Zeitung Heute : Pils, Steine, Scherben

Er hat eine Flasche hochgehoben, wiegt sie in der Hand, als gefiele ihm ihr Gewicht. Dann wirft er sie. Das ist die Initialzündung. Wieder wurden die Nächte um den 1. Mai zu Krawallnächten. Obwohl alles so friedlich begann. Mutmaßungen über Berliner Gewaltausbrüche.

Frank Jansen[Thomas Loy] Christine-Felice R&#246

Von Frank Jansen,

Thomas Loy und

Christine-Felice Röhrs

Die erste Flasche der Maikrawalle wirft ein Junge, der aussieht wie ein Jurastudent: Anfang 20, blond, Brille, blauweiß kariertes Hemd, grauer Wollpulli und saubere Jeans. Er steht auf der großen Rasenfläche des Mauerparks. Mehr als 5000 Menschen sind hier, in der Nacht auf den 1. Mai. Ungewöhnlich lange ist es friedlich geblieben. Jetzt ist es kurz vor Mitternacht, und vielleicht ist dem Jungen langweilig. Er hat eine Flasche vom Boden aufgehoben und wiegt sie in der Hand, als gefiele ihm ihr Gewicht und die Handlichkeit. Er schaut hinüber zu der langen Reihe von Polizeibussen hinter dem Zaun. Die Polizisten sitzen darin, das Blaulicht blinkt nicht. Als er ausholt, spielt sich nicht viel ab im Gesicht des Jungen, keine Wut, keine Erregung, er lächelt sogar ein bisschen mit trunken-entgleistem Gesicht. In weitem Bogen fliegt die Flasche durch die Luft und landet mit einem satten Knall auf dem vordersten Polizeiwagen. Rundum rucken die Köpfe hoch. Das ist die Initialzündung.

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, verwandelt sich die Szenerie. Gebrüll brandet auf vom Hang des Jahn-Sportparks, wie von den Rängen eines Amphitheaters, „ey, jetzt geht’s ab, da sind die ersten Stresser“, kreischt ein Junge. Er schnellt Richtung Zaun, in immer weiteren Sätzen, bückt sich elastisch, greift eine Flasche vom Boden – und mit seinem Geschoss zischen plötzlich Dutzende weitere in Richtung der Polizisten. Für die Jungs scheint das wie eine Erlösung zu sein nach dem spannungsgeladenen Warten in den Stunden zuvor. Mädchen schreien „haut ab, haut ab“ in Richtung Polizei. Andere lachen. Neugierige laufen auf und ab und schauen zu, während die Werfer hinter ihnen wieder Deckung suchen.

Ein paar Promille zu viel

Zu den gefährlichsten Teilnehmern der Mai-Randale gehören seltsamerweise die, die vorher am wenigsten auffallen. Ihre Uniform besteht aus Turnschuhen, Jeans, die um meist magere Beine schlackern, einem Sweatshirt, dessen Kapuze über die Baseballkappe gezogen wird, so dass das Gesicht vollständig im Schatten bleibt, und einem Tuch vor dem Mund. Sie sind noch jung, meist um die 15, 16, und wer solche Gruppen vorher auf dem Rasen belauscht hat, der hört nichts von politischer Wut. Der hört von Hausaufgaben und Handys, Frauen und Sex, Alkohol und Mutproben. Einiges klingt schwer nach Angeberei. Vielleicht liegt ja da des Rätsels Lösung. Vielleicht erwächst aus der Erkenntnis, noch niemand zu sein, das dringende Bedürfnis, jemand zu werden, sich selbst endlich zu definieren, etwas Außergewöhnliches zu tun, und sei es mit Gewalt. Vielleicht sind es aber auch nur ein paar Promille zu viel.

