Pius-Bruderschaft : Das Nest des Beschmutzers

"Diese Art von Aufmerksamkeit brauchen wir nicht", sagt ein Zögling des Priesterseminars von Ecône, Schweiz. Dann zieht er schnell die Tür hinter sich zu. Auch der Holocaust-Leugner Richard Williamson hat hier studiert. Ein Besuch im Stammhaus der Pius-Bruderschaft.

Jan Dirk Herbermann[Ecône]
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Der hagere Franzose beugt sich nach vorne, mustert durch das Fenster ein Holzkreuz draußen am Wegesrand. Seine schwarze Soutane liegt eng am Körper, wohlgesetzte Wörter fließen klar aus dem schmallippigen Mund heraus. „Ja, wir haben hier eine gute Aussicht“, sagt Benoît de Jorna.

Die Alpen ragen steil in den hellblauen Himmel, schirmen das enge Schweizer Tal nach Norden und Süden hin ab. Im Bett der Rhône wälzt sich eisiges Wasser hinunter zum Genfer See. Nur die wuchtigen grünen Strommasten stören ein wenig den Blick ins Unterwallis. De Jorna leitet das Seminar St. Pius X. der strengkonservativen Priesterbruderschaft St. Pius X. im Schweizer Ecône. Es ist das Stammhaus des Bundes, das größte und das wichtigste Seminar der sechs Pius-Seminare. „Der Gründer unserer Priesterbruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, entschied sich für Ecône auch wegen der Stille“, sagt Rektor de Jorna. Er öffnet das Fenster, das in die dicken Mauern des Hauses eingelassen ist. Der Lärm der Welt ist fern.

Seit Tagen aber ist es mit der Ruhe um die Bruderschaft vorbei. Ein Skandal erschüttert die Traditionalisten, der Sturm umtobt inzwischen den Vatikan im fernen Rom, Papst Benedikt XVI. gerät immer mehr in Bedrängnis. Um der Einheit seiner Kirche willen holte der Heilige Vater aus Deutschland vier Pius-Bischöfe am 21. Januar 2009 in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurück. Benedikts Vorgänger, Johannes Paul II., hatte die vier am 1. Juli 1988 exkommuniziert. Der Grund: Das Quartett war nur einen Tag vorher, am 30. Juni 1988, vom französischen Kirchenrebellen Marcel Lefebvre geweiht worden, und dies gegen den ausdrücklichen Willen des Heiligen Stuhls. Schon von Papst Paul VI. war Lefebvre suspendiert worden. Der Ort der verbotenen Weihe: das Priesterseminar von Ecône. Die forsche Tat Lefebvres provozierte das Schisma der Pius-Brüder mit Rom. Auch Lefebvre selbst wurde exkommuniziert.

Einer der vier begnadigten Sünder ist Richard Williamson, rein äußerlich eine Art Gentleman in der Zunft der Gottesmänner. Doch der Brite ist alles andere als unbescholten. Er verharmlost den millionenfachen Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Gaskammern in NS-Konzentrationslagern? Nein. Die gab es für ihn nicht. Wie viele Juden brachten die Nazis in den Lagern um? So zwischen 200 000 und 300 000 waren es wohl, sagt er – keiner aber starb in einer Gaskammer.

Die Ausfälle des Lefebvre-Bischofs, in Regensburg von einem schwedischen TV-Sender aufgenommen, sorgten für weltweites Entsetzen. Auch in Ecône lasen die Pius-Brüder vom Interview ihres ehemaligen Kommilitonen Williamson. Die rund 60 Studenten und ihre Professoren verfolgen die neuesten Wendungen des Eklats im Internet und im Pariser „Le Figaro“ – Fernsehen gibt es offiziell hinter den Mauern des Walliser Hauses nicht.

Williamson drückte in den 70er Jahren die Seminarbänke in Ecône als Student. „Zu dieser ganzen Angelegenheit möchte ich nichts sagen“, meint Rektor de Jorna. Er hält inne. Dann lehnt er sich in dem abgewetzten Sessel zurück und fixiert den Glastisch mit grünen und roten Plastikblumen. Drei Heiligenfigürchen und Bilder von Marcel Lefebvre und Papst Pius X. dekorieren das Zimmer. Ohne eine sichtbare Regung kommt der Geistliche noch einmal auf den Fall Williamson zurück: „Unser Generaloberer hat dazu Stellung genommen“, sagt er. Das war’s.

