Zeitung Heute : Pioniere, Pech und Pannen

In den zwanziger und dreißiger Jahren berauschte sich ganz Deutschland an Raumflug-Utopien Eine Gruppe von Männern machte sich daran, dies auszuprobieren – auf dem Raketenflugplatz Berlin Improvisation war alles in den Pionierzeiten der „Narren von Tegel“

Andreas Conrad

Der Countdown lief, alle waren in Deckung gegangen: „Feuer!“ In sicherer Entfernung wurde ein Schalter umgelegt, die Zündpatrone begann zu brennen. „Benzin!“ Gelbe Flammen schossen aus der Raketendüse, die sich – „Sauerstoff!“ – erst grellweiß, dann bläulich verfärbten. Ein Donnern zerriss die Stille, die über dem Gelände gelegen hatte, dann löste sich „Mirak 2“ von der Startrampe, streifte aber, wie ein Beobachter berichtete, das überstehende Dach des Abschussgebäudes : „Dadurch fand der Aufstieg unter einem Winkel von etwa 70 Grad statt. Nach einigen Sekunden begann die Rakete sich in der Luft zu überschlagen. Dadurch floss das Wasser aus dem offenen Kühltopf, und der Motor brannte schnell auf einer Seite durch. Nunmehr mit zwei im rechten Winkel zueinander stehenden Auspuff-Öffnungen arbeitend, wurde das Ding ganz verrückt: Es ging im Sturzflug nieder, besann sich plötzlich anders und stieg schräg auf. Das wiederholte sich dreimal. Zufällig war der Treibstoffvorrat gerade in dem Augenblick erschöpft, als abermals ein Abfangen aus dem Sturzflug nahe dem Boden stattzufinden schien. Es war deswegen beinahe eine Landung.“

So pannenreich begann für Berlin das Raketen-Zeitalter. Zwar hatte sich das knapp zwei Meter hohe Geschoss schon einige Tage zuvor bei einem Brennversuch losgerissen und war 20 Meter hochgestiegen. Doch erst am 18. Mai 1931 erfolgte der erste reguläre Start samt Irrflug in bis zu 60 Meter Höhe. Zu Recht trug nun das Testgelände, ehemals ein Munitionslager am Tegeler Weg in Reinickendorf, den reklameträchtigen Namen, den ihm die dort arbeitenden Raumfahrtpioniere bei der Gründung gegeben hatten: „Raketenflugplatz Berlin“.

Den Keim zu der Begeisterung für Raketen, Raumflug, die Eroberung fremder Planeten, die damals besonders in Deutschland grassierte, hatte Jules Verne durch seine Romane „Von der Erde zum Mond“ (1865) und „Reise um den Mond“ (1870) gelegt. Auch Hermann Oberth hatten sie gefesselt, einen in Siebenbürgen lebenden Gymnasialprofessor und Privatgelehrten, der in seinem Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ (1923) die theoretischen Grundlagen der Raumfahrt entwickelte. Damit löste er einen regelrechten Raketenboom aus. 1927 beispielsweise wurde in Breslau der Verein für Raumschiffahrt gegründet, der später nach Berlin umzog. Am 23. Mai 1928 sauste Fritz von Opel in seinem legendären RAK 2 über die Avus, und am 15. Oktober 1929 hatte Fritz Langs Ufa-Stummfilm „Frau im Mond“ im Berliner Ufa-Palast am Zoo Premiere. Lang hatte Oberth als technischen Berater verpflichtet, daraus entwickelte sich der Plan, als Premierengag tatsächlich eine Rakete zu starten, was in der kurzen Zeit aber nicht gelang. Dennoch wurde der Film zur Initialzündung für die Raketenforschung in Berlin.

