Zeitung Heute : Plattensammler Der

Hein Spellmann ist fasziniert von Fassaden. Er reist durch Europa und fotografiert sie. Er modelliert sie auf Schaumstoff und gibt ihnen so die dritte Dimension zurück. Ein Atelierbesuch.

Deike Diening

Im Treptower Atelier wartet ein spirreliger, blonder Mann, er schmeißt die einsame Elektroplatte an, die auf dem Fußboden steht, für einen Topf Wasser, er hängt Teebeutel in Tassen und weiß dann nicht, was er sagen soll.

Hein Spellmann ist Künstler und ein schüchterner Mensch. Er sagt, die Häuserfassaden haben ihn zuerst angesprochen. Und zwischen den Oberflächen von Plattenbauten, später auch von anderen Bauten, und dem Künstler hat sich daraufhin ein inzwischen zehn Jahre währender Dialog entsponnen. Erst fotografierte er die Fassaden, die ihm gefielen. Dann nahm er sie mit nach Hause und machte mit ihnen, was er wollte. Und die Fassade wurde weich bei ihm, sie fluppte mit der Matratze, auf die er sie aufgemalt hatte, hin und zurück, sie ließ sich hin und her biegen. Es gefiel ihm, die Fassade plötzlich im Haus zu haben, statt sie immer nur draußen zu treffen. Er wollte mehr davon. Er entwarf eine Plattenbautapete, die man zusammenrollen und hinter jedem Schreibtisch in die Höhe wachsen lassen kann. Spellmann gewann Macht über die Fassade, ja, auch künstlerische Deutungshoheit. Er war jetzt ständig von ihr umgeben. Die Kacheln im Klo seines Atelierhauses hat er in eine blaugründige Plattenhausfassade verwandelt – „ein Frühwerk“ sagt sein Galerist.

Spellmann, was tat der da? Er hat Häuser wie Socken auf links gezogen. Ihre Fassade ins Innere zurückgeholt.

Zuletzt hat er sie auf zahlreiche Silikonkissen geworfen, von denen einige ab dem 24. Oktober wieder in einer Gruppenschau seiner Galerie Rasche Ripken in der Linienstraße zu sehen sind, wo sie die Leute regelmäßig sehr verwundern.

Sie ragen dort nämlich wie Wucherungen aus der Wand. Sie springen dem Betrachter ins Auge, wohin sonst. So konzentriert. So subjektiv. So liebenswert gezähmt. So auf menschliches Maß gebracht. Ausgewählte Details einer Häuserfassade, scheint es, sind völlig aus sich herausgegangen, sie haben die Zurückhaltung der Zweidimensionalität aufgegeben, die sie bei Fotografien noch wahren. Stattdessen wölben sie sich dem Betrachter entgegen.

Es ist nicht schlimm, sagt der Galerist, er kennt das schon. Es ist nur natürlich, dass man sie anfassen möchte.

Fassade kommt von lateinisch „facies“, das „Gesicht“ eines Hauses. Und wie ein Verliebter im Gesicht seines Gegenübers sich ganz und gar sinnlos in einzelne Teile vertieft, hat auch Spellmann einen scheinbar beliebigen Ausschnitt gewählt. Er porträtiert Bauteile, die sonst nie so genau im Detail betrachtet werden, denn in freier Wildbahn tauchen sie immer nur als das respektheischende Ganze einer haushoch gereckten Oberfläche auf. Spellmann dagegen guckt ausdauernd und ausschließlich in für tot erklärte Ecken der Architektur.

Warum verwundert einen so, was Spellmann da tut? Ja was denkt man denn sonst so von der Fassade? Hält man womöglich nicht viel von ihr?

„Nur“ Fassade, sagt man, und das ist abwertend gemeint. Der Verdacht der Oberflächlichkeit kommt auf. Die Fassade ist etwas Vorgeblendetes, das in einem völlig freien Verhältnis zu ihrem Kern stehen kann. Berlin erträumt sich gerade ein ganzes Schloss von seiner Fassade her, und das ist vielen verdächtig – sehen wir schon noch, was hinein kommt, sagen die Träumer, die Nutzung wird sich finden, die Kosten wird man schon in den Griff kriegen! Es scheint eine merkwürdig hohle Sehnsucht, die so wuchtig ist und so ganz ohne Inhalt auskommt.

Vergangenheitssehnsüchtige denken Bauten von ihrer Fassade her. Baufirmen in der Stadt stellen zuerst ein Fassadenteil aus, und geben so zu, dass es sich hierbei offenbar um das Wichtigste handelt. Seit dem Jahr 2001 steht eine „Musterecke“ der Schinkel’schen Bauakademie am Schinkelplatz, die Lust machen soll auf das Alte. Für den Wiederaufbau ist nun gerade ein europaweites Verfahren gestartet worden.

