Zeitung Heute : Piraten vor Gericht

NAME

Eigentlich müsste Thomas Middelhoff ein Fan von Raubkopien aus dem Internet sein. Marktforscher haben herausgefunden, dass Nutzer von Musiktauschbörsen eher dazu neigen, mehr CDs zu kaufen. In einer aktuellen Studie hätten 29 Prozent der Befragten gesagt, die Teilnahme an Musiktauschbörsen habe ihr Kaufverhalten verändert; 10 Prozent kauften weniger Musik als zuvor, aber immerhin 19 Prozent mehr. Der Bertelsmann-Chef könnte sich also freuen, über all die KaZaas, Groksters und Morpheus, und wie die obskuren Internet-Dienste alle heißen, mithilfe derer Millionen Web-Nutzer fleißig Musikstücke tauschen – derart angefixt kaufen die sich dann bestimmt auch eine CD bei Bertelsmann.

Ganz so einfach funktioniert das natürlich nicht. Fakt ist: Im Jahr 2001 beklagte die Phono-Industrie einen weltweiten Umsatzrückgang von fünf Prozent auf 33,7 Milliarden Dollar. Schuld: die Online-Piraten. Am Mittwoch nun sank die Hoffnung von Bertelsmann-Chef Middelhoff, aus diesem Umstand mit einem eigenen Internet-Angebot Kapital zu schlagen. Die von Bertelsmann seit Oktober 2000 unterstützte Musiktauschbörse Napster steht vor dem Åus, nachdem der Chef des Online-Dienstes, Konrad Hilbers, seinen Hut genommen hatte (der Tagesspiegel berichtete).

Wieder mal gilt der Satz: Napster ist tot, es lebe der Online-Musikaustausch. Denn es bleibt wieder einmal das, was schon im Sog des anfänglichen Napster-Erfolges nach oben gespült wurde: eine Reihe von Musiktauschbörsen, deren rechtlicher Status weiter umstritten ist. Die Börsen streiten um die rund 90 Millionen Internet-Nutzer, die zuerst im Netz nachschauen, ob es ihre neue Lieblings-CD dort nicht umsonst zum Runterladen gibt, bevor sie sie bei Bertelsmann oder WEA käuflich erwerben.

Die bei diesen Tausch-Diensten eingesetzte „Peer-to-Peer“-Technologie (P2P) gehört zu den durchschlagendsten Ansätzen im Internet, weil sie die weite Ausdehnung des Netzes nutzt. Sie verteilt die Lasten großer (Musik-)Downloads auf viele Schultern. Das hilft der Forschung, etwa bei kollaborativem Rechnen, das hilft vor allem aber KaZaa, der derzeit beliebtesten unter den Musiktauschbörsen. Der niederländische Software-Anbieter war erst vor ein paar Wochen ins Gerede gekommen, weil er den Vertrieb seiner Software einstellen musste. Ein Gericht hatte der Klage der Musikindustrie stattgegeben, die versuchte, die Tauschbörse zum Stillstand zu bringen. Das brachte gar nichts. Über KaZaa können weiterhin Tausende von Musikstücken gefunden werden wie zum Beispiel alle neuen Songs der großartigen US-Independent Band Wilco. Bei Karstadt 13 Euro 99, im Internet: umsonst. Man braucht nur einen schnellen ISDN- oder DSL-Anschluss. Sonst dauert der Download in CD-Länge Stunden.

Das Gleiche gilt für so genannte Gnutella-basierte Dienste wie BearShare oder Limewire, alles ebenfalls beliebte Napster-Nachfolger. Mittlerweile hat sich allerdings der Kampf zwischen Online-Piraten und Musikindustrie auch auf die Tauschbörsen untereinander übertragen. Es herrscht dort große Konkurrenz und teilweise beschuldigten sich die Dienste sogar gegenseitig, dass Daten von Internet-Nutzern über die freigegebenen Festplatten ausgeschnüffelt werden .

Dennoch sind die kostenpflichtigen, von der Musikindustrie betriebenen Online-Vertriebe wie Pressplay oder Musicnet dagegen ziemlich chancenlos. An Musicnet ist Bertelsmann Music Group sogar mitbeteiligt und steht damit dem Erfolg „seines“ eigenen Napsters im Wege. Das Motto der kommerziellen Dienste: hohe Gebühren, dünne Angebote – eben nur jene Musik, die für den Vertrieb lizensiert ist. Madonna oder Metallica zum Beispiel, Wilco nicht.

Um diese Lizensierungen haben sich die KaZaa & Co. wenig zu scheren. Schon wird an der nächsten Generation der P2P-Software gefeilt, die für den reibungsloseren Austausch von Musik über das World Wide Web verantwortlich ist. Und mit den schnellen Übertragungsmöglichkeiten ist auch der Austausch von Filmen wie „Star Wars“ kein Problem mehr, beispielsweise über die Grokster-Plattform, eine der jüngsten Tauschbörsen mit rasant steigenden Nutzerzahlen.

Was bleibt? Napster geht wohl endgültig, die dezentralen oder im Ausland sitzenden Tauschbörsen werden die eingeführte Technologie gewinnbringend nutzen und nicht nur Thomas Middelhoff weiter ärgern. Strafrechtlich zu verfolgen sind sie kaum. Daran wird auch der Oktober nichts ändern, wenn KaZaa, Grokster und andere als Angeklagte vor Gericht stehen. Ein neuer Anlauf der Musikindustrie, den Gratistauschern im Netz ein Bein zu stellen. Markus Ehrenberg

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar