Zeitung Heute : Pinsel, Penis, Pepsi - ironische Betrachtung des historischen Tages (Kommentar)

Kerstin Decker

"Die Geschichte des Mauerfalls ist die Geschichte meines Pinsels", bekannte vor vier Jahren Klaus Uhlzscht, Sohn eines Stasi-Offiziers und einer Hygieneinspektorin. Um 19 Uhr 21 zeigt der ORB die ersten Bilder. Uhlzscht geht mit seinem Pinsel durch die Mauer! Den kolossalen Maueröffner getarnt mit einer Unschärferelation, wie das Fernsehen sie für besonders schützenswerte Menschen - oder eben Teile davon - bereithält. Wer war es nun? Schabowski oder ein, nunja, Riesenpenis? Sehen Sie die ganze Wahrheit über den Mauerfall!, ruft der ORB und empfiehlt, ins Kino zu gehen. "Helden wie wir!" Doch Phoenix und 3sat entscheiden sich für die konservative Variante. Man erkennt es schon an ihren Filmtiteln. "Der 9. November: Ein deutsches Datum". Oder "Der 9. November 1989 - 10 Jahre danach", aufgelockert durch ein überraschendes "Der 9. November 1989". Da gratuliert das ZDF Antje. Antje, geboren in Berlin am 9. November 1989. Die Geburtstagstorte habe die Stadt spendiert. "Trotz leerer Kassen!", sagt drohend das ZDF. Darf man Zehnjährige an ihrem Geburtstag so erschrecken?

Dann darf Wolfgang Thierse im ZDF-"Wunder von Berlin" sagen, wie er vor zehn Jahren den Mauerfall erlebt hat. Mit der Familie. Vorm Fernseher. Sitzend jedenfalls. Genau wie heute. Irgendwie sitzt der Mann fest. Nein, die Urteile im Politbüro-Prozessmöchte er lieber nicht kommentieren. Vor zehn Jahren trug er noch diesen langen Diogenes-in-der-Tonne-Bart. Viele lebten in der DDR in solchen Tonnen wie er. Thierse ist einen langen Weg gegangen. Aus der Tonne bis zur Macht. Da klingt man manchmal komisch. Genau wie das Sinfonieorchester, das jetzt "Wind of Change" vorm Brandenburger Tor spielt. Zu viele Geigen. Und es regnet. Sicher aus ästhetischem Zartgefühl.

Am Morgen hatte ein amerikanischer Moderator über den Zusammenhang von Wetter und Revolutionen nachgedacht. Bei Regen geht man nicht zur Demo, sondern in die Kneipe. Vor zehn Jahren war das Wetter gut. Darum haben so viele Demonstrationen stattgefunden und zum Schluss fiel die Mauer. Es war also doch nicht Klaus Uhltzscht. Es war das Wetter! Egon Bahr ist das egal. Er erwägt anderes. Unter welchen Bedingungen, fragt er, hätte der andere Egon das Bundesverdienstkreuz bekommen können? Krenz sagt ja selbst, ein halbes Jahr früher, und sie wären die Helden gewesen.

Noch einmal auf allen Sendern die tausend Unwägbarkeiten. Ein zurückgenommener Einsatzbefehl und Gorbatschow, der dann doch lieber nicht auf seinen Botschafter in Berlin hörte (er hatte Krenz "Hilfe" angeboten), sondern auf Kohl. Meine Landsleute haben uns alle reicher gemacht!, schlussfolgert Genscher gerade, als schon Kienzle und Hauser frontal erscheinen und den Abend vor zehn Jahren zur teuersten Party der Welt erklären. Gemessen jedenfalls an den Folgekosten: "Seid verschlungen, Milliarden!" Und wofür? Blende ins Arbeitsamt Frankfurt/Oder, das früher Stasi-Zentrale war. Ein paar Männer, die sich die DDR zurückwünschen. Den Tränen nah, wie damals vor zehn Jahren. Nur die Gründe haben sich geändert. Dazu Luise Endlich, bekanntgeworden als die Wuppertalerin, die feststellte, dass Brandenburger kein Oreganum kennen. Jedenfalls nicht alle. Das unterscheidet Luise Endlich, findet Luise Endlich, von den Brandenburgern. Und Brandt hatte es übersehen! Ob Brandt Oreganum kannte?

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind jetzt so langweilig, äußert auf Arte gegen 22 Uhr ein Pole. Absolute Normalität. Absolute Langeweile. Sehr ansteckend. Rüber zur ARD. "Als plötzlich alles anders wurde", nennt die ARD ihr Mauer-Special, da der Titel "Das Wunder von Berlin" doch bereits vergeben ist. Luise Endlich ist schon wieder da. Zurück zu Arte. Ein Ungar spricht über die Außenbeziehungen Ungarns. Die wären so langweilig ... außer zur Slowakei und zu Serbien. Absolute Langeweile ... Luise Endlich, die Wuppertalerin in der Taiga, fühlt sich noch immer nicht nur in der Oreganum-Frage sehr verlassen und ganz falsch in diesem Tag. Das unterscheidet sie sichtlich von Gorbatschow, Kohl und Bush, jetzt am fortgeschrittenen Abend "die Stargäste des Festdiners von Coca-Cola" genannt. Coca-Cola? Seit Billy Wilders "Eins.Zwei.Drei" haben wir es geahnt. Coca-Cola war der Mauerbrecher! Oder - wer erinnert sich an die Schlussszene? - doch Pepsi?

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