Zeitung Heute : Pioniere der Futurologie

Matthias Schwartz
Den Mond besiedeln. In den 60ern glaubte man sich kurz davor. Foto: Technika molodjoschi
Den Mond besiedeln. In den 60ern glaubte man sich kurz davor. Foto: Technika molodjoschi

Während auf der Erde gerade die Berliner Mauer gebaut wurde, schienen von Osteuropa aus gesehen die Möglichkeiten im Weltall grenzenlos zu sein. Hätte man vor 50 Jahren eine Umfrage gemacht, welche technischen Revolutionen die menschliche Zukunft wesentlich prägen würden, wären zwei Stichworte gefallen: Kybernetik und Raumfahrt. 1957 trat mit dem Sputnik der erste künstliche Satellit in den erdnahen Weltraum ein, 1961 folgte Juri Gagarin als erster Mensch. Raumsonden flogen zur Venus und zum Mars.

Raumfahrtexperten und Wissenschaftspublizisten übertrafen sich in Spekulationen, ob nicht bereits zur Jahrtausendwende bewohnte Siedlungen auf dem Mond möglich seien. Eine erste Kontaktaufnahme mit außerirdischen, intelligenten Lebensformen schien unmittelbar bevorzustehen. Der sowjetische Generalsekretär, Nikita Chruschtschow, verkündete angesichts Gagarins Weltraumflug feierlich, dass man jetzt, wo der Mensch ins All geflogen sei, auf Erden den Kommunismus aufbauen könne. Hierfür lieferte die Kybernetik als interdisziplinäre Wissenschaft visionäre Stichworte: vollautomatische Fabriken, denkende Maschinen und störungsresistente Staatsregierungen.

Zukunftsbegeisterung war ein Signum jener Zeit, als nach Stalins Tod eine relative kulturpolitische Liberalisierung in Osteuropa einsetzte. Sogar eine eigene Wissenschaftsdisziplin setzte sich durch, die Futurologie. Sie behauptete von sich, gesellschaftliche Entwicklungen objektiv prognostizieren zu können. Der damals bekannteste Science-Fiction-Schriftsteller Osteuropas, Stanislaw Lem, veröffentlichte 1964 sein Hauptwerk, die „Summa technologiae“. Es sollte, ähnlich wie seinerzeit Thomas von Aquin mit seiner „Summa theologica“ alles Wissen des christlichen Mittelalters systematisierte, eine Zukunftsdiagnose der Menschheit geben. Auf knapp 500 Seiten legte Stanislaw Lem dar, wie technologische Entwicklungen den Menschen und die Gesellschaft verändern könnten. Von einer „Cyborgisierung“ des menschlichen Körpers versprach er sich, dessen Langlebigkeit und Gesundheit zu verbessern, während intelligente Maschinen mit Hilfe der „Phantomologie“ den Menschen womöglich eines Tages an jeden beliebigen Ort technisch duplizieren könnten.

Liest man Lems „Summa technologiae“ und ähnliche futurologische Schriften heute, verwundert vor allem, wie ausführlich hier mögliche technisch-wissenschaftliche Entdeckungen antizipiert werden, mit denen man eine grundlegende „Rekonstruktion“ des bisherigen Menschenbildes verband. Zwar sind einige der prognostizierten Entwicklungen ansatzweise eingetroffen. So haben die Satellitentechnik und Mikroelektronik mit Internet, Handys oder GPS tatsächlich die Kommunikationsmedien revolutioniert. Doch philosophischen Enthusiasmus hinsichtlich der Zukunft des „vernunftbegabten Wesens“ Mensch lösen diese kaum aus.

Dass gesellschaftliche Fragen nicht mit technologischen Mitteln und schon gar nicht im Weltraum zu lösen sind, wussten allerdings viele schon damals, vor allem diejenigen, die begeistert Science Fiction lasen. Bereits 1961 hatte Lem seinen wohl bekanntesten Roman „Solaris“ der hoffnungslosen Egozentrik und Beschränktheit des menschlichen Denkens gewidmet, und 1976 schrieb er im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner „Summa technologiae“: „Jede geschichtliche Periode hat ihre eigene Zukunft in Gestalt der herrschenden Vorstellung darüber, was auf sie folgt. Diese Vorstellung ist, bildlich gesprochen, die von einem Spiegel zurückgeworfene Gegenwart." Das gilt mit Sicherheit auch für die heutige Zukunftsforschung. Matthias Schwartz

Der Autor ist assoziiertes Mitglied der Emmy-Noether-Forschergruppe „Die Zukunft in den Sternen: Europäischer Astrofuturismus und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert“, die am 19. und 20. April die Tagung „Envisioning Limits: Outer Space and the End of Utopia“ organisiert. www.geschkult.fu-berlin.de/e/astrofuturismus/veranstaltungen/C_Envisioning/

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