Zeitung Heute : Platz da!

Nun steht erstmals eine Frau auf dem Sockel: behindert und schwanger Zu Silvester gehört er den Betrunkenen, die hier im Brunnen baden. Doch dieser Platz ist viel mehr: Hier feiert und trauert Großbritannien. Trafalgar Square ist das Herz der Nation.

Susanne Kippenberger

Einmal im Leben, das reicht. Einmal in den 17 Jahren, die Howard Rombough nun schon in London lebt, hat der Kanadier am Trafalgar Square Silvester gefeiert. Er drückt es höflich aus: „It’s an experience not to be repeated.“

Eigentlich weiß Rombough, der im nahe gelegenen Hotel One Aldwych arbeitet, sowieso nicht so genau, warum die Leute dort Silvester feiern. „Es passiert ja nichts Besonderes“ – kein Feuerwerk, nur Menschenmassen. Laute, betrunkene Menschenmassen, die es lustig finden, im eiskalten Brunnen baden zu gehen. Aber es ist halt Tradition, so, wie man in Berlin zum Brandenburger Tor pilgert und in New York zum Times Square. Und wenn es um Tradition geht, ist Trafalgar Square ganz groß.

Nehmen Sie den Tannenbaum, der noch bis zum 6. Januar auf dem Platz leuchtet. Er ist nicht nur, was er ist, ein großer, aber etwas mickriger Baum – er ist ein Symbol: Seit 1947 schenken die Norweger den Briten jedes Jahr einen Weihnachtsbaum, als Dank für deren Unterstützung im Zweiten Weltkrieg.

So ist es mit dem ganzen Platz: Seine wahre Bedeutung sieht man ihm nicht an. Denn wirklich schön ist er nicht, der Square, der zu Beginn jenes Jahrhunderts entstand, das das britische werden sollte. Im 19. Jahrhundert war Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner imperialen Macht, militärisch unschlagbar, wie die Schlacht von Trafalgar 1805 gerade bewiesen hatte. Zugleich stand man an der Spitze des industriellen Fortschritts, von der auch der nahe gelegene Bahnhof Kings Cross zeugte – mit allen sozialen Folgen, die dazu gehörten. Wirklich schön, wie verzaubert, wirkt der Platz erst, wenn es dunkel ist und alle Lichter leuchten. Tagsüber wirkt er eher monumental, vor allem durch die Gebäude, die sich mit ihrer klassizistischen Säulenarchitektur so erhaben geben und oft älter tun als sie sind – das South Africa House auf der Ostseite zum Beispiel stammt aus dem Jahre 1935.

Nicht mal „square“, quadratisch, ist der Square, wie Jean Hood in ihrer Geschichte des Platzes schreibt. „Aber er ist Trafalgar Square“ – das offizielle Zentrum von London, dazu hat ihn das Department of Transport 1951 erklärt (seitdem werden von hier aus alle Entfernungen gemessen), aber mehr noch: das „Herz der Nation“, wie der „Independent“ kürzlich schrieb. Der Ort, an dem die Nation ihre Wut, ihre Trauer und ihre Freude zum Ausdruck bringt.

In diesem Jahr hatten die Briten dazu reichlich Gelegenheit. Auf dem Trafalgar Square feierten sie live ihren neuen Sieg über die Franzosen, die Entscheidung, dass London die Olympischen Spiele 2012 bekommt, hier betrauerten sie ein paar Tage später die Opfer der Londoner Bombenanschläge. Hier feierten Zehntausende den Sieg der britischen Cricketmannschaft über die Australier, als wäre es eine Schlacht, so bedeutend wie die von Trafalgar; deren 200-jähriges Jubiläum im Oktober wurde natürlich auch gebührend gewürdigt. Und hier jubelten sie Nelson Mandela zu, als er dem Hunger den Kampf ansagte.

Admiral Horatio Nelson und Nelson Mandela: Das sind die Helden von Trafalgar Square, die Figuren, die jeder Brite mit dem Platz verbindet. Jahrzehntelang, zum Teil rund um die Uhr, wurde hier, vor dem South Africa House, demonstriert für Mandelas Freilassung und gegen die Apartheid – ein Kampf, der eine ganze Generation prägte. „Trafalgar Square – Emblem of Empire“, hat Rodney Mace sein Buch über den Platz genannt. So hat es auch Hitler gesehen – und hatte schon alles geplant: Wären die Nazis erfolgreich in Großbritannien einmarschiert, hätten sie die Säule abgetragen, samt Löwen und Nelson, und hätten sie vor dem Reichstag wieder aufgestellt. Um der Welt zu zeigen, wer sie nun beherrscht.

