Zeitung Heute : Piraten Möbel für

Wer Musik und Texte nur digital speichert, braucht keine Regale für CDs und Bücher. Wie Wohnungen künftig aussehen werden.

Dorothea S ergeld
Dino-Schrank. „Collector’s cabinet“ von M. Galante und T. Lancman für Cerruti Baleri. Fotos: promo
Dino-Schrank. „Collector’s cabinet“ von M. Galante und T. Lancman für Cerruti Baleri. Fotos: promo

Der Tag, an dem der Internetbuchhändler Amazon über seine englischsprachige Homepage erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkaufte, liegt inzwischen ziemlich genau ein Jahr zurück. „Wir hatten gehofft, dass es irgendwann geschehen würde“, verkündete damals Amazon-CEO Jeff Bezos. „Aber wir hätten nie damit gerechnet, das es so schnell passieren würde.“ Der Kindle, Amazons hauseigener E-Reader, entwickelte sich 2011 zum bestverkauften Produkt in der Geschichte der Firma. Bedeuten diese Entwicklungen nun endgültig das Ende des gedruckten Buchs?

Wohl kaum. Dennoch wird das elektronische Buch langfristig sicher nicht nur den Buchhandel umkrempeln, sondern auch unsere Wohnzimmer. Zumindest die Hersteller von Bücherregalen scheinen das zu glauben. Wer in diesem Frühjahr über die Möbelmessen in Köln, Stockholm oder Paris streifte, konnte allerhand Neuheiten entdecken, die sich weniger um Stauraum als um das Ablegen, Laden und Präsentieren elektronischer Gadgets bemühen. Vom „Büchertablett“ des bayrischen Herstellers Auerberg, das Büchern und Elektrogeräten auf dem Schreibtisch einen Platz gibt, über Dick Van Hoffs „Crossdock Media Rack“, einen Zeitschriftenständer fürs digitale Zeitalter, bis zu „Wall in One“, einem elegant gebogenen Wandpaneel, auf dem sich ein Laptop (und sonst nicht viel mehr) ablegen und mit Strom versorgen lässt. Auch beim Salone del Mobile, der vom 17. bis 22. April stattfindenden Mailänder Möbelmesse, werden wieder reichlich Regale vorgestellt, die zu schmal, zu gering in der Korpustiefe, zu filigran sind, um eine ordentliche Buchsammlung zu tragen. Zum Beispiel „Rocky“, eine moderne Kredenz, die Charles Kalpakian für das neue Label La Chance entworfen hat: eine dreidimensionale Skulptur für die Wand, die am besten aussieht, wenn gar nichts drinsteht.

Statt viel Stauraum bieten die Regale der neuen Generation immer öfter neue Funktionalitäten: Steckdosen, an denen sich Smartphone und iPad aufladen lassen, Kabelrinnen, die Elektro-Unordnung verbergen, und schmale Schienen, die den geliebten Gadgets Halt bieten sollen. Leo Lübke, geschäftsführender Gesellschafter des Schranksystemherstellers Interlübke, erklärt die Hintergründe: „Die Art, wie wir Medien nutzen, verändert auch unsere Art des Wohnens. Wenn eine Musiksammlung von 1200 CDs gerade mal 60 GB Speicherplatz benötigt, und eine ganze Bibliothek auf einem notizbuchgroßen Gerät Platz findet, dann werden wir in Zukunft immer weniger Bücherregale benötigen.“ Die Neuheit, die Interlübke in diesem Jahr präsentiert, passt wunderbar zur Bücherlosigkeit der Zukunft. „Bookless“ erinnert mehr an einen Setzkasten als an Stauraum. Raumteiler und Vitrine soll es sein, ein Möbel, in dem Menschen ihre Lieblingsdinge in Szene setzen können. Dabei hilft eine LED-Leiste, die den Regalinhalt illuminiert, wie im Schaukasten einer Galerie.

Wohnungen ohne Bücher – etwas bedauerlich wäre die Entwicklung schon. Die Regalmeter an Gelesenem, die wir im Lauf eines Lebens ansammeln, sind ja nicht nur Papierballast, sie haben auch eine Beweisfunktion. Sie erzählen von unserer Persönlichkeit. Wer geht nicht, wenn er zum ersten Mal jemanden besucht, am Bücherregal vorbei, um verstohlen den Inhalt zu prüfen? Sind die Buchrücken nach Größe geordnet, gar nach Farben? Was steht auf Augenhöhe? Zerfledderte Reiseführer in Doppelreihen? Oder schwere Kunstbände, die aussehen, als würden sie nur mit Baumwollhandschuhen durchblättert? Steht da Ideologisches? Karl Marx, Francis Fukuyama, Thilo Sarrazin? Sieht „Finnegan’s Wake“ auch wirklich durchgelesen aus?

