Pius-Brüder : Saarbrücker Sündenfälle

„Hier ist es halt strenger als anderswo“, sagt ein 14-Jähriger. Er geht auf eine ganz besondere Schule. Sie gehört der umstrittenen Pius-Bruderschaft. Der Holocaust wird hier nicht geleugnet, das wäre "töricht und dumm", sagt der Rektor. Aber nicht alle sind seiner Ansicht.

Claudia Keller[Saarbrücken]

Clemens betet gerne. Auf Latein, morgens, mittags und abends. Clemens geht auch gerne zur Messe, zur alten, lateinischen, tridentinischen. „Das ist die Messe, die uns der liebe Gott gegeben hat“, sagt er. Clemens ist 16, seine Beine stecken in beigen Stoffhosen, aus dem V-Ausschnitt des braunen Pullovers ragt ein Hemdkragen. Clemens steht auf dem Schulhof, es ist Pause, er antwortet wohlerzogen. Ein freundlicher Junge.

Clemens geht auf die Realschule. Nicht auf irgendeine. Er besucht die Realschule Herz Jesu auf dem Saarbrücker Hasenberg. Sie gehört wie die benachbarte Grundschule St. Arnual zur ultrakonservativen katholischen Bruderschaft St. Pius X., über die viel gestritten worden ist, seitdem der Papst Ende Januar vier ihrer Bischöfe aus der Exkommunikation zurück in die Reihen der Kirche holte, darunter Bischof Richard Williamson, den Holocaustleugner. Außer den Schulen in Saarbrücken unterhält die Bruderschaft in Deutschland ein Mädchengymnasium in Nordrhein-Westfalen und eine Grundschule in Baden-Württemberg.

Die Herz-Jesu-Schule ist ein Flachbau aus den 70ern, auf der einen Seite schneebedeckte Wiesen, auf der anderen spielen die Jungen im Sommer Fußball und Hockey. In jedem Klassenzimmer schaut Jesus vom Kreuz auf die Tafel herunter, an den anderen Wänden hängen Papst Pius X. und die Muttergottes. Vom Gelb und Grün der Wände blättert Farbe ab, Risse in der Decke sind notdürftig verspachtelt. Und doch wird hier drinnen sehr viel auf Ordnung gegeben, auf Ordnung, Sauberkeit und Schönheit. Unordnung und Zweifel existieren nicht auf dem Hasenberg. Brüche kommen nur im Mathematikunterricht vor.

„Na ja, hier ist es halt strenger als anderswo“, sagt ein 14-Jähriger und wühlt auf dem Schulhof etwas verlegen mit den Schuhen im Schneematsch. Nur an zwei Tagen dürfen die Internatsschüler das Schulgelände verlassen, Ausflüge in die Disko sind nicht drin. Kein Fernsehen, keine Handys und keine Popmusik, keine Jeans, keine Turnschuhe, keine T-Shirts, es herrscht Kragenzwang. Der 14-Jährige auf dem Schulhof sagt, dass er manchmal schon gerne was anderes anziehen würde. Aber man könne auch ohne Disko glücklich sein, mit Brettspielen und Fußball. Und wenn man sich die Absolventen anschaue, sehe man, dass sich „das alles“ lohne. Die von der Herz-Jesu-Schule hätten „keine Kippe im Mund“, und sie wüssten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.

Die Schulen der Piusbrüder sind staatlich anerkannte Privatschulen. Dennoch hat gerade der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ihre Überprüfung gefordert, weil unter den Oberen der Piusbrüder jener Williamson ist, der bezweifelt, dass es in Auschwitz Gaskammern gegeben hat.

„Nationalsozialistisches, den Holocaust leugnendes Gedankengut hat an einer katholischen Schule keinen Platz“, heißt es auf der gemeinsamen Internetseite der Pius-Schulen. Der Nationalsozialismus sei antichristlich, kirchenfeindlich und menschenverachtend.

