Zeitung Heute : Pionier sucht Aufgabe - Georg Kofler möchte nur noch für sich arbeiten

Joachim Huber

Das deutsche Privatfernsehen wird um eine Persönlichkeit ärmer. Nach Karl-Ulrich Kuhlo (n-tv) und Helmut Thoma (RTL) verabschiedet sich jetzt auch ProSieben-Gründer Georg Kofler aus der ersten Reihe. Am Dienstagabend gab Kofler vor Beginn der Telemesse in Düsseldorf bekannt, dass er spätestens Ende 2000 als Vorstandsvorsitzender der ProSieben Media AG ausscheiden werde. Mit dem gebürtigen Südtiroler verschwindet dann der letzte Pionier des deutschen Privat-TVs von der Bildfläche. Seinen Entschluss begründete Kofler mit "persönlich neuen Zielen". Er habe vor der Frage gestanden, seinen "Traum jetzt wahr zu machen oder erst in fünf Jahren". Der Traum heißt: selbstständiger Medienunternehmer. Er wolle in Zukunft nur noch für Unternehmen arbeiten, an denen er auch beteiligt sei. Derzeit hält er unter anderem 15 Prozent an dem Einkaufssender H.O.T.. Im Tagesspiegel-Gespräch unterstrich Kofler seine Ambitionen, "künftig nicht für die Company, sondern für das eigene Bankkonto verdienen" zu wollen. Er ließ durchblicken, dass er auf seine 15-prozentige Beteiligung an H.O.T. aufbauen wird. Tele-Shopping und E-Commerce scheint Kofler mit seinen künftigen Partnern als erste Geschäftsfelder bestellen zu wollen. "Die Gründung von neuen Sendern schließe ich nicht aus, was ich aussschließe, ist, dass ich irgendwelche Aufträge aus der ProSieben-Gruppe in mein eigenes Unternehmen mitnehme." Das sei für ihn eine Stilfrage, sagte der charismatische Mann mit der harsch klingenden Stimme. Der Firmensitz seines Unternehmens werde sich "auf bayerischem Staatsgebiet befinden". Er werde allein mit seiner Beteiligung an H.O.T. mehr verdienen als mit seinem Gehalt als Vorstandsvorsitzender.

Seit der Erweiterung des ProSieben-Vorstands um Ludwig Bauer im Juni kursierten immer wieder Gerüchte über eine Ablösung Koflers. Bauer übernahm den Vorstandsbereich Fernsehen, der bis dahin im Verantwortungsbereich Koflers gelegen hatte. Kofler sagte dazu, er selbst habe Bauer vorgeschlagen. "Es hat Versuche gegeben, mich zu überreden", so Kofler, trotzdem stehe sein Entschluss unverrückbar fest. Noch ist das Datum seines Ausscheidens offen, allerdings hat sich Kofler das Ziel gesetzt, am 24. Januar 2000 den Startschuss für das jüngste Fernsehkind der ProSieben-Gruppe zu geben: An diesem Tag geht N 24 - "der Name ist von mir" - auf Sendung. Bis zu seinem Ausscheiden werde er seinen Vertrag und seine Aufgaben als Vorstandsvorsitzender der ProSieben Media AG "in vollem Umfang erfüllen. Er werde auch früher ausscheiden, wenn der Aufsichtsrat dies wünsche. "Ich bin nicht der Typ des Sesselklebers", sagte Kofler.

Nach Aussage von ProSieben-Sprecher Torsten Rossmann würden noch keine Kandidaten für die Kofler-Nachfolge gehandelt; im ProSieben-Unternehmen ist die Rede davon, dass der Posten "von außen" besetzt werde. Klar ist: alle Beteiligten wollen und müssen eine schnelle Nachfolgeregelung anstreben. Ein börsennotiertes Unternehmen wie die ProSieben Media AG kann sich eine längere Vakanz an der Spitze nicht leisten. Derzeit wird das Unternehmen mit drei Milliarden Mark bewertet. Seine elf Jahre bei ProSieben und der ProSieben Media AG betrachtet Kofler als "abgeschlossene Entwicklungsphase", sagte er dem Tagesspiegel. "Ich habe beim Ausgangspunkt Null begonnen. Es ist ein Medienhaus entstanden, das in diesem Jahr über zwei Milliarden Mark Umsatz erwirtschaften wird."

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