Kehliges Gebrüll, Klirren, Geböller von Raketen, die begeisterte Zuschauer abfeuern, Sirenen. Es sind wohl die Geräusche, die einem Krawall die Eigendynamik verleihen. Die im Bauch der Angreifer das Kribbeln auslösen, die die Hände zittern machen und einen fast hypnotischen Zwang auslösen, sich dort in die Menge zu werfen, wo sie am dichtesten tobt. Der Lärm hüllt alles ein, das Denken und sogar das Sehen. Die geduckt über den Rasen hetzenden Werfer blicken aus aufgerissenen Augen, aber ihr Blick ist trotzdem verschwommen irgendwie, starr auf einen unsichtbaren Punkt gerichtet. Ein Junge im Ledermantel posiert direkt vor den Einsatzwagen und schreit mit emporgereckten Armen euphorisch den über ihn hinwegfliegenden Flaschen entgegen. Da ist es Viertel nach Zwölf. Genau 13 Minuten später wird der Mauerpark geräumt sein.

Eigentlich war Zurückhaltung die Devise der Nacht. Deeskalation. Keine Blaulichter, Abwarten in den Seitenstraßen. Aber wenn’s brenzlig wird, schnelles Eingreifen. Jetzt wird es brenzlig, und oben auf dem Grat des Stadion-Walls ziehen sich die Einsatzkräfte zusammen. Eine makabere Ästhetik hat diese Szene: Die unförmigen Gestalten der Polizisten schwarz vor dem grellen Gegenlicht der Stadionbeleuchtung, mit plexiglasummantelten Köpfen wie von Aliens, die fliegenden Flaschen grellgrün glitzernd wie riesige Libellen. Bei jedem Sturm nach vorne flüchten die Umstehenden erschreckt den Hang hinunter. Viele haben das zehnminütige Flaschenbombardement auf die Polizisten am Zaun nicht mitbekommen, fühlen sich schuldlos angegriffen. „Willkür“ schreien sie und „typisch Bullen“. Die Linie der Einsatzkräfte zieht sich über den Rasen zusammen, treibt die Menschen hinaus und verteilt sie auf die Seitenstraßen, die umgehend dicht gemacht werden. 0 Uhr 21: Tränengas. 0 Uhr 28: Das Fest ist vorbei.Die Festnahmen dauern zwar noch eine Stunde an. Aber alles in allem, sagen Einsatzkräfte, ein guter Einsatz. Am Boxhagener Platz in Friedrichshain bleibt es auch unerwartet ruhig – zu viele Beamte. Ein paar eingeschlagene Scheiben an der Schönhauser Allee und an der Eberswalder Straße, platte Fahrradreifen in Kreuzberg. Zum Ende der Nacht sind 29 Beamte verletzt und 103 Randalierer in Haft.

Einer kann das alles nicht begreifen. Sascha, Student der Sinologie und Philosophie, gerade aus China zurückgekehrt, sitzt auf der Straße vor dem Mauerpark, den Kopf zwischen den Händen versenkt. „Als die großen Friedensdemos waren, dachte ich, es ist cool, in diesem Land zu leben. Wenn ich das hier sehe, fange ich an zu heulen. Alles Idioten, die für nix stehen. Die Leute in Deutschland haben keinen Grund, für irgendetwas auf die Straße zu gehen.“

Der nächste Tag in Kreuzberg lässt von der Unruhe, die die Nacht noch bringen wird, nichts ahnen. Koca, ein Punk mit einem rosa Haarbüschel auf dem rasierten Schädel, sitzt in der Sonne. Bevor die Randale gestern Abend losging, ist er nach Hause gegangen. Er hat keine Lust mehr, mit Flaschen zu werfen, seitdem er vor vier Jahren einmal festgenommen wurde. Für einmal Werfen 1000 Mark Strafe und 100 Stunden soziale Arbeit. Deshalb hat er sich vom aktiven Krawallmachen zurückgezogen. Schließlich hat er jetzt auch ein Kind.

Es ist ein fröhliches Straßenfest im Dreieck zwischen Heinrich-, Oranien- und Mariannenplatz. Weil für die Demos am Nachmittag alles abgesperrt ist, haben die Cafés sich bis auf die Fahrbahnen ausgedehnt. Fliegende Händler verkaufen Getränke, die Kreuzberger stehen mit Gartengrills, selbstgebackenen Erdbeerkuchen und Salaten an den Ecken. Zauberer ziehen Kindern Bälle aus den Ohren, auf der Straße läuft zuerst die Revolutionäre Maidemo der Maoisten, Kommunisten, Autonomen und Antizionisten vorbei, und später kommen die Antifa-Gruppen und das „Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus“ – und sie müssen sich anstrengen, die fröhlichen Zuschauer für ihr Anliegen zu begeistern.