Dieses Vergnügen könnte uns in Zukunft abhandenkommen – denn wer würde sich an einem E-Reader oder Tablet vergreifen, um die Literaturliste seines Gastgebers zu scannen? Andererseits: So wie wir uns daran gewöhnt haben, Musik auf dem iPod zu hören, wird möglicherweise auch die bücherbefreite Wohnung irgendwann Normalität sein. „Unsere Mediennutzung wird sich extrem verändern“, glaubt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, „Tablets werden Fernsehgeräte, Bücher und Zeitschriften überflüssig machen.“ Die Schrankwand mit TV-Altar und Sitzgruppe davor könnte bald ausgedient haben, denn um mit einem Tablet-PC einen Film zu sehen, muss sich die Familie nicht mehr vor dem Fernsehgerät versammeln. Jedes Haushaltsmitglied wird sein eigenes Gerät besitzen, um Filmstreams anzusehen, Social-Media-Seiten zu verfolgen, E-Mails zu schreiben, Bücher und Zeitschriften zu lesen. Die Möbelindustrie stellt sich darauf ein: Zum Beispiel mit dem Sofa „Suita“, das Antonio Citterio für Vitra entworfen hat. An der Rückenlehne ist eine kleine Ablage angebracht, gerade breit genug, um ein persönliches Kommunikationsgerät abzulegen und immer griffbereit zu haben. „Die Entwicklung wird ähnlich verlaufen wie damals, als die Telefone schnurlos wurden“, glaubt Trendforscher Wippermann. Früher fanden wir es selbstverständlich, beim Telefonieren im Flur zu stehen. Dann konnte man Telefone plötzlich überallhin mitnehmen: in die Badewanne, ins Bett, aufs Sofa. Bald begann jeder, sein eigenes Handy zu benutzen. Heute fänden viele die Vorstellung unzumutbar, sich ein Telefon mit der Familie teilen zu müssen.

„Auch die Vorstellung, Bücher nur noch immateriell in Form von Dateien zu besitzen, spaltet unsere Kultur enorm“, fügt Wippermann hinzu. „Es wird immer Leute geben, die große Bibliotheken haben und sich nicht vorstellen können, per E-Reader zu lesen. Aber die große Masse der Bevölkerung wird Bücher digital lesen. Was auf das Verschwinden des gedruckten Buchs folgt, ist das Phänomen der Verfeinerung. Der Markt für limitierte Editionen wird wachsen, und Bücher werden zu einem Luxusgut werden – ironischerweise nur ein paar Jahrzehnte, nachdem die Erfindung des Taschenbuchs die Branche demokratisiert hat.“

Auch das passt zu den Möbelneuheiten der Saison: Von Muutos Regal „Stacked“ über die „Sum Shelves“ bei Magazin bis zu Interlübkes „Bookless“ haben die aktuellen Regalentwürfe eine „Galeriefunktion“: Sie sind dazu gebaut, Raritäten und Lieblingsdinge auszustellen. „Bookless“ gibt es auf Wunsch mit Acrylbuchstützen, auf denen Bildbände aufgeklappt präsentiert werden können. In Zukunft wird man Gästen also nicht mehr sein gesamtes Bücherregal präsentieren, sondern nur noch die aufgeblätterten Lieblingsseiten seiner Lieblingsbücher.

Falls nun jemand denkt, das sei doch alles frühestens in 20 Jahren und überhaupt nur in den USA ein Thema, dann ist das einerseits richtig: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, die gerade erst zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht wurde, lag der Marktanteil von E-Books am gesamten Buchhandel 2010 in Deutschland bei nur einem Prozent. Andererseits: Im vergangenen Jahr stieg der E-Book-Umsatz um 77 Prozent. Im Januar 2011 besaßen 380 000 Deutsche einen E-Reader, ein Jahr später waren es bereits 1,6 Millionen. Und Peter Wippermann, der Trendforscher, gibt Deutschland bis zur Buchlosigkeit noch drei bis fünf Jahre.

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