssten auch die Architekten neue Antworten finden.

Santiago scheint nicht gerade auf neue Antworten zu warten. Die engen Gassen mit ihren mittelalterlichen Kirchen, Klöstern und Stadthäusern, die alle paar hundert Meter in größere oder kleinere Plätze münden, sehen so aus, als gäbe es sie immer schon, als könnten sie genau so auch unser Jahrtausend überdauern. Jedes zweite alte Haus ist ein Hotel, eine Pension oder eine Pilgerherberge, dazwischen wechseln sich Souvenir- und Schmuckläden ab, Cafés, Restaurants und Kneipen, die im Sommer die Gässchen mit Stühlen voll stellen. Auch hier drängen sich Pilger. Man erkennt sie an den weißen Jakobsmuscheln, die an Rucksäcken und Taschen stecken. Man kann die Muscheln an den Souvenirständen für fünf Euro kaufen, oder entsprechend teurer in Silber, Gold und mit Edelsteinen in den Schmuckläden. Mit Spaghetti unterlegt gibt es Jakobsmuscheln in den Restaurants, in den Schaufenstern der Buchhandlungen stehen neben Biografien über den Papst und den heiligen Jakob Kochbücher mit den „pfiffigsten“ Jakobsmuschelrezepten.

Santiago will sich mit Peter Eisenmans Hilfe neu erfinden, ein Stückchen außerhalb auf dem „Monte Gaias“, einem Hügel, etwa 15 Gehminuten von der Altstadt entfernt. Eine gigantische Kulturstadt soll der Architekt hier errichten, eine Wissenschafts-, Theater- und Museumslandschaft: die „Cidade da Cultura de Galicia“. 70 Hektar umfasst das neue Areal, so viel wie die historische Altstadt. So sehen es die Pläne bislang vor. Nun hat Santiago eine neue Regierung bekommen, die im Wahlkampf damit geworben hat, den Bau der Kulturstadt zu stoppen. Eisenman ist hier, um das Schlimmste zu verhindern. Während sich die Pilger auf dem Platz entspannen, wartet er auf das Taxi, das ihn vom Hotel zum Präsidenten von Galicien bringt. Santiago ist die galicische Hauptstadt. Eisenman tritt von einem Bein aufs andere, macht einen Schritt aus der Sonne. Er ist nervös, und jetzt wird ihm warm an diesem Montag. Er knöpft das Jackett doch lieber auf.

Was die regierenden Sozialisten und Nationalisten gegen sein Projekt haben, hat ihm keiner gesagt. Ob ihnen der Entwurf nicht gefällt, der aussieht, als erhebe sich auf dem Hügelplateau eine sanfte Welle? Ob es am Geld liegt? „Wahrscheinlich hassen sie es, weil es vom Vorgänger ist“, sagt Eisenman. Das kennt er, das war beim Holocaust-Mahnmal nicht anders, als Kohl und die CDU abgetreten waren und Schröder und sein Kulturstaatsminister Naumann nicht eben begeistert. „Wie einen Schuljungen haben sie mich herzitiert“, sagt er. Die Rolle behagt dem Stararchitekten nicht, der sich gerne als „Gorilla“ bezeichnet – womit er seinen Rang in der Architektenszene meint, weniger seinen Körperbau.

Dass er sich 1999 beim Wettbewerb für die Kulturstadt gegen Daniel Libeskind, Santiago Calatrava, Jean Nouvel und Rem Kolhaas durchgesetzt hat, verdankt er Manuel Fraga Iribarne. Der 83-jährige konservative Politiker und frühere Franco-Minister hat Galicien 16 Jahre regiert und sich persönlich für Eisenmans Pläne eingesetzt. Ihm gefiel, dass der Amerikaner seiner Welle den Grundriss der historischen Altstadt mit den fünf Pilgerwegen unterlegt hat und die Jakobsmuschel symbolisch durchscheint.

