Plagiate : Schlechter Stoff

Prada-Shirts für 20 Euro, Joop!-Mützen für 13. Natürlich alles gefälscht. Die betroffenen Firmen schweigen oft. Aufgeklärt wird nur im Internet.

Sebastian Leber
Plagiate
Gute Fälschungen können so echt aussehen, dass nur der Hersteller selbst erkennen kann, ob es sich um original oder Raubkopie...Foto: laif

Von Louis Vuitton gibt es jetzt auch Badelatschen. Jedenfalls bei Kenan auf dem Kapali Carsi, dem Großen Basar in Istanbul. Im zweiten Gang links hat er seinen Stand, an sechs Tagen die Woche verkauft er hier Shirts, Brieftaschen, Mützen, viele im Vuitton-typischen Braunton mit den bekannten Initialen. Für seine Plastikbadelatschen verlangt Kenan 14 Euro pro Paar, wenn man handelt, bekommt man sie auch für acht. Wer fragt, ob es sich um Originale handelt, erhält die Antwort, die er verdient: „Natürlich Original. Türkisches Original!“

In Istanbul ist es der Kapali Carsi, in Budapest der Markt der vier Tiger, in Paris der Marché de Saint Quen, in Rom der Ponte Sant’Angelo, die Brücke zur Engelsburg. In asiatischen Metropolen muss man die Händler nicht erst suchen, sie kommen von selbst. Hunderttausende Deutsche kehren jährlich mit gefälschten Kleidungsstücken, Accessoires und Uhren aus dem Ausland zurück.

Wie groß der Schaden für die betroffenen Unternehmen genau ist, weiß keiner. Der deutsche Zoll mag es nicht mal schätzen. Er ist auch gar nicht zuständig, solange die eingeführten Plagiate für den Privatgebrauch bestimmt sind und den Wert von 400 Euro nicht übersteigen. Der Zoll beschlagnahmt nur Waren, die für gewerbliche Zwecke bestimmt sind. Allein in der Region Berlin-Brandenburg wurden im laufenden Jahr 53 Frachtladungen abgefangen.

„Die Zöllner können nur Stichproben nehmen“, sagt der zuständige Kriminologe vom Fahndungsamt. Vor allem, wenn die Frachtpapiere verdächtig aussehen, wird kontrolliert. Manchmal ist die Fälschung offensichtlich, etwa wenn „Addidas“ oder „Rebok“ auf den Turnschuhen steht. „Dolce & Gabbana“ wird besonders häufig falsch geschrieben. Aber oft sieht die Ware so täuschend echt aus, dass die Beamten erst Proben an das betroffene Unternehmen schicken müssen. Bestätigt sich der Verdacht, wird geschreddert.

Im Hamburger Hafen haben die Zollfahnder besonders viel zu tun. Allein in den letzten drei Jahren wurden hier mehr als 300 Container mit gefälschten Turnschuhen beschlagnahmt – im Fachjargon heißt das „platzen lassen“. Meistens waren Nike-Imitate drin, 9000 pro Container. Neuerdings stoßen die Beamten vermehrt auf Imitate von Crocs, den Trendsandalen aus buntem Plastik.

Fast alle Container kommen aus Tianjin, Qingdao, Schanghai oder einer anderen großen chinesischen Hafenstadt, in Hamburg sollen sie auf Lkw umgeladen und dann nach Ungarn, Österreich oder Tschechien weitertransportiert werden – wo sie auf Märkten auch in die Hände deutscher Schnäppchenjäger gelangen. Die Hintermänner werden praktisch nie gefasst.

Woher die vielen T-Shirts mit „Prada“-, „Boss“- und „Ed Hardy“-Aufdrucken kommen, die sich auf den Marktständen in Osinów Dolny gleich hinter der polnischen Grenze stapeln, interessiert dort niemanden. Der Ort liegt 80 Kilometer nordöstlich von Berlin, sein deutscher Name ist Niederwutzen, jeden Sonnabend fahren Tausende über die Bundesstraße 158 hierher. Es gibt DVDs von Filmen, die gerade im Kino angelaufen sind, raubkopierte CDs und haufenweise gefälschte Mode. „Keine Grenzkontrollen“, wirbt der Markt auf seiner Internetseite. Wer an einem Stand in Niederwutzen einen Schuh mit drei Streifen finde, könne davon ausgehen, dass es kein original Adidas-Schuh sei, sagt die Sprecherin des Konzerns aus Herzogenaurach.