Nicht nur das Tausendjährige Reich, auch das Empire fiel bald darauf zusammen. Nur das Monument der glorreichen Vergangenheit blieb. Aber es gehört zur Ironie der Geschichte, dass sich hier, wo Großbritannien seine militärische Macht feiert – neben Nelson stehen hier noch die Denkmäler von ein paar anderen Offizieren, die heute keiner mehr kennt – immer wieder Pazifisten versammelten. Hier protestierte Vanessa Redgrave gegen den Vietnamkrieg, hier warnte Bertrand Russell vor der nuklearen Aufrüstung, hier demonstrierte eine Million Menschen Tony Blair, wie allein er mit seiner Unterstützung des Irakkriegs stand. Sufragetten und Schwule kämpften hier für ihre Rechte, Faschisten und Antifaschisten demonstrierten für ihre Sache.

Wer eine Botschaft loswerden will, ist hier am richtigen Platz. Vom Trafalgar Square führen die Straßen geradewegs in die Zentren der Macht: zum Parlament, zur Downing Street, zum Buckingham Palace, in die „City“, das finanzielle Zentrum, und zur Fleet Street, wo früher die Zeitungen residierten. Die Stadtplaner hatten es geahnt, dass der Platz zur politischen Bühne des Volkes werden würde – verhindern konnten sie es nicht: Die großen Brunnen erfüllten den ihnen zugedachten Zweck nicht, den Menschenmassen im Weg zu sein.

Es lassen sich viele Geschichten anhand des Trafalgar Squares erzählen, zum Beispiel die Geschichte der Fotografie, wie es die National Portrait Gallery unlängst mit einer Ausstellung tat. Das Medium und der Platz, entstanden fast zur selben Zeit, sind eng miteinander verknüpft: Keiner, der hierher kommt, und sich nicht fotografieren ließe. Man könnte die Geschichte der Demokratie und die der Monarchie erzählen, die so genannte „Prozessionsroute“ führt nämlich am Trafalgar Square vorbei; bei königlichen Hochzeiten, Todesfällen und Krönungen findet man hier einen idealen Zuschauerplatz.

Die Geschichte des Squares selbst kann man als Serie bizarrer kleiner Katastrophen, Niederlagen, Geschmacksverirrungen und personeller Fehlbesetzungen erzählen, wie Jean Hood es in ihrem kürzlich erschienenen Buch tut. So war John Nash zwar derjenige, der den Plan für einen schönen, großzügigen Platz an dieser Stelle entwickelte, aber er fiel bald in Ungnade, weil die Kosten für seinen Umbau des Buckingham Palace so explodierten. So entstand der Square nicht aus einem Guss, sondern peu à peu im Laufe von Jahrzehnten mit Hilfe verschiedener Architekten und Künstler. Selbst seinen Namen verdankt Trafalgar Square eher einem Zufall: Ein Immobilienentwickler musste sich sputen, weil einer seiner Mieter Visitenkarten drucken wollte und daher eine Anschrift brauchte; bei einer Audienz beim König ließ er sich den spontanen Einfall 1830 schriftlich bestätigen.

Auch Lebensgeschichten kann man anhand des Platzes erzählen. Die von Helen Finch zum Beispiel. Wenn die heute 37-Jährige als kleines Mädchen mit ihrer Mutter aus dem Dorf in Surrey zum Trafalgar Square kam, so erschien er ihr mit den Denkmälern, den Bauten, den vielen Tauben und ebenso vielen roten Doppeldeckerbussen als Inbegriff der großen, aufregenden Stadt. Vor allem die freundlichen Löwen hat sie geliebt, so, wie es die Kinder heute noch tun, die die Tiere streicheln, betätscheln, auf ihnen herumklettern. Als Teenager dann arbeitete Helen Finch ein Wochenende in der Suppenküche von St. Martin-in-the-Fields, wo sie die Kehrseite der ganzen Herrlichkeit kennen lernte. „A powerful experience,“ sagt sie, die heute das Marketing für eine gemeinnützige Einrichtung für geistig Kranke macht. „Da hörte ich zum erstenmal auf, Touristin zu sein.“ Die stärkste Erinnerung aber verknüpft sie mit der legendären Demonstration 1990 gegen Maggie Thatchers „poll tax“, die von vielen als schreiende Ungerechtigkeit empfunden wurde. Als „Wendepunkt“ bezeichnet Helen Finch den Protest. Ihr ganzes Leben lang war Maggie Thatcher an der Macht gewesen, und nun diese gewalttätige Demo, der Anfang des Endes: So heftig war die Wut, dass sie den Sturz der Premierministerin einleitete.