Es ist nicht ganz einfach zu beschreiben, was Eisenman auf dem „Monte Gaias“ vorhat. Am besten, man fängt damit an, was es nicht sein wird: Die sechs Gebäude, Bibliothek, Zeitungsarchiv und Museum, Musiktheater, Veranstaltungshallen und Kinos, werden nicht wie rechteckige Klötze auf dem Hügel sitzen, nichts wird von außen auf die Funktion der Gebäude hinweisen. Das Holzmodell hat mehr Ähnlichkeit mit einer Skulptur als mit klassischer Architektur und sieht aus wie eine gigantische Woge, die vor dem Brechen erstarrt ist.

Während der Architekt mit dem neuen Regierungschef verhandelt, legt Veronika, die junge tschechische Pilgerin, in der Kathedrale die Hände auf die Schultern des heiligen Jakob und schließt die Augen. Ein paar Sekunden nur, dann drängt die Schlange hinter ihr zum Weitergehen. Von der silbernen, mit Edelsteinen überzogenen Büste führen ausgetretene Steinstufen hinab in die Gruft, vor den Schrein, in dem die Überreste des Apostels Jakob liegen sollen. Sie wurden im neunten Jahrhundert gefunden. Damit begann der Aufstieg eines Dorfes zum großen Wallfahrtsort. Nur Rom und Jerusalem sind für Christen wichtiger. Aber die Pilger bleiben meist nur über Nacht. Sie steigen in den billigen Pensionen ab, gehen in die Kathedrale und holen sich die Pilgerurkunde ab. Die bekommt, wer mindestens 100 Kilometer zurückgelegt hat. Sich satt essen, duschen, mal wieder bequem schlafen, mehr Erwartungen haben sie nicht an Santiago. Dass es in der Stadt bisher weder eine Oper noch ein Konzerthaus oder ein Theater gibt, stört sie nicht.

Die Pilger reichen nicht, um Santiago für die Zukunft aufzustellen, sagt Angel Currás Fernández, der Direktor der Kulturstadt-Stiftung – auch wenn es jedes Jahr mehr werden und vergangenes Jahr fünf Millionen Besucher kamen. „Wir brauchen eine ganz neue Gruppe von Touristen.“ Denn Pilgerzeit sei sechs Monate im Jahr, die Hotel- und Pensionsbetten müssten aber auch im Winter vermietet werden. Mit der neuen Kulturstadt wolle man Wissenschaftler, Studenten, Kunstliebhaber aus der ganzen Welt hierher holen, die speziell wegen Eisenmans Architektur, der Bibliothek, der Oper und Museen kommen. Außerdem wolle man nun auch in Galicien haben, was sich Bilbao mit Frank Gehrys Guggenheim-Museum geleistet hat und Valencia mit Calatravas „Stadt der Kunst und Wissenschaften“.

Andere halten das Projekt für größenwahnsinnig und glauben, der alte Franco-Minister habe sich damit ein Denkmal setzen wollen. Bislang ist davon allerdings noch nicht viel zu sehen. Nur der Ausläufer der Welle ist so gut wie fertig: das spätere Zeitungsarchiv. Bodenleger spritzen die letzten Fugen aus. „Das ist unser Baby“, sagt Eisenman und stapft stolz durch die kühlen, eleganten Hallen. Daneben erhebt sich das Stahlskelett der Bibliothek über der rot-braunen Erde. Dort, wo es später am höchsten hinauf- und am tiefsten in den Hügel hineingehen wird, klafft ein See. Hier entstehen auf sieben Etagen Auditorien für bis zu 2000 Besucher und internationale Opern-, Theater- und Konzertaufführungen – in die Berliner Staatsoper passen 1400 Besucher. 2008 soll der Komplex eröffnen.