„In unseren Schulen wird das Gleiche unterrichtet wie an anderen Schulen im Saarland – eben das, was der saarländische Rahmenlehrplan vorgibt“, sagt Pater Matthias Gaudron. In den Fluren herrscht jetzt Stille, die Pause ist zu Ende. Gaudron, Rektor der Schulen auf dem Hasenberg, sitzt in Strickjacke und Soutane in seinem Büro, es ist kühl, der Pater ist kein Freund üppigen Heizens. Die Möbel in seinem Büro, ein abgelebtes Sofa, dazu Spanholztische und Plastikstühle, sehen aus, als seien sie an anderen Orten übrig geblieben. Die Piusbrüder leben von Spenden, viel Geld gibt es hier nicht. Pater Gaudron, 43 Jahre alt, ist das weltoffene, freundliche Gesicht der Schule. Er gibt gerne Auskunft: 56 Jungen besuchen die Haupt- und Realschule, 14 Mädchen und Jungen die Grundschule. Viele Schüler stammen aus Familien, die der Bruderschaft nahestehen, andere schicken ihre Kinder wegen der überschaubaren Klassengrößen hierher oder weil die Gebühren niedrig sind für eine Privatschule.

Wenn der Pater spricht, lachen seine Augen, er zuckert seine Sätze mit Ironie, bisweilen gar Selbstironie. Mit finsterer Miene schaut ihm eine Büste von Pius X. über die Schulter – jenem Papst, der während seines Pontifikats von 1903 bis 1914 alles tat, um den „Bazillus“ der Moderne von der katholischen Kirche fernzuhalten. Im Kommunismus sah er ebenso gefährliches Teufelswerk wie im Liberalismus und der Demokratie.

Maßgeblicher Leitfaden für die Schulen auf dem Hasenberg ist die Erziehungs-Enzyklika „Divini illius magistri“ von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1929. Im Mittelpunkt steht dort die Erbsünde, aus ihr resultieren „ungeordnete Neigungen“, die „geordnet“ werden müssen, mithilfe „übernatürlicher Wahrheiten“, so beschreibt es die Werbebroschüre der Schulen. Der modernen Pädagogik, die von den individuellen Fähigkeiten des Kindes ausgeht, stellen die Piusbrüder den Glauben an eine „natürliche“ Ordnung der Welt gegenüber, an ein ewig gültiges Gottesgesetz. Dazu gehören die Ehe, die Gehorsamspflicht des Kindes und die bedingungslose Unterordnung unter die Autoritäten der Kirche, da sie allein „im Besitz der vollständigen Wahrheit“ sei. Papst Pius XI. wusste, dass „die Torheit verbunden ist mit dem Herz des Kindes, doch die Zuchtrute vertreibt sie“.

Pater Gaudron weiß, wie schwierig es ist, der Öffentlichkeit das Erziehungskonzept der Piusbrüder nahezubringen. Er sagt, man dürfe nicht jeden Satz von 1929 wörtlich nehmen. Dabei verfällt er in seinen hessischen Akzent, der den Sätzen die Schärfe nimmt. Auch die Piusbrüder müssten sich der heutigen Welt anpassen. Der Satz mit der Zuchtrute zum Beispiel, der gelte heute nicht mehr.

Vor drei Jahren wurde die Schule vom Kultusministerium vorübergehend geschlossen, weil ein Lehrer im Verdacht stand, den Satz mit den Züchtigungen doch ernst genommen zu haben. Die Bruderschaft sprach von einer „Verleumdungskampagne“, ein Schüler habe den Lehrer aus Bosheit angeschwärzt. Im Mai 2007 hob das Verwaltungsgericht Saarlouis die Schließung auf, bestätigte aber, dass es Misshandlungen gegeben habe. Der Lehrer wurde freigesprochen.

Pater Gaudron ist geduldig, er erklärt, rechtfertigt, Stunde um Stunde. „In Biologie wird natürlich die Evolutionstheorie gelehrt“, sagt er, „aber mit dem Zusatz, dass die Entwicklung nicht zufällig passiert sein kann, da muss ein Schöpfer dahinter stehen.“ Auch diesen Satz sagt Pater Gaudron: „Der katholische Staat wäre unser Ideal.“ Natürlich, fährt er fort, dürften in diesem Staat auch Juden und Muslime leben. „Aber man müsste schon überlegen, ob sie für ihren Glauben werben dürften.“

In einem der Klassenzimmer steht, gleich neben weiß-blauen Bänden der Bundeszentrale für politische Bildung, ein Buch des rechtsradikalen Historikers und Holocaustleugners David Irving: „Goebbels – Macht und Magie“. Irving ist gut bekannt mit Richard Williamson, dem umstrittenen Bischof. Man bekomme eben, sagt Pater Gaudron dazu, viele Bücher geschenkt. Wenn man nicht genau aufpasse, könne schon mal eines drunter sein, das nicht in Ordnung sei. Er werde das Buch entfernen.