Heute, längst Londonerin, ist Helen Finch der Trafalgar Square zu touristisch, heute geht sie hier vor allem in die Kirche: um Freunde zum Kaffee zu treffen. Weil das Café in der Krypta von St. Martin-in-the-Fields, wie der Platz selbst, der einen eigenen U-Bahnanschluss hat, gut zu erreichen ist. Und weil es so ein ungewöhnlicher Ort ist. Dort schlürft man den Latte Macchiato auf Grabsteinen.

St. Martin-in-the-Fields ist das älteste Gebäude am Trafalgar Square, das einzige, das auch schon hier stand, als 1813 mit der Planung des Platzes begonnen wurde und alle anderen Bauten dem großen Square weichen mussten: königliche Ställe, Kasernen, Wohnhäuser und Läden, all das dicht gedrängt. Wie der Name schon andeutet, stammt die Kirche selbst aus einer Zeit (1726), als es hier eher ländlich denn großstädtisch zuging. Noch heute halten viele St. Martin für den schönsten Bau am Platze, auf jeden Fall ist er der einflussreichste: In den USA wurde die Kirche von James Gibbs massenweise nachgebaut, selbst für Thomas Jeffersons Wohnhaus stand sie Modell.

St. Martin – berühmt für seinen Chor und das Orchester, schon Händel und Mozart musizierten hier – ist eine äußerst moderne Kirche. Das florierende Café-Restaurant im Keller ist nur ein Beispiel dafür. Neben den Konzerten trägt es zum Unterhalt des alten Gemäuers bei; allein die Türen offen zu halten, kostet zwei Pfund pro Minute, wie der Besucher am Eingang erfährt, und Kirchensteuern gibt es in England nicht. St. Martin war auch die erste Kirche im Land, die ihre Gottesdienste im Rundfunk übertrug, und das in die ganze Welt. Eine Kirche, die viele Besucher anzieht, weil sie, wie Pfarrerin Rosemary Lain-Priestley sagt, „das Christentum mit dem richtigen Leben verbindet“.

Die offizielle Gemeindekirche der Queen und ihrer Familie – der Buckingham Palace steht auf dem Boden des Bezirks –, kümmert sich wie keine zweite in der Stadt um Obdachlose und Bedürftige, von denen sich besonders viele rund um den Trafalgar Square sammeln. Schließlich hat auch der Heilige St. Martin als junger Soldat die Hälfte seines Mantels einem frierenden Bettler gegeben. St. Martin ist zudem die offizielle Kirche der britischen Admiralität – hat sich aber stark in der Friedensbewegung engagiert und im Kampf gegen die Apartheid – das South Africa House liegt gleich nebenan.

Im Alltag war Trafalgar Square bis vor ein paar Jahren ein eher ungemütlicher Ort, um den die Londoner einen großen Bogen machten, den sie gerne Tauben, Touristen und Pennern überließen. Denn lange war der Platz vor allem ein gigantischer Kreisverkehr im Dauerstau, eine Verkehrsinsel, durch mehrspurige Straßen abgeschnitten und nur mit viel Geduld oder unter Lebensgefahr zu erreichen. Viele Londoner kamen eigentlich nur aus einem Grund hierher: um den Nachtbus zu erwischen. Davon gibt’s hier jede Menge.

Auch Charles Saumarez Smith hat den Square immer gemieden. Inzwischen überquert der Direktor der National Gallery den Platz zweimal täglich und mit großem Vergnügen. Denn seit Juli 2003 ist alles anders. Kaum war Ken Livingstone zum Bürgermeister der britischen Hauptstadt ernannt worden – ein Amt, das Maggie Thatcher kurzerhand abgeschafft hatte, weil ihr der rote Ken ein Dorn im Auge war –, entwickelte er seinen Plan, Trafalgar Square in einen urbanen Ort zu verwandeln. Und „die Ratten der Lüfte“, die Tauben, zu vertreiben.