Der Generalobere der Priesterbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, residiert im Deutschschweizer Menzingen auf Schloss Schwandegg. Von dort aus dirigiert er die 500 Priester der Bruderschaft und versucht, die Zahl der Anhängerschaft zu mehren: Inzwischen sollen weltweit rund 500 000 Menschen den Pius-Brüdern folgen.

Zunächst schwieg der Generalobere Fellay zum Fall des Bischofs Williamson. Dann kanzelte er den Untergebenen ab. „Wir bitten den Heiligen Vater und alle Menschen guten Willens um Entschuldigung für die verheerenden Auswirkungen einer solchen Tat“, lautet ein zentraler Satz in einem offenen Brief vom 27. Januar 2009. „Mit Trauer stellen wir fest, dass diese unangebrachten Aussagen unsere Bruderschaft in direkter Weise berühren, weil sie die Aufgabe unserer Gemeinschaft in Verruf bringen.“ Dann verpasste der Generalobere seinem Mitbruder Williamson einen Maulkorb.

Fellay und die anderen Verfechter der angeblich reinen katholischen Lehre müssen jetzt mit dem Williamson-Makel leben. So gut es aber geht, versuchen die Brüder die lästige Angelegenheit zu verdrängen. „Diese Art von Aufmerksamkeit brauchen wir nicht“, flüstert ein Pius-Zögling, winkt mit der Hand ab und zieht die Tür hinter sich zu. Mehr will auch er nicht sagen. Darf er nicht mehr sagen?

Es ist 12 Uhr15 am Mittag. Der schwere Klang der Glocken der Seminaristen-Kirche dröhnt durch das enge Tal. Es ist die Zeit für das Mittagsgebet. Die angehenden Priester eilen über die langen Gänge ihres Wohnhauses in das Gotteshaus der Pius-Brüder. Ihre Soutanen ziehen sich weit auseinander. Die Gesichter sind ernst, niemand redet. In der Schar bewegen sich Franzosen, Italiener, Schweizer, ein Schwede und einer aus dem afrikanischen Gabun.

Eine Viertelstunde üben sich die Seminaristen in gregorianischen Gesängen, knien sich nieder, richten sich wieder auf. Als der letzte Ton verklungen ist, sammeln sie sich vor dem schlichten Kreuz in der Mitte des Altarraums. Tiefe Verbeugungen, zwei sinken fast ganz zu Boden. Auf die spirituelle Stärkung folgt das gemeinsame Essen. Nach einer Mittagsruhe heißt das Motto: Körperertüchtigung. „Hier im Wallis können unsere Seminaristen hervorragend Wintersport treiben“, sagt der Rektor. Er zeigt mit seiner Hand auf die Langlaufski im Keller. Geprägt ist das Leben eines Seminaristen aber vom Büffeln: Theologie, Philosophie, Latein und Geschichte.

„Am Ende von fünf Jahren hier in Ecône werden die jungen Männer Priester für ewig sein“, erklärt de Jorna in einem Anflug von Feierlichkeit. Gibt es auch Studien-Abbrecher? „Ja, die gibt es auch“, sagt der Rektor, sein Gesicht nimmt wieder starre Züge an. „Doch es sind nur ganz wenige.“

De Jorna steht vor dem Arbeitszimmer Marcel Lefebvres. Ein Tisch, auf dem ein altes Wählscheibentelefon steht, und Regale mit Theologiebüchern beherrschen den abgedunkelten, kleinen Raum. „Wir alle verehrten ihn sehr“, sagt de Jorna, der Lefebvre, (1905 – 1991) noch selbst erlebte. „Er war ein liebenswürdiger Mensch.“

