Zeitung Heute : Plage im Haus

Ingo Bach

130 Berliner dürfen tagelang nicht mehr duschen, weil ihre Wasserleitungen mit gesundheitsgefährdenden Legionellen verseucht sind. Droht ganz Berlin jetzt Legionellenbefall?

Legionellen sind eine häufig im Süßwasser auftretende Bakterienart – und zunächst einmal ungefährlich. Zu einem Problem werden sie, wenn sie sich massenhaft vermehren. Und genau das tun Legionellen im warmen Wasser zwischen 25 und 50 Grad Celsius. Gelangen die Erreger in die Lunge eines Menschen – zum Beispiel beim Duschen, wo feine Wassertröpfchen eingeatmet werden – können sie dort eine gefährliche Lungenentzündung hervorrufen. Wird diese nicht mit Antibiotika behandelt, endet die so genannte Legionärskrankheit in den meisten Fällen tödlich. Im vergangenen Jahr erkrankten allein in Berlin 54 Menschen daran. Drei von ihnen starben. Besonders gefährdet sind Personen mit geschwächtem Immunsystem, wie Aids- oder Rheumapatienten, sowie sehr junge und sehr alte Menschen.

Deshalb reagieren die Aufsichtsbehörden mit Verboten und technischen Auflagen, wenn in Wasserrohren Legionellen gefunden werden. So geschehen in drei Häusern der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) in Berlin-Charlottenburg. Die Konzentration von Legionellen war gesundheitsgefährdend hoch. Das zuständige Gesundheitsamt hat deshalb die Duschen von 130 Mietern zunächst gesperrt. Jetzt saniert der Vermieter die veraltete Warmwasseranlage, damit diese das Wasser wieder auf mehr als 80 Grad aufheizen kann und so die Legionellen absterben. In einer Woche werde man noch einmal eine Wasserprobe entnehmen, sagt Martina Schmiedhofer, Gesundheitsstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf. Bis die Ergebnisse vorliegen, dauere es dann noch einmal zehn Tage. „Frühestens dann können wir das Duschverbot aufheben.“

Meist wird ein Befall nur an spektakulären Orten wie in Krankenhäusern oder Schwimmbädern öffentlich bekannt. Doch mit einem Anteil von mehr als 41 Prozent stecken sich laut Robert-Koch-Institut die meisten Patienten zu Hause an.

600000 Berliner Haushalte sind an das Fernwärmesystem der Bewag angeschlossen. Hier besteht nach Angaben der Bewag aber keine Gefahr. Denn selbst wenn in dem System, das mit Hilfe von Wasser die Wärme in die Haushalte transportiert, die Erreger vorhanden wären, könnten diese nicht auf den Wasserkreislauf der Abnehmer übergreifen. Beide Systeme seien getrennt, das Wasser für die einzelnen Wohnungen wird erst im Keller des Hauses durch Wärmetauscher erhitzt.

Die Erkrankungen im Privathaushalt seien eher eine Folge des Energiesparwahns, sagt Robert Rath, Sprecher des Berliner Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit. „Wenn die Warmwasserbereiter nur auf maximal 60 Grad erhitzt werden, fühlen sich die Legionellen wohl.“ Deshalb sollte man im Wochenabstand seine Thermen auf 90 Grad heizen. „So werden auch die Legionellen abgetötet, die sich in den Kalkablagerungen der Rohre verstecken.“ Außerdem rät Rath dazu, die Duschköpfe alle zwei Jahre auszutauschen, da sich auch hier im Kalk Erreger verstecken könnten. Und schließlich: Bei längerer Abwesenheit zum Beispiel im Urlaub kann sich das in den Leitungen stehende Wasser in der Wohnung erwärmen und so den Legionellen ideale Bedingungen bieten. „Deshalb sollte man dies nach der Rückkehr fünf bis zehn Minuten ablaufen lassen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!