Kurz vor zwölf ist es, Pater Gaudron muss los zu einem Vortrag, er schließt sich den Patres, Lehrern und Schülern an, die über die Flure in Richtung Geschichtssaal eilen. Gerade noch hat der Pater gesagt, er halte die Aussagen Williamsons für „töricht und dumm“.

Nicht alle hier sind dieser Meinung.

„Er hat den Holocaust ja gar nicht zur Gänze geleugnet“, sagt ein Erzieher auf dem Schulflur. Williamson habe lediglich die Dimensionen bezweifelt und von 200 000 bis 300 000 Juden gesprochen. Es sei doch auch, fährt der Mann fort, ein Skandal, dass immer nur die Zahl sechs Millionen „diktiert“ werde. Pater Gaudron fällt ihm ins Wort: „Hier darf man nichts verharmlosen“, sagt er. „Laut Wikipedia gehen die Forscher von vier bis sechs Millionen aus.“ Der Erzieher beharrt auf seiner Sicht. Er kenne viele Katholiken, die die Dimension des Holocaust anzweifeln. „Soll man die alle exkommunizieren?“

Im Geschichtssaal hängen Darstellungen des Heiligen Landes zu biblischen Zeiten neben Karten der Welt zwischen 1860 und 1914. Am Lehrerpult breitet eine ältere Frau in blauem Wollkostüm Bücher aus: „Glaube oder Aufklärung“ heißen sie oder „Die Frau, die Liebe und Humanae Vitae“. Inge Thürkauf faltet die Hände und setzt an zum Vortrag, es geht um „Gender-Mainstreaming“.

„Gända, was ist das?“, fragt ein Junge.

„Eine totalitäre Ideologie“, ruft Frau Thürkauf, die Hand zur Faust geballt. „Da wird den Leuten eingeredet, dass es nicht nur Mann und Frau gibt, sondern auch noch Schwule, Lesben und Transsexuelle.“ Bedenkenlos würden sich manche Menschen heute umoperieren lassen, vom Mann zur Frau, von der Frau zum Mann. Einige Jungen im Publikum werden rot. Überall, fährt die Frau im Wollkostüm fort, sei die Weltverschwörung gegen die katholische Kirche am Werk – ihre Waffe sei die „Sexualisierung der Gesellschaft“. Auch die Bundesregierung mache mit, indem sie Kinderkrippen fördere und Aufklärungsbroschüren verteile. Frauen, sagt Frau Thürkauf, seien den Männern unterlegen, als „Gehilfinnen“ sollten sie ihnen dienen, Gleichberechtigung sei „Gleichmacherei“. Zum Abschluss ruft sie den Jungen zu: „Wir müssen bereit sein, unser Leben zu geben, um aus der moralisch verkommenen Gesellschaft herauszukommen. Ja, das Martyrium könnte der richtige Weg sein.“ Einen Moment lang ist es still im Klassenzimmer. Dann wird geklatscht. Und gebetet.

Die jüngeren Schüler stürzen jetzt in die Mensa, die älteren, aus der 9. und 10. Klasse, haben noch Arbeit vor sich. Sie gruppieren sich um einen Schrank, darin liegen, sortiert in Plastikkästen, kleine Kugeln aus Amethyst, Rosenquarz und Tigerauge. Es ist die Pius-Version einer „Schülerfirma“ – während an anderen Realschulen getischlert oder gekocht wird, fädeln die Jungen hier Halbedelsteine zu Rosenkränzen. Das Geschäft läuft gut, gerade erst sei ein Auftrag aus Tschechien eingegangen, sagt der 16-jährige Christoph.

Es gibt viel zu tun an diesem Nachmittag. Zehn kleine Steine für die Avemarias, ein großer für das Vaterunser, so geht das Rosenkranzgebet. Unten ein Kreuz dran. Zur Rettung vor der sündigen Welt.

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