Nun hat sich Hein Spellmann, 46, zunächst weder um die historischen Fassaden bemüht, noch ist er zum Beispiel der spezifischen Melancholie der Berliner Brandmauer erlegen. Seine Faszination begann bei einem Stipendium in London, da fiel ihm das Serielle in den Bauformen auf. Er fand es wieder in den Plattenbaufassaden auf seinem Arbeitsweg, wenn er mit dem Rad von seiner Wohnung in der Oderberger Straße im Prenzlauer Berg bis zu seinem Atelier in Treptow fuhr. Wenn er am Alexanderplatz die Veränderungen im Stadtbild betrachtete. Im Westen war alles viel fertiger, viel abgeschlossener gewesen.

Verputzt, geschlämmt oder verblendet, in jedem Fall aber gegliedert, das Verhältnis der Wand zur Öffnung definiert durch das lokale Bauamt, so treten die Fassaden auf. Sie blättern ab, sie altern, zu Weihnachten blinken sie bunt und rhythmisch.War die Fassade nun Handwerk, Kunst, Reklame? Sie wirbt ja auch ohne Worte für den Bauherren, für einen Architekturstil, für ein Menschenbild des Erbauers und damit für einen Gesellschaftsentwurf. Sie gibt Aufschluss über die Zeit ihrer Entstehung und über die Solvenz des Bauherren.

Eine Fassade sollte lange „lesbar“ sein, sie sagte etwas aus über das Innenleben des Hauses, oder zumindest über die Verteilung der Lasten. Die Säulen für das Tragende, die Drucklast und die Zuglast, und man schmiedete Maueranker, damit die Fassade auch hielt am Haus. Generationen von Architekten haben den Kopf in den Nacken geworfen und die Namen von Bauteilen gelernt wie eine eigene Sprache. Wenn sie geübt sind, diagnostizieren sie an der Fassade die Schäden eines Hauses, wie ein Arzt eine Krankheit manchmal schon an der Haut seines Patienten erkennen kann: wo der Putz ausblüht, wo Verfärbungen leuchten und Kalk austritt, wo Wasser sich einen Weg bahnt, wo Schimmel blüht. Energieexperten fertigen von der Fassade Wärmebilder.

Doch Hein Spellmann interessierte sich für das unbeachtete Detail.

Er hat ein ungeheures fotografisches Archiv angelegt, das meiste sind Plattenbauten, von denen es viele heute schon gar nicht mehr gibt. Er hat in den Jahren einen Blick entwickelt für die besonderen Ecken einer Fassade, für Schmuckelemente, Treppenhäuser und ihre Fenster und Türen, die er „unbemannte Öffnungen“ nennt. Er ist in London umhergestreift und hat später in Magdeburg Häuser betrachtet und in Stettin Gründerzeitfassaden aufgenommen. Er machte sich verdächtig, die Bewohner schrien vom Balkon, was er da triebe, und in London riefen sie einmal die Polizei. Am liebsten fotografiert er auf Augenhöhe bei bedecktem Himmel und diffusem Licht. Und auf seinen Objekten sind Gardinen zu sehen, Türen und Fenster, und alles in allem scheint die Fassade mindestens so viel zu verbergen, wie sie zeigt.

Und was passiert plötzlich? Die Fassade gewinnt unter dem Blick ihres Liebhabers ihre Würde wieder. Spellmann – aufgewachsen auf einem Bauernhof und später deshalb um so dringender von der Stadt fasziniert – mag die baulichen Übergänge, Anschlüsse, Ecklösungen, auskragenden Simse, er schätzt die gekachelten Sockel und die Waschbetonplatten. Und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb gerade Architekten, von Hause aus zum Basteln aufgelegt, immer ganz nahe herantreten an die Ausstellungsstücke und wissen wollen, wie er das bloß macht.

Gott sei Dank, sagt Hein Spellmann erleichtert, hat er seine Methode über die Jahre perfektioniert. Sie ist inzwischen so kompliziert, dass sie schwer zu kopieren ist. Er macht die Arbeit allein, obwohl er längst eine Factory haben könnte. Denn wem könnte er schon diese Gerüche zumuten?

An den Tagen, an denen er die Objekte herstellt, immer mehrere in einem Schwung, trägt Hein Spellmann Gasmaske wegen der Dämpfe. Er hat die Fotos dann schon zu Hause ausgedruckt und friemelt sie in seinem Atelier auf das elastische, mit Schaumstoff gepolsterte Kissen mit seinem Kern aus Holz. Dann überstreicht er das Werk in mehreren Durchgängen mit Silikon. Wer genau hinsieht, entdeckt noch leichte Unregelmäßigkeiten, Spuren seiner Handarbeit.

Und das Silikonkissen hat er dann zu noch ganz anderen Zwecken benutzt, auf eines hat er Zeiger geschraubt, es dient als Uhr, eines hat er als Sitz auf einem Hocker angebracht, die weißen Kissen haben Einzug gehalten in sein gesamtes Leben. „Kissenkunst“ hat er das mal genannt. Wenn er sich draufsetzt, lässt es Luft.

Gruppenausstellung mit Hein Spellmann in der Galerie Rasche Ripken, Linienstr. 148. Eröffnung 24. Oktober, 19 Uhr. Bis zum 20.12., Mi-Fr 13-19, Sa 12-18 Uhr. Bis zum 12. Dezember findet in Berlin das Medienfassaden Festival statt, www.mediaarchitecture.org/mediafacades2008/

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