Zeitung Heute : Platte in Öl

Der Tagesspiegel

Hellersdorf. Ein Stadtzeichner hat bei jeder Gelegenheit einen Skizzenblock zur Hand. Das ist normal. Hellersdorfs Stadtzeichner Gerd Wessel allerdings neigt manchmal zur Übertreibung. Als er vor einem Jahr sein Amt am Stadtrand antrat und das erste Mal zu einem Friseur in der Nähe ging, nahm er dem Coiffeur eine Federzeichnung von sich als Vorlage mit. „Da brauchte ich meinen Schnitt nicht erst zu beschreiben.“ Die Sache hat funktioniert. „Die spitz auslaufenden Nackenhaare stimmten genau mit der Zeichnung überein“, sagt der 64-Jährige. Vermutlich das einzige Bild, auf dem der direkte Bezug zur Umgebung des Künstlers fehlt. Denn auf Wessels anderen Werken – etwa 100 Zeichnungen, Cartoons und Malereien sind es – taucht immer wieder nur ein Motiv auf: Hellersdorf. Genauer gesagt, Variationen der Platte.

In der lässt es sich nach Ansicht des Stadtzeichners gut wohnen. Deshalb dokumentiert Gerd Wessel nicht nur, er lässt seiner Fantasie freien Lauf und setzt sozusagen Wohnlandschaften in Szene: nackte Frauenkörper übersät mit Neubaufenstern. Tiere, die, etwas eckig geraten, an die Form moderner Wohnbauten erinnern. Mit einem Wohnhaus veranschaulicht er wirtschaftliche Aspekte und durch rote und schwarze Zahlen. Wessel lässt Plattenbauten aber auch dunkel aufragen und verpasst ihnen dann farbige Fenster. „So wie sie bei Nacht auf mich wirken“, sagt er.

Die vielen Kunstobjekte, die auf Hellersdorfs Dächern und Plätzen zu sehen sind, haben es dem Künstler angetan. Ihre Formen finden sich auf seinen Bildern wieder. Das freut die Verantwortlichen der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf (WoGeHe), die im vergangenen Jahr erstmals einen Stadtzeichner eingesetzt hat. „Er arbeitet mit dem Herzen, weil er auf besondere Weise mit dem Stadtteil verbunden ist“, sagt Sprecher Olaf Dietze. Die WoGeHe hat den Vertrag mit ihrem Stadtzeichner um ein halbes Jahr verlängert. Den beiden bisherigen Ausstellungen sollen weitere folgen. Außerdem wird Anfang nächsten Jahres ein Kalender mit Bezirksansichten des Zeichners erscheinen. Gerd Wessel hatte in den achtziger Jahren an der Planung Hellersdorfs mitgewirkt. Umgesetzt wurden seine Pläne nie. Er konstruierte damals die Mitte Hellersdorfs neu: mit einem Rathaus und einem Kulturtempel. Was Mitte der Neunziger rund um die Stendaler Straße entstanden ist, gefällt Wessel. Er findet sogar, dass es seinem einstigen Entwurf ähnlich sieht. Zumindest hält er sich oft in „Helle Mitte“ auf, beobachtet die Leute und skizziert sie.

Am liebsten aber fährt Gerd Wessel, der eigentlich in Neukölln wohnt, ins Wuhletal. Dann besucht er den Kienberg und hat das Gefühl „auf dem Lande oder im Urlaub zu sein“. Das viele Grün überrascht ihn immer wieder. Da überkommt ihn regelmäßig die Malwut. Und er freut sich, mit seinen Arbeiten zu einem besseren Image des Plattenbaubezirks beizutragen.

Wessels größter Wunsch ist es, seine Werke in Mitte auszustellen. Er will den Berlinern „das moderne Leben am Stadtrand“ zeigen. Und seine ganz spezielle Hellersdorfer Farbenlehre. Drei Farben hat der Bezirk bei ihm: Da ist das Blau – für die frische Luft, ein Grün – für die naturnahe Umgebung und ein starkes Rot – für den roten Bezirk. Wessels Künstler-Ich lebt schon im Plattenbau-Bezirk. Und vielleicht zieht er eines Tages mit seiner Frau um – an den östlichen Rand Berlins. Steffi Bey

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