Zeitung Heute : Pillen per Paket

Internet-Apotheken machen den Versandhandel mit Medikamenten einfacher – ob auch sicherer, darüber wird noch gestritten

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Von Adelheid Müller-Lissner

Das Potenzmittel Viagra®, die empfängnisverhütenden Pillen Yasmin® oder das Antibiotikum Tarivid® werden gebraucht? Schauen wir doch bei DocMorris nach. Tatsächlich hat der Internet-Anbieter sie alle vorrätig. Unter www.0800docmorris.com kann der Kunde den n des gewünschten Präparats eingeben. Er erfährt gleich die Preise, die rund zehn Prozent unter den deutschen Festpreisen liegen. Die „europäische Apotheke mit Firmensitz in den Niederlanden“ fragt Neulinge, die noch nicht in der virtuellen Kartei vorkommen, nicht nur nach der Adresse, sondern auch nach Alter und Risikoprofil. Die Bestellung kann dann per E-Mail, per Fax oder im Briefumschlag erfolgen. Damit das Arzneimittel von A, genauer: aus dem niederländischen Landgraaf, nach B, also zum Patienten, kommt, müssen allerdings ein paar Hürden genommen werden.

Zunächst das nicht ganz unwichtige Hindernis, dass Versandhandel mit Medikamenten in Deutschland durch das Arzneimittelgesetz verboten ist. Diese Hürde umgehen die Niederländer inzwischen ausgesprochen elegant: Seit das Landgericht Frankfurt/Main ihnen den Versand vor Jahresfrist untersagte, beauftragt juristisch unanfechtbar der Kunde einen Paketservice mit der Abholung. In der Praxis ist der Unterschied nicht zu erkennen: Der Transport wird trotzdem nach wie vor von DocMorris organisiert und bezahlt. Die Niederländer fühlen sich im Recht, denn EU-Bürger dürfen sich aus zugelassenen Apotheken anderer Mitgliedstaaten Arzneimittel kommen lassen. Nun wird sich auch der Europäische Gerichtshof mit der Frage befassen, ob das deutsche Verbot des Pillen-Versandhandels gegen Artikel 28 des EU-Vertrags verstößt.

Trotz Paketdienst gibt es ohnehin weitere Hürden. Zum Beispiel braucht der Kunde für den Kauf mancher Arzneimittel erst einmal ein Rezept. DocMorris muss es sehen, und zwar im Original. Der gute alte Briefumschlag ist bei diesem Schritt der Bestellung also nicht zu umgehen. Zusammen mit dem Präparat kommt das abgestempelte Rezept anschließend zum Kunden zurück. Rezeptpflichtige „Lifestyle“-Medikamente wie Viagra® oder das haarwuchsfördernde Propecia® eignen sich für eine solche Bestellung ohne störende Mithörer im Apothekenraum besonders. Da sie in den meisten Fällen nicht von der Krankenkasse erstattet werden, kümmert den Konsumenten ein weiteres Problem der virtuellen Apotheken wenig, das Ende Juli hohe Wellen schlug.

Da nämlich untersagte das Sozialgericht in Hannover in einem Eilverfahren einer niedersächsischen Betriebskrankenkasse (BKK), ihren Versicherten die Kosten für verordnete Medikamente zu erstatten, die sie sich in der Internet-Apotheke besorgt hatten. Dabei wäre das den Kassen mindestens so recht wie den Kunden. Beide sparen, wenn der Kauf per Mausklick erfolgt: Die Kasse, weil die Preise der Niederländer niedriger sind, der Kunde, weil die Internet-Anbieter keine Patienten-Zuzahlung vorsehen, die in der Apotheke bis zu fünf Euro beträgt.

Trotzdem ist es der Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände (ABDA) nach eigenen Angaben gelungen, 7,7 Millionen Unterschriften von Kunden für ihre Anti-Versand-Aktion „Pro Apotheke“ zu sammeln. Für den ABDA-Präsidenten Hans-Günther Friese ist der Versandhandel das „trojanische Pferd der Systemveränderer“. Was bei einer solchen Veränderung auf dem Spiel steht, ist nach Ansicht der studierten Pharmazeuten nicht weniger als die gut organisierte Rund-um-die-Uhr-Versorgung und die ausführliche fachliche Beratung in der real existierenden Apotheke um die Ecke. Sie sehen gerade die kleineren der rund 21 500 deutschen Apotheken in Gefahr.

Noch ist gar nicht sicher, dass tatsächlich chronische Patienten, die Stammkunden der Pharmazeuten, in nennenswertem Umfang ihre notwendigen Großeinkäufe lieber per Bestellzettel und Paketservice erledigen würden. Immerhin muss der Kunde für die Mittel ein paar Arbeitstage Wartezeit einkalkulieren. Auf das persönliche Gespräch, die Kundenzeitschrift und das Tierposter für die Enkel muss er auch verzichten.

„Gesundheitsberatung“ wird trotzdem auch im Netz vor der Bestellung angeboten. Bei Eingabe aller Medikamente, die ein mehrfach Kranker nimmt, wird sogar auf möglicherweise gefährliche Wechselwirkungen hingewiesen. Ein „Erinnerungsservice für den nächsten Arzttermin“ vervollständigt das Angebot, das der Versandhandel mit dem Vertrauen erweckenden „Doc“ im Namen seiner Kunden macht.

Im niederländischen Venlo hat er in der „Europa Apotheek“ einen Nachfolger und Konkurrenten gefunden. Der Versandhandel mit Medikamenten ist auch in England, Schweden und der Schweiz erlaubt. Der eidgenössische „MediService“ ( www.mediservice.ch ) versteht sich als Dienstleister für chronisch kranke Patienten, die regelmäßig Medikamenten-Nachschub brauchen. Dass heikle Substanzen wie Insulin während des Transports in Spezialbehältern gekühlt werden, gehört selbstverständlich zum Service. Von unseriösen Internet-Anbietern, die verschreibungspflichtige Medikamente ohne Nachweis und Beratung anbieten, setzt sich auch MediService vehement ab.

Kurz nachdem Gesundheitsstaatssekretärin Gudrun Schaich-Walch im Frühjahr beim Runden Tisch verschiedener Gesundheits-Akteure Sympathie für ein solches Modell erkennen ließ, wurde der Bundesverband Deutscher VersandapothekerInnen ( www.bvdva.de ) aus der Taufe gehoben. Nach Schweizer Vorbild und anders als der ABDA fordern dessen Mitglieder die „Freiheit des Bezugswegs“ für den Arzneimittel-Verbraucher. Wegen des deutschen Fixpreis-Systems hätten bisher weder Kunden noch Kassen etwas davon, wenn Rezepte bei einer deutschen Versandapotheke eingelöst werden könnten. Die Pillen-Packung im Paket aus Holland wäre billiger.

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