Plagiats-Streit : J. D. Salinger und der Epigone

Helmut Schümann

Winnetou ist tot. Gretchen, Faustens Gretchen, ist irgendein ätherisches Wesen, also auch nicht mehr von dieser Welt. Die Buddenbrooks? Hinweggerafft. Gregor Samsa, der Käfer bei Kafka, auch der ist verblichen, lange bevor man das Buch zugeklappt hat. Um es mit aller Pauschalität zusammenzufassen: Am Ende sind sie hin, nahezu alle literarischen Figuren. Was auch gut so ist, weil sie auf diese Weise ihr Geheimnis mitnehmen und der Leser und die Leserin selber fantasieren darf, was wäre wenn.

Und die Überlebenden? Am Ende sitzt Holden in der Anstalt und grübelt über seine drei Tage in New York. Wahrscheinlich hat er sich wieder eingekriegt nach der letzten Seite des „Fänger im Roggen“, man weiß es nicht genau, und sein Schöpfer J. D. Salinger hat es für sich behalten, wenn er es denn selber gewusst hat. Milliarden Jugendlicher haben den Roman gelesen, haben mitgelitten mit Holden Caulfield, mitgefühlt, und weil sie zum Zeitpunkt der Lektüre ebensolche Pubertisten waren und sind, wie es Holden ist, haben sie sich wiedergefunden: Hey, so wie Holden geht es mir auch.

Und heute? Heute ist Mister Caulfield 76 Jahre alt, hockt trist in einem Altersheim, wahrscheinlich langweilt er sich, die Knochen wollen nicht mehr so, der Geist ist aber immer noch ein wenig unstet, weswegen der Alte ausbüchst und durch New York wandert. Zumindest in der Vorstellung des Schweden Fredrik Colting, der das Buch „60 Jahre später: Durch den Roggen gekommen“ geschrieben hat, aber zunächst nicht veröffentlichen darf, weil J. D. Salinger es ihm gerichtlich untersagen ließ.

Und hat er nicht recht, der greise Mann mit seinen neunzig Jahren? Hat er! Will man denn wirklich wissen, wie es Holden weiter ergangen ist nach seinem pubertären Anfall? Will man wirklich lesen, wie er womöglich eine Mary kennenlernte, sie ehelichte, Kinder bekam und so weiter und so fort? Und will man sich wirklich vorstellen, wie er in einer trüben New Yorker Vorstadt im Seniorenstift hockt und mit gleichaltrigen Männern und Frauen versucht, die Zeit totzuschlagen? Das will man alles nicht. Wie schrecklich wäre es, wenn zum Beispiel Pippi Langstrumpf plötzlich eine junge Frau wäre. Nein, die Toten der Literatur, sie dürfen weiterleben, sie leben weiter. Die Überlebenden der Literatur aber altern nicht, bleiben sich immer treu. Holden Caulfield ist sechzehn Jahre alt, auch noch in hundert Jahren.Helmut Schümann

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