Wie die meisten betroffenen Firmen hält sich Adidas beim Thema Produktfälschungen bedeckt. Immerhin verrät die Sprecherin, man setze weltweit 40 Testkäufer ein, um Märkte nach Plagiaten abzusuchen. Über deren Arbeitsweise sagt sie nichts. Auch bei Louis Vuitton heißt es nur: „Interne Angelegenheit.“

Dass Louis Vuitton in Deutschland Testkäufer einsetzt, bekam kürzlich das Rote Kreuz in Marburg zu spüren. In einer dortigen Altkleidersammlung der Hilfsorganisation hatte ein Tester eine gefälschte Handtasche entdeckt und für drei Euro gekauft. Prompt erhielt das DRK eine Zahlungsaufforderung über 2600 Euro. Der Marburger Kreisgeschäftsführer wandte sich an die Öffentlichkeit und beteuerte, man kenne sich mit Luxushandtaschen nicht aus. Die Modefirma lenkte ein.

Auch der Handel über das Internet hat stark zugenommen. In Frankfurt (Oder) hat der Zoll deshalb eine „Zentralstelle Internet-Recherche“ – kurz ZIRE – eingerichtet. 30 Beamte sitzen dort an Rechnern, tippen Suchwörter wie „Boss“, „Joop!“, „Prada“ bei Google oder Ebay ein und klicken sich durch die Angebote. Das klingt banal, ist aber effektiv. Bietet jemand eine Rolex für 400 statt für die handelsüblichen 3500 Euro an, werden die Beamten aktiv – 900 Mal allein im vergangenen Jahr. Belangt werden nur die Verkäufer, der Kauf ist für Privatleute ebenso straffrei wie das anschließende Tragen. Allerdings gehen Branchenexperten davon aus, dass sich ein Großteil der Besitzer von Fälschungen gar nicht bewusst ist, was er anhat. Louis Vuitton etwa gibt auch auf Nachfrage keine Tipps, wie Original und Kopie auseinanderzuhalten sind. Rat findet man höchstens in Internetforen. Dort tauschen Interessierte Details aus. Zum Beispiel, dass die Vuitton-Initialen immer synchron übereinander sitzen – das ist bei Imitaten oft nicht der Fall. Als fälschungssicher gelten die Echtheitshologramme von Dolce & Gabbana, die an der Innenseite von Shirts und Hosen kleben.

Das Schweigen der Konzerne hat oft einen simplen Grund: Sie wollen nicht, dass ihre Marken mit dem Begriff Fälschung in Verbindung gebracht werden. Dabei begrüßen sie eigentlich die Aufklärung über das Fälscherunwesen – solange der eigene Markenname nicht fällt, sagt Sebastian Helmreich vom „Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie“ mit Sitz in Berlin-Mitte. Die Initiative wird von zahlreichen Modekonzernen unterstützt. Helmreich setzt auf Aufklärung der Verbraucher: Wer gefälschte Marken kaufe, unterstütze oft Kinderarbeit und Produktionsbedingungen ohne Sozial- und Umweltstandards.

Strafen für das Kaufen oder Tragen von Imitaten fordert der Aktionskreis nicht. Aber sinnvoll wäre ein Gesetz, wie es vorigen Herbst in der Schweiz in Kraft getreten ist, sagt der Sprecher: „Das könnte ein Signal sein.“ Wer dort als Privatperson vom Zoll erwischt wird, muss jetzt zumindest seine Ware abgeben.

Die Fahnder geben bei Google

„Prada“ oder „Boss“ ein und

suchen verdächtige Angebote

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