Zeitung Heute : Platten kaufen

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Alles begann mit einer Mauernische. Sie befindet sich in unserem Wohnzimmer und sieht schön aus. Darüber hinaus hat sie keine Bedeutung. Die Lücke ist über einen Meter breit und nach hinten schief. Dort hinein passt kein Möbel. Und finden Sie mal Bretter, die dafür stabil genug sind und außerdem nach was aussehen! Baumärkte kann man vergessen. Und wer kann sich schon einen Tischler leisten?

Problem vertagt, die Nische blieb vorerst Nische. Bis ich eines Tags bei einer Freundin zum Tee geladen war. In ihrer Küche lagen überall farbige Holzklötzchen herum. Sie sahen aus wie Bierdeckel, nur waren sie viel dicker und knallbunt. Die Freundin erklärte, es handele sich um Materialproben. Und sie nannte die Quelle der Klötzchen: der Plattenladen in Kreuzberg.

Wer denkt bei einem solchen Namen nicht sofort an Musik? Aber mit Vinyl hat das nichts zu tun. Die Platten hier sind Bauplatten, aus denen sich jeder seine eigenen Möbel herstellen kann.

Zwei Wochen später hatten wir ein geniales Regal in unserer Nische, und es ist klar, dass ich den Laden unbedingt empfehlen muss. Ein Tischler und eine Tischlerin betreiben ihn im dritten Hinterhof der Oranienstraße. Sie haben eine Sägemaschine und unglaublich viele Platten auf Lager, die sie wunschgemäß zuschneiden. Siebdruckplatten zum Beispiel, mit denen andere Leute Fahrzeuganhänger bauen, oder Sperrholzplatten mit Laminatbeschichtung, Bambusplatten. Alle sind robust und stabil und manche auch im Baumarkt zu haben. Aber nicht in dieser Stärke (bis zu 4 Zentimeter), nicht zu diesen Preisen und schon gar nicht in so schönen Farben (Weinrot, Flaschengrün, Sonnengelb). Vor der Mühe, aus den zugeschnittenen Platten ein richtiges Möbel zu bauen, sollte man sich keinesfalls fürchten. Die Plattenladen-Betreiber sind hilfsbereit und einiges gewohnt. Und sie kennen auch einen Tischler.

Plattenladen, Oranienstraße 183, Telefon: 695 15 990, www.plattenladen-berlin.de

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