Pilgerort : Jesses, Maria und Lourdes

Die Hotels heißen "Zur unbefleckten Empfängnis", sie führen erbitterte Preiskämpfe. Jetzt erst recht, ein Jubiläum steht an: Seit 150 Jahren gehört Lourdes zur Champions League katholischer Pilgerziele.

Harald Martenstein[Lourdes Frankreich]

Wenn man in Lourdes im Hotel ankommt, denkt man: ein Wunder. Designermöbel, Fernseher mit Flachbildschirm, Pool, Sauna für 38 Euro pro Nacht? Es ist aber so, dass in Lourdes von April bis Oktober Hochsaison herrscht. Das restliche Jahr herrscht, wirtschaftlich und spirituell, tote Hose. Die paar Hotels, die geöffnet haben, führen einen so erbitterten Preiskampf, als ginge es gegen den Gottseibeiuns. Nach Paris hat Lourdes die zweitgrößte Zahl von Hotelbetten in Frankreich. Jetzt wirkt die kleine Stadt, knapp 20 000 Einwohner, etwa wie Arenal auf Mallorca, kurz bevor der erste Touristenflieger landet, alles verrammelt, kaum Menschen auf der Straße, aber hinter heruntergelassenen Rollläden hört man die Bohr- und Schleifmaschinen.

Dieses Jahr beginnt die Saison früher, und statt der üblichen sechs Millionen Pilger sollen mindestens acht Millionen kommen. Jubiläum! Am 11. Februar ist es 150 Jahre her, dass der 14-jährigen Bernadette Soubirous die Jungfrau Maria erschien, unten am Fluss, in der Grotte von Massabielle. Heißt es. Unstrittig ist, dass Bernadette ihre Heimatstadt damit in die Champions League der katholischen Pilgerziele katapultiert hat. In der Champions League spielen außerdem Altötting, Fatima, Loreto, Mariazell und Tschentschochau. Lourdes ist am größten. Manche vergleichen es mit Mekka.

Lourdes liegt am Fuß der Pyrenäen, von fast jeder Stelle aus sieht man die Berge. Die Oberstadt wirkt wie eine typische, wenngleich auffällig wohlhabende Kleinstadt. Die Unterstadt gehört den Pilgern. Am Fluss liegt der Heilige Bezirk, umzäunt, von Toren gesichert. Es ist eine Stadt für sich, mit zwei Dutzend Kirchen, Kreuzwegen, Konferenzzentren und Spielplätzen, Museen, einer Magazinredaktion, einem Radiosender, einer Multimediashow und Büros, wo Aufträge für Bitt- oder Dankgottesdienste bearbeitet werden. Der Heilige Bezirk ist dicht umzingelt von Hotels und Andenkenläden. Andenkenläden heißen hier „Rosenkranzpalast“, Hotels heißen zum Beispiel „Zur unbefleckten Empfängnis“. Auch an Bars und Pubs fehlt es nicht. Die Einbahnstraßen, die zum Heiligen Bezirk führen, wechseln alle 14 Tage die Richtung, auf diese Weise werden die Touristenströme unter den Händlern gerecht verteilt, Gerechtigkeit auf Erden ist ja ein christliches Ideal.

Wenn der Herr es dunkel werden lässt, blinken und funkeln am Restaurant zur Katholischen Allianz, an der Bar Angelus und am Parkplatz zum Paradies die roten und blauen Leuchtreklamen, dann sieht Lourdes, vom Himmel betrachtet, bestimmt aus wie Sankt Pauli, nur frommer. Im Heiligen Bezirk aber darf nur die Kirche Geschäfte machen.

Bernadette war Tochter eines Müllers, der zum Tagelöhner abstieg und zeitweise im Gefängnis saß, die Familie lebte im Elend. Bernadette musste als Schweinehirtin und als Bedienung in einer Schänke arbeiten, sie hat ihr kurzes Leben lang mit Krankheiten und Gemütsaufwallungen gekämpft, einmal dachte sie, sie stirbt und bekam die letzte Ölung, sie bekam die letzte Ölung viele Male, bis sie mit 35 Jahren, im Kloster von Nevers, dann doch starb. Als sie in der Grotte diese Frau sah, wunderschön, weiß gekleidet, und als diese Frau ihr Anweisungen gab, die nur sie hören konnte, ist die Kirche erst einmal misstrauisch gewesen. Aber das Volk glaubte. Bernadette wirkte sehr überzeugend, denn bis zu 10 000 Menschen haben zugesehen, als sie wieder und wieder mit der unsichtbaren Frau redete. Die Frau befahl ihr, in einer Ecke der Grotte mit den Händen nach Wasser zu graben, worauf dort eine Quelle entsprang. Ihr Beichtvater war der Ansicht, dass sie einfach nur eine zu lebhafte Fantasie habe.

