Zeitung Heute : Pinguine am Bosporus

Nato in Istanbul: Gipfel mit kleinen Hindernissen

Peter Siebenmorgen[Istanbul]

Sonntagabend, 19 Uhr 50, die Staats- und Regierungschefs der Nato postieren sich vor dem am Ufer gelegenen Dolmabahce-Palast zum Gruppenfoto. Ein merkwürdiges Bild: Da gleich im Anschluss ein festliches Diner nur für die Chefs vorgesehen ist, sind die Staatenlenker bereits im Smoking gewandet. So stehen sie also da auf ihrer Tribüne, wie Pinguine am Bosporus. Doch einer fehlt noch, Gerhard Schröder. In letzter Sekunde springt er auf das Podium, fügt sich ins Familienbild.

Zu spät gekommen – es könnte das deutsche Motto dieses Nato-Gipfels sein. Schon bei der Anreise gab es Probleme. Wegen des regen Flugverkehrs auf dem Istanbuler Flughafen – über 30 Delegationen reisen an, manche mit mehreren Maschinen –, schickt die türkische Flugsicherheit den deutschen Bundeskanzler und seine Delegation erst einmal zum Kreisen, 100 Kilometer entfernt vom Ziel. Als die Maschine dann endlich landen kann, hapert es bei der Löschung der Ladung. 30 Minuten steht der Luftwaffen-Airbus auf dem Rollfeld, ohne das sich irgendetwas bewegt.

Hinein in die Stadt immerhin geht es zügig. 24000 Polizisten, 6000 Soldaten, 200 hermetisch abgeriegelte Straßen – für die Delegationskolonnen, die sich auf dem abgesperrten Areal bewegen dürfen, ist das eine wahre Freude: keine Touristen stören, auch um rote Ampeln muss sich keiner scheren.

Besonders schnell sind in diesen Tagen auch die amerikanischen Medien. Die US-Journalisten wissen mehr als andere, gelegentlich sogar mehr als der eine oder andere Gipfelteilnehmer. Als diese sich am Montag zu ihrer ersten Plenarsitzung zusammenfinden, laufen bereits die ersten Agenturmeldungen über das, was der amerikanische Präsident seinen Nato-Kollegen soeben mitzuteilen sich anschickt: Die Übergabe der Macht im Irak an die einheimische Übergangsregierung wird jetzt schon vollzogen, jetzt sofort.

Am Abend zuvor war davon noch nichts zu hören: nicht vom US-Präsidenten und auch nicht von der amerikanischen Sicherheitsberaterin, die ihre Kollegen aus den anderen Nato-Staaten parallel zu den Chefs bewirten ließ. Nur auf inoffiziellen diplomatischen Kanälen – es heißt: von den Briten – war am Sonntag etwas an den Kanzler durchgesickert. Aber damit war er, wenngleich recht spät ins Bild gesetzt, immer noch besser dran als die meisten anderen Gipfelteilnehmer.

Am Montagnachmittag tritt Gerhard Schröder dann kurz vor die Presse und lässt sich den Ärger nicht anmerken: „Das kann ich nur gutheißen“, lautet sein Kommentar zur amerikanischen Entscheidung, zur Informationspolitik der Vereinigten Staaten sagt er nichts. Auch nichts Kritisches darüber, dass die Nato in Zukunft eine „formale Rolle“, wie es ein hoher Nato-Beamter stolz verkündet, demnächst im Irak wahrnehmen darf. Dem Kanzler reicht es, dass es dabei bleiben wird: keine deutschen Soldaten an Euphrat und Tigris. Und was Afghanistan betrifft, ist alles noch sehr viel besser: Den deutschen Beitrag erkennen sie alle respektvoll an.

Ach ja, Europa! Darum ging es auch noch beim Gipfel. Amerika macht mächtig Druck, die Türkei in die EU aufzunehmen. Das wollen andere, etwa die Deutschen auch. Ganz den europäischen Standard haben die Gastgeber des Nato-Gipfels aber wohl doch noch nicht erreicht. Jedenfalls konnte man in den offiziellen Reisehinweisen der Delegation eines Landes, das sich mehr als andere für den Türkeibeitritt in die Bresche schlägt, lesen: „Da wir kein Vertrauen zu den Gepäckträgern des Gastgebers haben, empfehlen wir, das Gepäck auf einen Kabinenkoffer zu begrenzen und diesen nicht aus der Hand zu geben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!