„Spüren Sie der Bewegung nach“, sagt Eisenman, der inzwischen die Hemdsärmel hochgekrempelt hat. Nicht nur die Blicke der Besucher – all ihre Sinne will er ansprechen. Nur, welcher Kurve soll man zuerst nachspüren? Wenn man zur Decke schaut, fühlt man sich erst bedrängt und dann ganz leicht und befreit. Denn die Decke hebt flach an, schwingt sich in mehreren Bahnen hoch auf, der Raum öffnet sich mit einem Mal spektakulär. Wände, Geländer und die Übergänge von einer zur nächsten Etage bilden ein Reich von Rundungen und erinnern an liegende Frauenakte. Man kann gar nicht anders, als mit den Händen an den glatten, weißen Wänden entlang zu streichen. „Die Leute wollen nicht mehr passiv konsumieren“, sagt Eisenman. „Warum sonst rennen sie in Fitness-Studios und steigen auf Berge? Wir müssen den Körper zurück in die Welt bringen.“

Am Boden und an den Außenwänden gleicht kein Quadratmeter dem nächsten. Die von Hand behauenen Fliesen aus beige-weißem Quarzstein kreuzen Flächen von beigem Metall, milchig, trübes Glas geht in durchsichtiges über. Kaum etwas liegt im rechten Winkel nebeneinander. Die vielen Kreuzungen, Fluchten, Mauervorsprünge verwirren einen richtig, wenn man sie zu verfolgen versucht, ein Gefühl von Chaos begleitet die Rundungen. Nicht das vordergründig Schöne begeistert Eisenman, sondern gerade das, was die Harmonie stört.

Im Hintergrund kreischen Sägen. 500 Männer arbeiten auf der Baustelle. Der Architekt ist sich bewusst, dass sich Galicien hier einen unglaublichen Luxus leistet. Manchmal wundert er sich, wie er, der Professor, der sich die längste Zeit seines Lebens mit Theorie beschäftigt hat, nun 400 Millionen Euro verbauen darf. Aber wenn ihm der Präsident vorhält, dass sich die Kosten verdreifacht haben, erinnert Eisenman an Bilbao. Das Guggenheim-Museum dort hat alleine 166 Millionen Euro gekostet, die Kulturstadt in Valencia 843 Millionen.

„Wir setzen das Projekt fort“, sagt Emilio Pérez Tourino, der sozialistische Präsident, nach dem Gespräch mit Eisenman. Man will schließlich nicht hinter Bilbao und Valencia zurückstecken, auch die Schau über spanische Architektur im New Yorker Museum of Modern Art im Februar nicht vermasseln. Aber das Ganze muss mehr Geld einspielen, verlangt Tourino. Vielleicht mehr Kinosäle und kein ganz so großes Opernhaus.

Dass die Idee mit den neuen Touristen nicht abwegig ist, zeigt ein Besuch im Touristenbüro. Für fünf Euro verkaufen sie hier eine Broschüre, die entlang zeitgenössischer Architektur sechs Wege durch die Stadt weist. Die Elite der spanischen Baumeister hat in den vergangenen zehn Jahren an den Rändern der Altstadt versteckt Schulen, Universitätsinstitute und Kongresshallen errichtet, auch der Berliner Architekt Josef Paul Kleihues, der Amerikaner John Hejduk und der Italiener Giorgio Grassi. Tausende Broschüren habe er im Sommer verkauft, sagt ein Mitarbeiter im Tourismusbüro. Noch vor zehn Jahren seien nur religiöse Pilger und 60-jährige Deutsche und Franzosen gekommen, die sich fürs Mittelalter interessieren. Jetzt kämen viele junge Leute von überall her, die neugierig sind auf moderne Kunst, Architektur und Design. Seit April bringt Billigflieger Ryanair junge Engländer, seit erstem November Air Berlin kunst- und architekturinteressierte Berliner.

Veronika hat ihren Kopf nicht frei für Kunst. Sie ist in Gedanken schon zu Hause im tschechischen Brünn. Sie hat beschlossen, nicht Lehrerin zu werden, sondern ein Frauenzentrum zu gründen. „Da ist jetzt so viel Energie in mir“, sagt sie, auch wenn die Füße vom Wandern noch wehtun.

„Keep moving“ ist so ein Leitsatz von Peter Eisenman. Hätte er nicht immer wieder Neues ausprobiert, er wäre nicht einer der Großen geworden. Und es sieht so aus, als ob sein Motto passt, zu den Pilgern und jetzt auch zu Santiago.

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