In einem der vielen Verhöre durch Kirchenmänner soll Bernadette gesagt haben, die fremde Frau habe sich ihr mit den Worten „Ich bin die unbefleckte Empfängnis“ vorgestellt. Damit änderte sich die Position der Kirche zu Bernadette radikal. Erst kurz zuvor, 1854, hatte der Papst das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias verkündet. Diese These war theologisch umstritten. Sie bedeutet übrigens nicht, dass Maria bei der Zeugung von Jesus keinen Sex hatte, das glauben Katholiken sowieso, sondern dass auch Maria, als ihre Mutter Anna sie zur Welt brachte, frei von Erbsünde war, ein vollkommen reiner Mensch von Anfang an.

Indem sich Maria dem Mädchen Bernadette nicht etwa mit ihrem Namen, sondern mit jenem theologischen Fachbegriff vorstellte, den viele damalige Papstkritiker ablehnten, ist Maria sozusagen höchstpersönlich dem Papst in einer kniffligen beruflichen Situation zu Hilfe gekommen. War das nicht ein bisschen zu tagespolitisch gedacht, von Maria? Auch über der Heiligsprechung Bernadettes, 1934, liegt in den Augen der Kirchenkritiker ein Verdacht. Pius IX. soll damit den Franzosen ein Gegengeschenk gemacht haben für das Konkordat mit Nazideutschland, welches im katholischen Frankreich ziemlich viel Wut auf den Papst freigesetzt hatte.

Dem Quellwasser aus dem Ort werden heilende Kräfte zugeschrieben. Von rund 7000 angeblichen Heilungen hat die Kirche aber nur 68 offiziell als Wunder anerkannt. Wer glaubt, geheilt worden zu sein, soll sich im Heiligen Bezirk beim medizinischen Büro melden, dann beginnt eine Überprüfungsprozedur, bei der eine Ärztekommission in Paris das letzte Wort hat. Ein Wunder liegt vor, wenn sich für die Veränderung des Zustandes des Patienten keine medizinische Erklärung finden lässt. In den letzten Jahren sind die Abstände zwischen den Wunderanerkennungen größer geworden. Bei ihren Wundern lässt die Jungfrau außerdem eine deutliche Vorliebe für Priester und Nonnen erkennen, auch verhält sich die Jungfrau geradezu altenfeindlich. Der älteste Wunderfall war bei der Heilung 64 Jahre alt.

Katholiken sind nicht verpflichtet, an diese Wunder zu glauben. Die offizielle kirchliche Lourdes-Website warnt sogar ausdrücklich vor „gefährlichem Gefühlsglauben“ und macht darauf aufmerksam, dass es die Kirche vorzieht, „den Glauben auf den Offenbarungen aufzubauen“.

Es ist ein Eiertanz. So, wie die SPD die Interessen und die Mentalitäten eines Handwerksmeisters, eines Arbeitslosen und einer Studienrätin mühsam unter einen Hut zu bringen versucht, muss auch die katholische Kirche nach mehreren Seiten offen bleiben. Für den skeptischen Glauben des europäischen Großstädters muss es genauso ein Angebot geben wie für den schlichten Volksglauben. In Afrika und Südamerika laufen die Massen zu den naiven Evangelikalen über, die sich nie die Mühe machen würden, ein Wunder überprüfen zu lassen. Die Evangelikalen sind sozusagen die Linkspartei der Katholiken.

Die Grotte ist eigentlich nur ein Felsüberhang, geschwärzt von Kerzen und von Millionen Händen. Ein Schild macht darauf aufmerksam, dass dieser Ort videoüberwacht wird. In einer Ecke, sehr klein, die Quelle, bedeckt von einer Glasplatte, daneben Blumen und eine Kiste, in die Gläubige Zettel hineinwerfen, auf die sie ihre Bitten an die Jungfrau geschrieben haben. Außerdem steht eine Marmorstatue der Jungfrau in der Grotte. Bernadette hat diese Statue noch selber gesehen, bevor sie, mit der Auflage, nicht mehr über ihre Vision zu reden, nach Nevers ins Kloster verbracht wurde. Zum Entsetzen des Künstlers erklärte sie, dass seine Statue keinerlei Ähnlichkeit mit der Jungfrau besitze: „So war sie nicht.“ Da war die Statue aber schon fertig.

Von der Grotte führt der Weg an den Bruloirs vorbei, das sind Metallkarren, auf denen Kerzen brennen, die Gläubige hier gekauft haben. Hinter den Bruloirs liegen die Bäder. Die Gläubigen ziehen sich in kleinen Kabinen aus, werden in Tücher gehüllt und für ein paar Sekunden in Steinwannen gelegt, die mit dem heiligen, aber leider auch im Sommer eiskalten Wasser der Quelle gefüllt sind. Eine wichtige Rolle spielt auch das Beichthaus, in dem ebenfalls kleine Kabinen stehen und wo die Menschen mit verlegenen, unbewegten oder verzückten Gesichtern auf langen Bänken sitzen, wie beim Arzt, bis sie an die Reihe kommen. Es gibt einen Stundenplan, aus dem hervorgeht, wann die Beichte auf Deutsch, Spanisch, Holländisch und so weiter abgenommen wird.