Dem Theoretiker Oberth hatte sich der Ingenieur Rudolf Nebel angedient: noch so ein Raumfahrt-Enthusiast, zudem ehemaliger Jagdflieger, der im Krieg mit selbst montierten Pulverraketen zwei Gegner abgeschossen hatte und später Teilhaber einer Fabrik für Feuerwerkskörper wurde. Der neue Mitarbeiter erwies sich als Organisations- und Überredungsgenie, ohne ihn wäre es wohl kaum zum Raketenflugplatz gekommen. Nach der Filmpremiere übernahmen Nebel und der Kreis der Raketenforscher, darunter der spätere Vater der Saturn V, Wernher von Braun, die unfertige Ufa-Rakete samt Startrampe. Nebel selbst begann einen Vortragsmarathon, sammelte Spenden, konnte sogar Albert Einstein dazu bewegen, das Projekt zu unterstützen, knüpfte Kontakte zum Heereswaffenamt, wo man sich von der neuen Technik einiges versprach. Bei der traditionellen Artillerie waren der Aufrüstung durch den Versailler Vertrag enge Grenzen gesetzt, Raketen hatte man darin nicht bedacht. Als schließlich Oberth und Nebel im Sommer 1930 in der Chemisch-Technischen Reichsanstalt am Tegeler Weg die Funktion ihrer Kegeldüse demonstrieren durften, schien der Durchbruch gekommen zu sein. Bereits am 27. September 1930 erhielt Nebel den Schlüssel für das benachbarte, vier Quadratkilometer große Versuchsgelände am Tegeler Weg, der sich damals noch bis zur Scharnweberstraße hinzog. Nur zehn Reichsmark Jahrespacht waren für das mit Munitionsbunkern bebaute Brachgelände ans Liegenschaftsamt zu zahlen. Heute befindet sich dort der Flughafen Tegel.

Improvisation war alles in dieser Pionierzeit. Gegen Unterkunft und Essen aus der Siemens-Lehrküche verpflichtete Nebel arbeitslose Handwerker, nach Aufrufen kamen Maschinen, Material, auch Geldspenden, und die Presse war sowieso Dauergast bei den „Narren von Tegel“, wie die Raketenforscher bald hießen. Einen Prototyp, die „Minimum-Rakete Mirak 1“, hatten sie bereits am 7. September 1930 auf einer Wiese bei Bernstadt in Sachsen gezündet. Das Geschoss sah aus wie ein besserer Feuerwerkskörper, oben der Sauerstofftank mit Düse, vier Zentimeter im Durchmesser, 30 Zentimeter lang, unten ein dünnes, 120 Zentimeter langes Aluminiumrohr mit dem Benzin, das durch eine Kohlensäurepatrone in die Düse gedrückt wurde. Ein untaugliches Modell, das nach dem Zünden explodierte. Mit der „Mirak 2“ aber stellten sich auf dem Raketenflugplatz bald erste Erfolge ein. Stärkere Folgemodelle entstanden, mit Fallschirmen ausgerüstet, damit nicht jeder Start zum Totalverlust wurde.

Bis zum Potsdamer Platz, berichtet Nebel, war teilweise das Donnern zu hören, wenn die Raketen in den Himmel stiegen, bis zu 1500 Meter hoch, wie eine sechs Meter lange „Mirak 3“, deren Fallschirm sich nicht öffnete und die aufs Dach einer Polizeikaserne knallte. Nur ein paar Dachziegel gingen kaputt, aber tags darauf stand Polizeipräsident Albert Grzesinski auf dem Raketenflugplatz und befahl einen Stopp der Versuche. Nebel mit seinem Überredungstalent konnte das abwenden, für Starts größerer Raketen musste er aber auf die Insel Lindwerder und ein Boot auf dem Schwielowsee bei Potsdam ausweichen.

Im Herbst 1932 träumten die „Narren von Tegel“ bereits von bemannten Flügen. Der Anstoß zur „Magdeburger Pilotenrakete“ kam von einem Unternehmer aus der Elbestadt, deren Magistrat, an der Spitze der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, sich für Magdeburg viel von der Pioniertat versprach. Sogar einen Astronauten gab es, einen Berliner namens Kurt Heinisch, der mit einem Fallschirm abspringen sollte. Das Projekt kam über missglückte Startversuche nicht hinaus.

Auch eine Vorführung am 22. Juni 1932 vor Vertretern des Heereswaffenamts auf dem Schießplatz bei Kummersdorf war kein Erfolg. Die Rakete erreichte nur 1200, nicht die zugesagten 3000 Meter. Das Militär warb daraufhin Wernher von Braun und andere aus dem Kreis um Nebel ab, deren Forschungen dann im Aufbau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und in der „Wunderwaffe“ V2 mündeten. Nach Hitlers Machtübernahme wurde die private Raketenforschung zurückgedrängt, schließlich per Führer-Befehl untersagt und der Raketenflugplatz Berlin am 30. Juni 1934 geschlossen. Nebel wurde finanziell abgefunden, für ihn war die Zeit als Raumfahrtpionier zu Ende. Aber als am 16. Juli 1969 Wernher von Brauns Saturn V zum Apollo-11-Flug startete, saß auch Rudolf Nebel auf der Ehrentribüne.

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