• Pinselstürme in der Fabriketage Anfang der 80er Jahre war die Kunstwelt ganz verrückt auf die Neuen Wilden aus Kreuzberg.

Zeitung Heute : Pinselstürme in der Fabriketage Anfang der 80er Jahre war die Kunstwelt ganz verrückt auf die Neuen Wilden aus Kreuzberg.

Mit einer Ausstellung am Moritzplatz fing es an

-

Knallige Farben, heftige Pinselschwünge und als Bildmotiv schräge Typen, nächtliche Szenarien. Der Stil und das Repertoire der Neuen Wilden ist rasch umrissen. Ebenso schnell, wie diese Kunstrichtung reüssierte, sollte sie auch wieder verschwinden. Dennoch haben bis heute die Bilder von Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé, Luciano Castelli, Bernd Zimmer und Elvira Bach ihren mitreißenden Schwung nicht verloren. Fast scheinen die dumpfen Trommelschläge auf Rainer Fettings Gemälde „Drummer und Gitarrist“ (1979) spürbar, fast meint man den Schweiß der wild in einer Disco tanzenden „Großstadteingeborenen“ (1979) von Helmut Middendorf riechen zu können. Beide Bilder befinden sich heute in der Berlinischen Galerie.

Nirgendwo sonst als in Berlin – obwohl auch in Hamburg und Köln in den frühen 80er Jahren die heftige Malerei in Mode kam – fand diese Kunstrichtung einen geeigneteren Nährboden. Denn das „wilde“ Malen war Ausdruck eines Lebensgefühls, eines bestimmten Lebensstils, wie er in dieser Ausprägung nur in WestBerlin, insbesondere in Kreuzberg, gepflegt werden konnte. Hier gab es die Straßenkämpfe und Hausbesetzungen, die weit über Mitternacht geöffneten Kneipen und Diskotheken, die Punks und Rockmusiker, dazu eine äußerst vitale Kunstszene, die ebenfalls von den leer stehenden Fabriketagen und dadurch preiswerten Atelierräumen angelockt worden war und ihre Nische fand. Im Schatten der Mauer entwickelte sich eine höchst eigenwillige Mischung aus Kunst und Leben; hier war der Ort für Experimente und Selbstfindungsversuche auf der Grenze zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Wer sie je erlebt hat, dem sind die stacheldrahtumkränzten Auftritte des Performers und Malers Salomé, der damals noch im SO 36 kellnerte, unvergessen.

Womit aber niemand gerechnet hatte, das war der furiose Siegeszug durch die Museen der Welt, den die Malerei aus den Kreuzberger Ateliers antreten sollte. Mag sein, dass die jungen Berliner Künstler vor allem aus Opposition zu ihren Lehrern „ungezähmt“ zu malen begannen. Diese entstammten dem Kritischen Realismus, ihnen war politisch-soziale Aussage wichtiger als der individuelle Ausdruck. International wurden die Pinselstürme der „Wilden“ aber eher als Antwort auf die nüchterne Minimal Art und spröde Concept Art verstanden und von den Kunsthändlern hochwillkommen geheißen.

Davor stand jedoch die Entdeckung der „Neuen Wilden“, die ihren Namen in Anlehnung an die französischen „Fauves“ erhielten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris für Aufregung sorgten. Eine wesentliche Rolle sollte dabei auch der Tagesspiegel spielen, als der damalige Feuilleton-Chef Heinz Ohff im Februar 1978 den jungen Kritiker Ernst A. Busche in die erste größere Ausstellung in der Galerie am Moritzplatz entsandte, in die Atelierräume einer Schar von Kunststudenten. In seiner Besprechung verwies der offensichtlich angetane Rezensent bereits auf „die sinnliche Freude“ am zeichnerischen Strich und eine „Neuentdeckung“ der traditionellen Ausdrucksmittel. An den Schluss seines Artikels stellte der Beobachter allerdings die Frage, „wie diese jungen Künstler sich weiterentwickeln werden – falls ihnen das hier möglich ist. Für diese Art von Kunst ist die Berliner Luft vielleicht doch zu dünn.“

Busche sollte mit seiner prophetischen Vermutung zunächst Unrecht haben, dann jedoch Recht behalten. Denn innerhalb kurzer Zeit wurden die „Neuen Wilden“ zwar zu einem regelrechten Exportschlager West-Berlins. Bei der großen Jubiläumsausstellung 1987 in der Kunsthalle zur 750-Jahr-Feier Berlins allerdings waren die Moritzplatz-Boys schon wieder so gut wie vergessen. Dem Boom zu Beginn der Achtziger hatte ebenfalls der Tagesspiegel auf die Sprünge geholfen, indem er die Schlag auf Schlag folgenden Überblicksausstellungen von Fetting, Middendorf, Salomé und Co. mit ausführlichen Besprechungen begleitete. Den eigentlichen Startschuss gab 1980 die Ausstellung „Heftige Malerei“ im Zehlendorfer Haus am Waldsee ab, denn damit waren Name und Label der neuen Richtung gefunden. Im darauffolgenden Jahr organisierte Tagesspiegel-Kritiker Busche in der Akademie der Künste die jährliche Ausstellung der Berliner Kunsthändler, die er unter dem Titel „Bildwechsel“ ebenfalls allein den „Neuen Wilden“ widmete. Die Kunde von der frechen, unverbrauchten Berliner Malerei hatte sich bereits herumgesprochen, und plötzlich waren die großen internationalen Galeristen Bruno Bischofsberger, Anthony d’Offay, Paul Maenz in der Stadt, um sich mit frischer Ware einzudecken. Die „Zeitgeist“-Ausstellung von Christos Joachimides 1982 im Martin-Gropius-Bau schließlich erteilte den Senkrechtstartern den endgültigen Ritterschlag des Kunstbusiness.

Rauschhaft wie die Malerei war auch der Erfolg der jungen Künstler. Mit ihren Bildexzessen führten sie nicht nur den Ausbruch aus einer reglementierten Kunst und Lebenswirklichkeit vor – wie übrigens 60 Jahre zuvor am gleichen Ort die „Brücke“-Künstler. Durch die Abruptheit ihres Bekanntwerdens sollten sie außerdem Beispielcharakter für die zunehmende Trendhaftigkeit des Kunstmarktes gewinnen. Die gerade zu erlebende jüngste Malerei-Welle, diesmal Dresdner und Leipziger Provenienz, erinnert stark an den einstigen Hype der Neuen Wilden. Auch hier sieht man Sammler und Händler schon wieder bibbern, dass kurze Zeit später die heiße Phase vorüber sein könnte und die gepushten Preise purzeln. Noch mehr aber hoffen sie und mit ihnen die Herolde der Kunstkritik, dass die hoch gehandelten Werke auch nach dem Boom ihre Stärke und Ausdruckskraft bewahren – ähnlich wie Rainer Fettings „Drummer und Gitarrist“ oder Helmut Middendorfs „Großstadteingeborene“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!