Die Leute hier feiern diesen 1. Mai mit einem gewissen Trotz. Sobald die Demonstrationsmärsche endeten, haben hier in den vergangenen Jahren immer die Straßenschlachten begonnen. „Das soll diesmal anders werden“, sagt Hank van der Berg. Der 46-Jährige Koch gehört als alter Kreuzberger zur IG Oranienstraße, einem Zusammenschluss von rund 30 Geschäftsleuten und Anwohnern, die sich etwas ausgedacht haben, um den Randalierern keine freie Bahn mehr zu gewähren. Elf Bühnen haben sie aufgebaut zwischen Mariannenplatz, Oranienstraße und Kottbusser Tor und 25 Bands engagiert. Die Idee: Menschen, die sich amüsieren, die friedlich diesen Tag begehen, wollen keinen Ärger. Van der Berg kann die Programme gar nicht so schnell austeilen, wie er sie los wird. Man hat einfach die Nase voll von den Krawallen, die „immer sinnloser“ werden. „Ich habe grundsätzlich Verständnis, wenn jemand seinen Unmut zeigen will, weil er nicht gehört wird“, sagt van der Berg. „Dafür ist der 1. Mai als Tag der Proteste da.“ Aber die Schlägereien der vergangenen Jahre hätten mit dem Kiez nichts mehr zu tun.

Es scheint lange, als würde das Konzept aufgehen. Vor einer Bäckerei prügeln sich junge Türken. Ein paar Leute gehen dazwischen. Polizisten sind höchstens in Zivil dabei. Im vergangenen Mai war um 18 Uhr 40 Schluss mit dem Frieden. Diesmal verstreicht die Marke, ohne, dass es etwas geschieht. Die Läden bleiben offen, der Friseur „Haarschlächterei“ zum Beispiel und der Keramikladen „Quarzsprung“ in der Mariannenstraße, die Zeitungskioske in der Oranienstraße und die Feststände um die Konzertbühne auf dem Mariannenplatz. Dort lagern Berliner und Besucher dicht an dicht auf dem Rasen, sie haben mutig ihre Babys dabei und Picknickdecken, und über allem zieht in feinen Schwaden der Rauch von Würstchengrills. „Randale“ wird hier nur geflüstert. Keiner will es laut sagen, aus Angst, sie könnte erwachen. „So was Gemeinsames, so ein Fest für alle, für eine gute Sache hatten wir hier doch lange nicht“, sagt Annika Filscher, 40, Griechischlehrerin. „Da hat die Kreuzberger Seele doch wieder was zum Festhalten.“

Rauch über dem Mariannenplatz

Lange dürfen sich die Kreuzberger nicht festhalten an ihrem erkämpften Frieden. Während das Straßenfest weitergeht und die Sonne untergeht, steigt über der Mariannenstraße schwarzer Rauch auf. In dem Abschnitt zwischen Heinrichplatz und Skalitzerstraße passiert am Abend das, was alle verhindern wollten: Türkische Jugendliche mit vermummten Gesichtern haben Autos umgeworfen. In Siegerpose steigen sie auf die Wagen, später zünden sie sie an, ein Tank explodiert. Die Polizei hat sich zunächst zurückgezogen, eine Zeit lang ist der Straßenabschnitt die Spielwiese der Gangs aus Kreuzberg und Wedding.

Dann treibt die Polizei sie mit Wasserwerfern auseinander, die Feuerwehr löscht die Autos, ein paar der Randalierer werden festgenommen. Die anderen verschwinden in der Masse und tauchen an einem anderen Ort wieder auf. Am Görlitzer Bahnhof brennen Müllcontainer. Und dann ist alles wieder so wie immer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!