PILGERDRAMA„Dein Weg“ : So weit die Füße tragen

Foto: Koch Media/Neue Visionen
Foto: Koch Media/Neue Visionen

Tom Avery ist Augenarzt, ein erfolgreicher Augenarzt, so dürfen wir annehmen. Einer, der weiß, worauf es im Leben ankommt. Leider haben Väter wie er oft Söhne, die das nicht wissen. Oder es besser wissen. „Man entscheidet sich nicht für ein Leben, man lebt eins“, sagte der Junge noch und war dann mal weg. Auf nach Europa, zum Sinnsuchen auf dem Jakobsweg.

Begrüssen wir ein neues Genre im zeitgenössischen Kino: den Pilgerfilm. Jeder hat vielleicht schon einen gesehen, aber die wenigsten können sich an die Titel erinnern. Die Kritikerin zählt sich zu den Betroffenen. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu interpretieren. Entweder es wird auch für uns höchste Zeit, uns auf den Jakobsweg zu machen oder aber der Pilgerfilm hat bislang kein wirklich herausragendes Werk hervorgebracht. Wagen wir eine Vermutung: Auch dieser Film von Emilio Estevez, übrigens der Sohn des hier beteiligten Schauspielers Martin Sheen und Bruder von Charlie Sheen, wird das nicht ändern. Sein Titel sei jedoch ausdrücklich vermerkt: „Dein Weg“.

Bei „Dein Weg“ handelt es sich um den Spezialfall eines Pilgerfilms, denn die meisten Pilger wollen pilgern. Der Augenarzt, gespielt von Martin Sheen, aber will nicht. Er will überhaupt nicht nach Europa, aber er muss die Asche seines besserwisserischen Sohnes abholen. Der hat es im Unterschied zu Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg nicht wirklich weit gebracht. Blitzschlag, gleich nach dem Losgehen. Wer nun auf eine Art schwarzes Wallfahrtskino hofft, wird enttäuscht. Emilio Estevez meint es sehr ernst, und Vater Avery bald auch.

Er wird den Weg für ihn gehen, mit seinem Rucksack, seiner Karte. Und mit seiner Urne. Martin Sheen („Apocalypse Now“, „Departed – Unter Feinden“) spielt den Pilger wider Willen mit viel Weltwiderstand.

Denn das Pilgern ließe sich vielleicht noch ertragen. Aber die anderen Pilger keinesfalls. Da ist dieser fette, laute Holländer, ein Mensch von solch seelischer Robustheit, dass in seinem Fall schon die Anfangsdiagnose fehlgeht: dass jeder Pilger ein Problem hat. Hinzu kommen bald ein unerträglich arroganter irischer Sachbuchautor und eine misanthropische kanadische Kettenraucherin (Deborah Kara Unger). Das alles ist nicht unkomisch und auch nur halb so lang wie der Jakobsweg, aber doch ebenso vorhersehbar. Kerstin Decker

E/USA 2010, 120 Min., R: Emilio Estevez,

D: Martin Sheen, James Nesbitt, Deborah Kara

Unger, Yorick V. Wageningen, Emilio Estevez

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