Die Jungfrau hat relativ klare Anweisungen hinterlassen: „Trinkt aus der Quelle und wascht euch dort!“ Bei chemischen Untersuchungen zeigt sich das Quellwasser völlig unauffällig. Die offizielle Haltung der Kirche zu den Wundern besagt, dass es „Glaube“ und „Gebet“ seien, die heilende Kräfte besäßen. Das ist beinahe schon Psychologie und fast nicht mehr Religion. Der Glaube versetzt Berge, gewiss. Angeborene Krankheiten und Geisteskrankheiten kann die Jungfrau nicht heilen. Bei Multipler Sklerose dagegen ist ihre Quote ziemlich gut. Es kommt aber vor, dass selbst bei einem offiziell als wundergeheilt verkündeten Patienten das Leiden nach Jahren wieder ausbricht und er daran stirbt, so geschehen 1970. Der Schriftsteller Emile Zola hat die Kirche mit der Frage genervt, warum die Jungfrau, bei ihrer bekannt großen Güte, denn niemals ein einziges amputiertes Bein nachwachsen lässt, alle Beinlosen würden sie lieben dafür. Offizielle Antwort: In Lourdes geschieht nichts Widernatürliches, auch bei den Wundern respektiert Gott gewisse grundsätzliche Naturgesetze.

Außerdem hat die Jungfrau verlangt, dass über der Grotte eine Kirche gebaut wird, inzwischen stehen dort sogar drei Kirchen übereinander. Das größte und neueste Gotteshaus ist die unterirdische Basilika, die 25 000 Gläubige aufnehmen kann und ein bisschen wie ein mit Heiligenbildern geschmücktes Parkhaus aussieht. Allerdings hat die Jungfrau auch gefordert, dass die Menschen das Gras essen, welches rund um die Grotte wächst. Dies hat Bernadette jedenfalls laut und klar verkündet bei einer der Erscheinungen, während sie auf dem Boden kroch, Gras abriss und es sich mit dem Hinweis, sie tue dies, um für die Sünder zu büßen, in den Mund stopfte. Es gab immerhin 350 Zuschauer. Diese Anweisung der Jungfrau wird ignoriert, aber sie scheint es nicht krummzunehmen, und es wächst eh wenig Gras an der Grotte.

Maria hält es im Himmel nicht aus. Im 20. Jahrhundert soll sie sich schon wieder 427 Mal gezeigt haben, wobei eine gewisse Tendenz zum Besuch von Mädchen im Stadium der Pubertät oder Vorpubertät zu erkennen ist, wie etwa Mariette Beco, 11, aus Banneux in Belgien, 8 Erscheinungen, 1933.

Die Kirchen sind klamm und ungemütlich Anfang Februar, zu den wenigen Gottesdiensten kommen nur Vereinzelte, die abendliche Lichterprozession, spiritueller Höhepunkt des Tagesablaufs, findet nicht statt, niemand rutscht auf den Knien zur Grotte wie im Sommer, und auch die Kranken sind nicht da, für die Kranken ist es auch noch zu kalt. Man spürt ihre Abwesenheit, weil alles in Lourdes auf sie eingerichtet ist, überall Rollstuhlrampen und Bänke mit der Aufschrift „Malades“, für sie reserviert. Es heißt, auch ungläubige oder schwach gläubige Kranke fühlten sich hier wohl, weil sie hier gern gesehen werden, weil sie so viele sind, ein Wirtschaftsfaktor, und weil Hoffnung in der Luft liegt.

Lourdes ist ein recht angenehmer Ort, das haben selbst harte Skeptiker wie der Schriftsteller Kurt Tucholsky empfunden. Schöne Stadt, freundliche Menschen. Ein ordentliches Essen gibt es für zehn Euro, eine kleine Statue der Jungfrau für zwei Euro. Wer gar kein Geld hat, wendet sich an das Empfangsbüro für Arme, dann hilft die Kirche. Die heiligen Stätten sind frei zugänglich. Lourdes ist nicht exklusiv, ob die Sängerin Madonna das wusste, als sie ihre Tochter auf den Namen „Lourdes“ taufen ließ?

Am 11. Februar, dem Datum von Bernadettes erster Erscheinung, geht die Saison los, mehr Gottesdienste, mehr Prozessionen und mehr Predigten denn je. Im Spätsommer wird der Papst kommen, und er hat angekündigt, nach alter Tradition, allen Sündern einen Ablass von ihren Sünden zu gewähren. Denn um Reinheit, um Freiheit von Sünde geht es ja beim Marienkult, und auch den Mädchen, denen Maria erscheint, geht es wohl um diese Idee, frei zu sein von Sünde, was immer sie sich darunter vorstellen mögen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben