Zeitung Heute : Plädoyer für universitären Wettbewerb

Ian Chubb, Präsident der Australian National University, berät die Freie Universität Berlin im International Council

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Im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb hat die Freie Universität Berlin als eine von zehn Hochschulen die Endrunde erreicht und zum 20. April ihr Konzept für eine Internationale Netzwerkuniversität eingereicht. Auf ihrem Weg in die Zukunft berät ein „International Council“ – ein Zusammenschluss weltweit renommierter Hochschulmanager und Wissenschaftler – die Freie Universität. An dieser Stelle präsentieren wir regelmäßig ein Mitglied dieses Gremiums. Ilka Seer sprach mit Professor Ian Chubb, Präsident der Australian National University (ANU) in Canberra.

Was hat Sie motiviert, sich in dem International Council der Freien Universität Berlin zu engagieren?

Die akademische Gemeinschaft ist eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sich alle gegenseitig helfen. An der Australian National University haben wir vor zwei Jahren auch eine Gruppe von Vertretern internationaler Universitäten eingeladen, um einen Teil der Fachbereiche zu evaluieren. Ich glaube, man kann als Universität nur dann erfolgreich sein, wenn man seine Arbeit von Zeit zu Zeit durch externe Experten bewerten lässt. Ich schätze auch die kulturellen Unterschiede der Mitglieder des International Councils der Freien Universität. Dadurch lerne auch ich viel Neues, was ich nicht nur an der ANU, sondern auch in anderen Kommissionen einfließen lassen kann.

Wie funktioniert das australische Studiensystem? Mit welchem internationalen System lässt es sich vergleichen?

Wir haben damals, als die ersten Universitäten in Australien gegründet wurden, das schottische System adaptiert. Momentan dauert bei uns ein Bachelorstudium drei Jahre, ein Masterstudium vier Jahre. Dann haben die Studierenden die Möglichkeit, einen „honour’s degree“ zu machen, der dauert ein weiteres Jahr. Und danach kommt der Promotionsstudiengang, der drei bis vier Jahre dauert. Es kann aber sein, dass wir das System irgendwann ändern müssen.

Warum?

Weil wir uns dem europäischen System anpassen müssen: drei Jahre Bachelor, zwei Jahre Master, drei Jahre Promotion. Sonst haben die Studierenden zu viele Schwierigkeiten, wenn sie ins Ausland wechseln wollen – und den Europäern wird ein Studium in Australien erschwert. Auf die internationalen Studierenden wollen und können wir aber nicht verzichten – unter anderem deshalb, weil wir auf ihre Studiengebühren angewiesen sind.

Wie international sind australische Universitäten ausgerichtet?

Sehr international. Wir haben mehrere hundert Partnerschaften mit Universitäten auf der ganzen Welt. Außerdem gibt es ziemlich viele Gaststudierende an unseren Universitäten. Und wir haben gerade eine neue Vereinigung geschlossen: die International Association of Research Universities. Wir werden uns untereinander evaluieren sowie Studierendenaustauschprogramme und gemeinsame Forschungsprojekte organisieren.

Kurz zu der Universitätslandschaft in Australien. Wie viele Unis gibt es?

38 staatliche geförderte Universitäten und einige kleinere private Hochschulen.

Und gibt es bei Ihnen so etwas wie die 1954 gegründete Ivy League in den USA, also einen Zusammenschluss der besten Universitäten des Landes?

Nein, so eine historisch gewachsene Elite-Gruppe haben wir in Australien nicht. Wir haben etwas Ähnliches wie das, was durch die Exzellenz-Initiative gegenwärtig in Deutschland etabliert werden soll. Unsere Gruppe heißt „Group of Eight“ und umfasst, wie der Name schon sagt, die acht besten Forschungsuniversitäten Australiens.

Wie hat sich diese Gruppe formiert. Wurde dazu auch ein Wettbewerb ausgeschrieben wie die Exzellenz-Initiative in Deutschland?

Nein. Das war eher eine interne Angelegenheit: Die 38 Universitäten bei uns sind extrem unterschiedlich ausgerichtet – die einen lehren mehr, die anderen forschen mehr. Dadurch haben alle Hochschulen unterschiedliche politische und finanzielle Bedürfnisse. Die Group of Eight hat sich zusammengefunden, um Vorhaben gemeinsam umzusetzen.

Würden Sie auch eine neunte oder zehnte exzellente Universität in Ihren Kreis lassen?

Eher nicht. Einer meiner Kollegen glaubt ohnehin, dass acht eine zu große Zahl ist, wenn wir wirklich etwas erreichen wollen. Wir wissen, dass es neben der Group of Eight noch drei oder vier weitere hervorragende Forschungsuniversitäten in Australien gibt. Wenn wir die aber aufnehmen würden, stünden wir irgendwann vor dem alten Problem, nämlich dem, dass innerhalb der Gruppe dann doch zu viele unterschiedliche Ziele verfolgt würden. Und so haben wir uns bei der Wahl ein bisschen daran orientiert, wie viel die einzelnen Universitäten für die Forschung ausgeben.

Wie viel ist das?

Die Australian National University gibt 90 Prozent ihres Jahresbudgets für Forschung aus und ist damit die forschungsintensivste Universität in Australien.

Erhalten die Mitglieder der Group of Eight als forschungsstärkste Universitäten des Landes mehr Forschungsgelder als die übrigen Universitäten?

Ja, aber im Wettbewerb. Die Group of Eight erhält etwa 75 Prozent der Gesamtsumme, die das australische Wissenschaftsministerium für Forschung ausgibt.

Wie garantieren die acht Universitäten exzellente Forschung?

Wir stehen kontinuierlich unter Beobachtung der australischen Regierung und kontrollieren uns deshalb untereinander. Wir orientieren uns aber auch an den Leistungen der Universitäten außerhalb Australiens und pflegen einen regen Austausch von Wissenschaftlern und Studierenden. Dieser Austausch bewirkt viel Positives.

Würden Sie den Universitäten in Deutschland, die sich im Oktober im Exzellenz-Wettbewerb durchsetzen, empfehlen, eine ähnliche Allianz wie Ihre Group of Eight einzurichten und regelmäßige Benchmarks durchzuführen?

Wettbewerb kann sehr fruchtbar und anregend sein. Deshalb kooperieren wir in vielen Angelegenheiten, in anderen wiederum stehen wir in einem fairen Wettbewerb miteinander. Ich glaube, dass solche Zusammenschlüsse renommierter und forschungsstarker Universitäten, die dieselben Ziele verfolgen, wichtig sind – vielleicht sind sie sogar unvermeidbar. Von daher würde ich den Wettbewerbsgewinnern in Deutschland nahe legen, sich ebenfalls in einem Bündnis zu organisieren.

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