Doch der „sanfte Marcel“ konnte auch anders. Lefebvre sympathisierte mit dem französischen Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen. Es war jener Le Pen, für den die Gaskammern der Nazis „ein Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ waren. Lefebvre soll ebenso das faschistische Regime des spanischen Diktators Franco gelobt haben. Auch das Pinochet-Regime in Chile und die argentinische Militärjunta fanden seine Zustimmung („vorbildliche Regierungen“). In ihren Mitteilungen geißeln die Pius-Brüder den Besuch einer Synagoge durch Papst Johannes Paul II. als ein „schlimmes Zeichen“. Und der Distriktobere der Pius-Brüder für Deutschland, Franz Schmidberger, schreibt über die „Juden unserer Tage“: „Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig“, solange sie sich nicht von der „Schuld ihrer Vorväter“ distanzierten. Schmidberger galt laut dem erzkonservativen Internetportal kreuz.net als „rechte Hand von Lefebvre“.

Kann es da wundern, dass in Lefebvres Kaderschmiede in einem abgeschiedenen Winkel der Schweiz ein Holocaustleugner wie Richard Williamson heranreift?

Noch heute gilt Lefebvres Credo vom „Kampf der Priesterbruderschaft St. Pius X.“: „Wir müssen einen Kreuzzug beginnen. Es wird ein Kreuzzug sein, bei dem wir gerade für die ewigen Begriffe des Opfers eintreten, um die Christenheit neu zu beleben.“

Vor allem wehren sich die Pius-Brüder gegen die Modernisierung der katholischen Kirche durch das II. Vatikanische Konzil. Unbeirrt halten die Traditionalisten an der „Alten Messe“ in lateinischer Sprache fest – die „Neue Messe“ grenzt für sie fast an Frevel. Die Unterschiede zwischen beiden Formen sind jedoch nicht nur sprachlicher, sondern auch inhaltlicher Art: „In der Alten Messe feiern wir das Opfer unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz, also das Geschehen vom Karfreitag; in der Neuen Messe feiert man das ,Herrenmahl’, also ein Gedächtnis des Abendmahls vom Gründonnerstag“, liest man bei den Pius-Brüdern. Für sie ist das bloße Gedächtnis des Abendmahls eine unerträgliche Entwertung der Eucharistie, ein Verrat an allem Katholischen, eine Liberalisierung von geradezu Luther’schem Ausmaß. „Die Messe ist nicht ein Opfer“, hatte der Reformator gepredigt.

In Ecône erfahren die jungen Seminaristen alles über diese Unterschiede. „Das ist natürlich essenziell, deshalb sind wir hier“, sagt ein junger Mann aus Frankreich. Warum hat er sich für das spartanische, strenge Leben in der Pius-Bruderschaft entschieden? „Ich fühlte mich schon früh zum Priestertum berufen“, sagt er, „wenn ich es schon mache, dann will ich es auch richtig machen. Im Sinne von Erzbischof Lefebvre.“

Die Lehren der Piusbrüder faszinieren auch viele Menschen außerhalb des Seminars. Jeden Sonntag strömen rund 500 Gläubige zu den Gottesdiensten und Andachten der Lefebvre-Kirche. Für die Priesterbruderschaft sind loyale Anhänger lebensnotwendig. Denn ihre Kassen werden fast ausschließlich von den Gläubigen gefüllt. „Wir sind von ihrer Großzügigkeit abhängig“, sagt Rektor de Jorna.

Auf ein kleines Geschäft verzichten die Pius-Brüder jedoch nicht: In einem Shop verkaufen sie Bücher über die reine Lehre und Lefebvre, Kruzifixe, Rosenkränze, Ansichtskarten und hölzerne Statuten der Gottesmutter Maria. „Wir haben keine Kasse in dem Laden“, erklärt der Verwalter des Seminars. Der stämmige Mann, ein Schweizer aus einem Dorf in der Nähe, rückt sich die Brille zurecht. „Wenn Sie etwas kaufen wollen, legen Sie bitte das Geld in den Kasten.“ Dann empfiehlt er noch einen Abstecher zum Grab des Meisters: „Das Grab des Erzbischofs Lefebvre muss man sehen“, sagt er. „Gehen Sie bitte auf die andere Seite unseres Seminars.“ Durch einen steinernen Gang führt der Weg in eine kleine Krypta. Dort fand der Kirchenrebell Marcel Lefebvre seine letzte Ruhe.

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