Die 25 Millionen Pfund, die in den Umbau gesteckt wurden, sieht der Laie dem Platz nicht an. Und das ist ein Segen. Sir Norman Foster, Stararchitekt, hat sich hier kein Denkmal gesetzt, sein Büro hat sehr subtile, sehr praktische Veränderungen vorgenommen. Die wichtigste ist die Umwandlung der verstopften mehrspurigen Straße an der Nordseite in eine breite Fußgängerpassage. Eine breite Treppe verbindet die National Gallery nun mit dem darunterliegenden Platz; die elegant von unten beleuchteten Geländer sind so clever platziert, dass die Besucher sich zwar auf die Stufen in der Mitte setzen, links und rechts aber Passagen frei bleiben. Beleuchtung, Aufzüge, Toiletten, Bänke, Café – all das ist entschieden modern, aber fügt sich dezent in die historische Umgebung ein. „Subtil, aber dramatisch“, nennt Kurator Roger Hargreaves die Eingriffe.

Die National Gallery, die sich gleichzeitig selbst von innen verschönerte und verbesserte, hat am meisten von dem Umbau profitiert. Zum ersten Mal seit langem kann man sie überhaupt wieder richtig sehen – vorher wurde der Blick durch die Doppeldecker im Dauerstau versperrt.

Friedlich und heiter, so könnte man die Atmosphäre auf dem neuen Platz beschreiben. Wenn – ja, wenn nicht dauernd Zirkus wäre. Neulich zum Beispiel fand hier die Snowboardmeisterschaft statt, riesige Pisten versperrten den Platz, die Begleitmusik war so ohrenbetäubend, dass die Anwohner sich nicht mehr unterhalten konnten, der Auf- und Abbau dauerte ewig. Dass der Platz immer öfter nicht sein darf, was er endlich sein kann, eine fast italienische Piazza, auf der die Menschen sich frei bewegen können – das bedauert der Direktor der National Gallery sehr. Trafalgar Square, findet Charles Saumarez Smith, sollte ein Ort für große, feierliche Ereignisse bleiben, kein belangloser Stadtpark für Allerweltsevents.

Streit hat es immer wieder um den Platz gegeben, und nachdem die großen militärischen Schlachten geschlagen sind, sprechen die Zeitungen heute gern von der „Battle of Trafalgar Square“. Zum Beispiel jetzt, wo der rote Ken Livingstone, ein Freund des neuen Trubels, dafür ist, Nelson Mandela hier ein Denkmal zu errichten, und der konservative Westminster Council dagegen.

Bei den Schlachten um den Trafalgar Square geht es in der Regel um Kunst und Architektur. In einem seiner berühmtesten Auftritte überhaupt wetterte Prinz Charles vor 20 Jahren gegen den damals geplanten Anbau der National Gallery: „eine Art städtische Feuerwache(…), ein monströses Furunkel auf dem Gesicht eines viel geliebten und eleganten Freundes“. Die Genehmigung für den Bau wurde nicht erteilt, die Architekten zogen ihren Entwurf zurück, und am Ende baute das amerikanische Team Venturi Scott Brown den Sainsbury Wing links von der Galerie – eine pseudoklassizistische Attrappe aus dem 20. Jahrhundert.

Heftige Diskussionen entbrennen auch immer wieder um den vierten Denkmalsockel auf dem Platz, der fast 150 Jahre lang leer stand – anfangs weil das Geld, später, weil es an tragenden Ideen fehlte. Es gab öffentliche Umfragen, wem man nun ein Monument setzen sollte, die Antworten reichten von Pu der Bär bis zur Queen Mom. Eine Kunstkommission beschloss nach langen Debatten, man solle kein Denkmal für die Ewigkeit hier aufstellen, schon gar kein militärisches, sondern zeitgenössische Künstler beauftragen, temporäre Werke zu schaffen.

Nun steht zum ersten Mal eine Frau auf dem Sockel. Hell strahlt die Skulptur von Marc Quinn in der Sonne: „Alison Lapper 8 Months Pregnant“ – ein Akt der schwer behinderten, hochschwangeren Künstlerin, die keine Arme und nur kurze Beine hat. Helen Finch und Pfarrerin Rosemary Lain-Priestley gefällt die Statue. Weil sie dem monumentalen Platz etwas Menschliches gebe, weil sie die gängigen Vorstellungen von Schönheit, von Mut und Heldentum, wie Trafalgar Square sie repräsentiert, in Frage stellen. Und war nicht auch der kleine Admiral Nelson behindert? Auf einem Auge sah er fast nichts, einen Unterarm hatte er in einer Schlacht verloren.

Wenn man genau hinsieht, die ganze lange schlanke Säule hochschaut, so erkennt man ohnehin, dass der Admiral nichts Martialisches hat. Eher elegant sieht er aus, fast scheint er im Himmel von London zu tänzeln. Das ist einer der schönste Blicke, den man auf dem Platz haben kann.

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