Zeitung Heute : Pisa stört das Image

Der Tagesspiegel

Von Susanne Vieth-Entus

Ihr Netz spannt sich von Medellin bis Mailand und von Toulouse nach Teheran – deutsche Auslandsschulen sind auf allen Kontinenten verstreut, aber jetzt werden sie erstmals auf einem Weltkongress zusammenkommen. Vom 4. bis 6. April wollen Vertreter nahezu aller 119 deutschen Schulen in Mexiko-City einen Dachverband gründen, um dringend notwendige Reformen besser durchsetzen zu können. Ein Ziel ist es, die Auslandschulen so attraktiv zu machen, dass sie auch als Werbeträger für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschlands genutzt werden können.

„Die jungen Menschen sollen Lust bekommen, in Deutschland zu studieren“, nennt Eva-Maria Kabisch eine Aufgabe der Auslandsschulen. Die Leitende Oberschulrätin aus Berlin wurde vergangenes Jahr von der Kultusministerkonferenz einstimmig zur Vorsitzenden des „Bund-Länder-Ausschusses für das Auslandsschulwesen“ berufen und will ihre mehrjährige Amtszeit nutzen, um mittels guter Auslandsschulen auch für das deutsche Bildungswesen als Ganzes zu werben. Trotz Pisa. Dabei soll das verheerende deutsche Abschneiden bei der internationalen Bildungsstudie nicht ausgeblendet werden. Vielmehr wird sogar der wichtigste deutsche Pisa-Fachmann, Jürgen Baumert, in Mexiko einen Vortrag über „Pisa und die deutschen Auslandsschulen“ halten.

„Pisa ist ein Imageproblem“, heißt es selbst im Bundesverwaltungsamt, das als Zentralstelle für das Auslandsschulwesen fungiert. Angesichts seines Fachkräftemangels muss Deutschland ausländische Jugendliche, aber auch Deutsche, die im Ausland aufgewachsen sind, an deutsche Universitäten „locken“. Eine ideale Werbeplattform dafür könnten eben die deutschen Schulen im Ausland sein. Da stört Pisa.

Aufgabe der Auslandsschulen muss es deshalb sein, durch möglichst gute Arbeit vor Ort zu überzeugen. Dies gelingt nicht immer, denn auch Auslandsschulen sind nur so gut wie ihr Personal. „Wir müssen uns noch mehr als bisher um besonders qualifizierte Lehrer und Schulleiter bemühen und das Know-how der qualifizierten Rückkehrer besser nutzen“, nennt Eva-Maria Kabisch eine weitere Aufgabe, die sie angehen will. Man müsse aufpassen, nicht zuerst Pädagogen zu bekommen, die sich für das Ausland bewerben, weil sie vom deutschen Schulalltag „ermüdet“ sind. Sie könnte sich vorstellen, dass der Auslandseinsatz auch als Anerkennung für besondere Leistungen gewährt werden könnte. Oder sogar als Bestandteil des Referendariats, um auch mal ganz junge Lehrer einsetzen zu können.

Kabisch will ein Netz von Schulen ähnlicher Profile im In- und Ausland entwickeln, zum Beispiel mit technisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkten. Bei deren Entwicklung sollen besonders profilierte deutsche Partnerschulen helfen. Die ehrgeizigen Ziele der Kultusministerkonferenz (KMK) kollidieren allerdings mit den Sparzwängen. Der Bundesfinanzminister hat dem Auswärtigen Amt kontinuierlich die Mittel für die Auslandsschulen gekürzt. 1998 gab es noch 376 Millionen Mark, 2001 waren es 347, 2002 wurden nochmals 14 Millionen gestrichen. Die Einsparungen können laut KMK schon dieses Jahr dazu führen, dass nicht mehr alle Abschlüsse der Auslandsschulen in Deutschland anerkannt werden, weil es nicht mehr genug deutsche Lehrer gibt, die unterrichts- und prüfungserfahren sind: Statt der von den Ländern vorgesehenen Richtzahl von 1245 sind zurzeit nur noch 1055 Stellen im Haushaltsplan vorgesehen.

Kein Wunder, dass KMK-Präsidentin Dagmar Schipanski in Mexiko einen Vortrag über „Auslandsschulwesen im Spannungsfeld zwischen Bildungsqualität und Budget“ halten will.

Das liebe Geld soll aber nicht im Mittelpunkt des Kongresses in Mexiko stehen. Die meisten Arbeitsgruppen kreisen um die Qualitätssicherung der Schulen. Weitere Themen sind Schulmanagement, Finanzierungsmodelle, Motivation des Schulpersonals, Fördervereine und Ganztagsmodelle. Eine Schule aus dem Drogenmafia-gebeutelten Bogota bietet sogar einen Workshop über „Sicherheitsmaßnahmen an deutschen Schulen im Ausland“.

Mehr im Internet unter www. auslandsschulwesen.de

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